Von Sebastian Hennig
10.11.2009

Apokalyptische Gesellschaft

»Ohne uns!« – Alternative Kultur im Elbtal

In der Prager Spitze: »Society apokalyptisch«, 1978/80
In der Prager Spitze: »Society apokalyptisch«, 1978/80 von Hartmut Bonk

Gottfried Benn pries die »Ausdruckswelten«, das Reich des Kunstwerkes als Alternative zum »Leben – niederer Wahn«. Die Kunst bedeutet Gegenwelt an sich. In ihrem Bereich wird das Unstillbare gemäßigt, das Ungesonderte gerinnt zu reiner Form. In diesem Sinne ist die Kunst immer Alternative und eine alternative Kunst wäre eine Tautologie, wie ein vitales Leben. Es gibt freilich auch ein Leben, das die Bezeichnung nicht verdient. Das Gefühl, lebendig begraben zu sein, hat seit 1815 die deutschen Künstler nie mehr ganz entlassen. Dagegen setzten die Frühromantiker eine Haltung des erregten Lebens.

Auch die Gegenkunst will das erstarrte Leben verlebendigen. Mit welchen Mitteln das in Dresden in den zurückliegenden Jahrzehnten, vor allem vor 1989, versucht wurde, will nun eine groß angelegte mehrteilige Ausstellung zum ersten Mal im Überblick erfahrbar machen. Wer so jüngst vergangene Ereignisse öffentlich darzustellen wagt, dem wird umgehend eine Fülle von Vorwürfen aus allen Richtungen begegnen. Doch am eigenen Anspruch gemessen ist das Unternehmen durchaus gelungen.

Es wurde vorsichtig, aber nicht zu vorsichtig zu Werke gegangen. Durch Einbeziehung einzelner neuerer Arbeiten auch von jungen Künstlern, die in der Zeit vor 1989 keine maßgeblichen Erfahrungen sammeln konnten, wird der Rahmen offen gehalten, ohne beliebig zu wirken. Wenn einige Künstler fehlen, so kann das vielleicht gerade daran liegen, dass deren Alternativ-Sein nicht allein Gesellschafts-relevant gewesen, sondern noch Kunst-immanent geblieben ist. Ihre Haltung hält an und ihre Hervorbringungen sind darum noch nicht historisch geworden.

Die Ausstellung und der sehr ergiebige Katalog sind mehr Materialsammlung als Geschichtsschreibung. Weite Teile sind mit großer Kenntnis als Kunstausstellung eingerichtet, an der sich überprüfen lässt, inwieweit den Artefakten, abgelöst von ihrer Entstehungsgeschichte, Dauer zugestanden werden muss.

Sowohl Konzeptionen der Romantik wie auch des Expressionismus spielten in der alternativen Kunstszene Dresdens eine Rolle. Das Bohème-mäßige dagegen ergab sich oft schlichtweg aus den dürftigen Handlungsorten. Weite Bereiche des öffentlichen Lebens waren bis in die achtziger Jahre durch Kriegs- und Besatzungswunden gezeichnet. Es wird verwiesen auf die Vorbildwirkung der zahlreichen älteren Dresdner Künstler, zum Beispiel Hans Christoph, Hermann Glöckner, Hans Jüchser, denen die Zeit nach 1945 nur die Fortsetzung einer 1914 beginnenden Misere bedeutete. Deren Werktreue und menschliche Aufrichtigkeit war ein zentraler Orientierungspunkt für die nachwachsenden Generationen in Dresden, um den allerdings wiederum eigene Hierarchien entstanden, sodas schließlich auch der Nonkonformismus seine Konventionen ausprägte. In der deutschen Kunstentwicklung war die DDR ein retardierendes Moment. Im Osten gab es doch immerhin noch Stagnation, als der Westen schon längst den Stillstand einer permanenten Avantgarde-Reproduktion erreicht hatte.

Die Festkultur, also die Partys, Künstler- und Kinderfeste, die immer mehr vom kreativen Miteinander zur pseudo-seriösen Kunstperformance mutierten, unter Verlust der ursprünglichen Unbefangenheit und Selbstironie, war nicht nur der Ausgangspunkt für die als subversiv empfundene Aktionskunst – die Grenzen waren von Anfang an verwischt –, sondern auch für eine unverbindliche Ereigniskultur, die ihre grellsten Blüten in die Gegenwart schiebt. Eine Entgrenzung, in der die Künstler selbst den Rahmen für die Veröffentlichung des Kunstwerkes gefährdeten, beginnt Anfang der achtziger Jahre und geht bruchlos in die kulturpolitisch erwünschten Umgestaltungen nach der Wiedervereinigung über. Exemplarisch dafür sind die »Autoperforationsartisten«.

