Die Epizentren des studentischen Protests in Deutschland liegen in diesem Jahr in der Provinz. Während in der Hauptstadt noch trügerische Ruhe herrscht, befinden sich in Tübingen, Münster oder Heidelberg Studierende seit rund einer Woche im Ausstand. So haben beispielsweise an der Universität Münster am Mittwoch letzter Woche rund 200 Studierende das Audimax der Universität besetzt. Vorläufig letztes Glied in der Protestkette ist die Universität Greifswald. Dort nahmen in der Nacht zum Dienstag Studenten einen Hörsaal in Besitz.
Ausgangspunkt der Proteste zu Beginn des neuen Semesters sind aber die Aktionen an den österreichischen Universitäten. Seit mehreren Wochen protestieren dort Studierende landesweit u. a. gegen überfüllte Hörsäle und gegen ein unterfinanziertes Hochschulsystem sowie für Veränderungen bei der sogenannten Bologna-Reform. In Österreich, so gestern der Wiener Student Robert Pospichal auf einer Pressekonferenz an der Berliner Humboldt-Universität, sei es mittlerweile sogar zum Schulterschluss mit streikenden Metallarbeitern und Erzieherinnen gekommen. Und aus Deutschland gab es Fresspakete mit Kaffee, Schokolade und Kartoffeln.
Die österreichischen Studenten sind damit ihren deutschen Kommilitonen zuvorgekommen. Die wollten eigentlich erst am 17. November so richtig loslegen, wie die Initiatoren des »Bildungsstreiks 2009« gestern betonten. Wie in Österreich stehen auch hierzulande die Auswirkungen der vor zehn Jahren beschlossenen Harmonisierung des europäischen Hochschulraumes im Mittelpunkt der Kritik. Die Einführung der gestuften Studienabschlüsse Bachelor und Master habe zu einer Überfrachtung der Lehrpläne und zu einer unzumutbaren Arbeitsbelastung der Studierenden geführt, kritisierte Michael Dunker von der Universität Münster gegenüber Medienvertretern in Berlin. Die Zusicherung von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) nach den Bildungsprotesten im Sommer dieses Jahres, alle Bachelor-Absolventen, die das wollen, auch zum Master-Studium zuzulassen, sei »ein bloßes Lippenbekenntnis geblieben«, kritisierte Dunker. »Seit den Protesten vom Sommer hat sich die Politik nicht bewegt«, ergänzte die Berliner Schülervertreterin Paula Rauch.
Der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Ulrich Thöne, sieht dagegen durchaus Fortschritte. Erstmals seit Jahren werde auf politischer Ebene wieder über die negativen Folgen des Bologna-Prozesses diskutiert, sagte der GEW-Chef. Die KMK agiere jedoch »noch viel zu verhalten«. Klaus Böhme von der Gewerkschaft ver.di warf der KMK vor, lediglich Empfehlungen an die Hochschulen zur Korrektur bei der Bologna-Reform formuliert zu haben. »Nötig sind aber klare Vorgaben, die die Arbeitsbelastung der Studierenden sowie den Übergang vom Bachelor- zum Master-Studium erleichtern«, betonte der ver.di-Bildungsexperte.
Zumindest einem Teil der protestierenden Studierenden sind solche Forderungen zu milde formuliert. Innerhalb des Bildungsstreik-Bündnisses würden Stimmen nach einem Ausstieg aus dem Bologna-Prozess laut, sagte Michael Dunker. Kritisiert werde vor allem, dass das universitäre Lernen immer mehr auf die Vorgaben des Arbeitsmarktes zugeschnitten werde. »Bologna kann man nicht nachbessern, nur abschaffen!«, kommentierte ein Student vor wenigen Tagen im Internet den Beschluss der Kultusminister, Studiengänge zu überarbeiten und Regelstudienzeiten in besonders arbeitsintensiven Fächern zu verlängern.
Zum Auftakt der Bildungsproteste am 17. November sind an mehr als 100 Hochschulen Aktionen geplant. Bundesweit ist eine Aktionswoche zwischen dem 30. November und dem 6. Dezember vorgesehen. Proteste soll es auch am 24. November am Rande der in Leipzig tagenden Hochschulrektorenkonferenz (HRK) sowie am 10. Dezember am Tagungsort der KMK in Bonn geben. jam
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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