Mancher der Protagonisten hat das bis heute nicht ganz erkannt. Bei einigen Kunstwerken entsteht der Eindruck, dass der Impetus der Verweigerung so viel Energie beanspruchte, dass es zur Verdichtung des künstlerischen Werks nicht mehr langte. Dem entspricht dann auch eine gewisse Verbissenheit und ein Mangel an Selbstironie. Seit Mitte der achtziger Jahre wurde der Westkontakt weniger als Rückversicherung zum Schutz der eigenen Person gesucht, als durch bewusste Konfrontation um Aufmerksamkeit und Erfolg im Westen geworben. Die subversive Kunst wurde ein Label. So wird diese Ausstellung auch zur Weiche, von welcher der Weg ins Kunstmuseum einerseits und der ins Archiv für Zeitgeschichte andererseits abzweigen wird.

Besonders anschaulich zeigt sich das in der »Motorenhalle«. Die dortige Ausstellung bezieht sich auf den ersten großen gemeinsamen Auftritt der nach Westberlin ausgereisten Dresdner Ralf Kerbach, Cornelia Schleime, Hans Scheib, Helge Leiberg und Reinhard Stangl im »Haus am Waldsee« 1986. Deren Gestus stieß damals auf eine ganz ähnliche Attitüde inszenierter Spontaneität im Westen mit Rückgriff auf den deutschen Expressionismus. Und alles wiederholte sich im verblassenden Abbild. Es gibt Einzelgänger, die sich aus der Ideologie des Anderen und Neuen ablösen und einem eigenen Werk zuwenden, und die Scheiternden. Manche zeigen ein durch dauerndes Studium der Form zunehmendes Werk, andererseits breitet sich viel tote Fläche um gemalte Symbole und bunte Wüsten werden von Gesten durchpflügt.

Aber nicht nur die mangelnde Tragfähigkeit manches seinerzeit suggestiv wirkenden Stückes offenbart sich angesichts der lapidar ausgebreiteten Relikte: Bemalte Faltrollos von der »Intermedia« in Coswig, Gemeinschaftsbilder, Installations- und Aktionsfotos. Schließlich liegen die Zentralorgane des Untergrunds aus den Beständen der Sächsischen Landesbibliothek in Vitrinen aufgereiht. Es kommen aber mit diesem Anlass auch Qualitäten zum Vorschein, die durch die Brüche der Zeit verdeckt waren, so Hartmut Bonks kühner Versuch, eine verallgemeinernde künstlerische Formulierung für den empfunden Zustand zu prägen. Seine Gruppe »Society apokalyptisch«, die im Depot in Westberlin überdauerte, kann sich eindrucksvoll entfalten auf der weiten Fläche des Kaufhaus- und Bürobaues am Ende der Prager Straße. Aus der Glasfront ergibt sich der beziehungsreiche Blick auf ein apokalyptisches Gelände, auf städtebauliches Dilemma Dresdens: eine Stadt in einem nicht enden wollenden Nachkriegszustand.

Solche Bewegungen sind Ausdruck der Gärung einer neuen Generation. Heute trägt diese Generation zum Teil selbst Verantwortung, und die nachwachsenden Nonkonformisten haben eine Sprachlosigkeit, für die noch kein Wörterbuch verlegt ist. Die Zukunft wird zeigen, ob öffentliche und inoffizielle Kultur noch ebenso fast organisch auseinander hervortreiben können. Der Kunstfeind Nummer Eins ist immer der Banause. Und politische Verhältnisse können ihn zum Entscheidungsträger werden lassen, jederzeit.

»Ohne Uns! – Zur Kunst & alternativen Kultur in Dresden vor und nach '89«.

Bis 17.01 2010:
Motorenhalle, Wachsbleichstraße 4a, Prager Spitze, Prager Straße 2a, Di-Sa 14-20, So 14-18 Uhr.
Gedenkstätte Bautzner Straße 112a, Mo-Fr 9-16 Uhr.

Bis 4.12.09:
Lichthof des Rathauses, Dr.-Külz- Ring 19, Mo-Fr 9-18 Uhr

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