Sprungmarken: Inhalt, Navigation.
Suchen auf neues-deutschland.de:

Erweiterte Suche

Von Martin Hatzius 12.11.2009 /

Was den Menschen passiert war

Dietmar Daths Roman »Die Abschaffung der Arten« auf der Bühne der DT Box

1

Im altehrwürdigen Gebäude des Deutschen Theaters Berlin, das selbst im Dunkel eines Novemberabends noch lichte Erhabenheit ausstrahlt, befindet sich, Eingang Kammerspiele, links hinter der hippen Bar, ein großer schwarzer Kasten. Die DT Box, in Betrieb seit 2006, ist der hermetisch abgedichtete Experimentierraum des Hauses. Was hier über die Bühne geht, szenische Auseinandersetzung mit neuen, verstörenden Texten zumeist, entzieht sich demonstrativ dem Einblick von Außen. Die DT Box verhält sich zum Rest des Theaters wie das menschliche Hirn zum Körper. Hier das uneinsichtige Labor des mal schüchternen, mal kruden, mal unerhörten Denkens, dort die stimmgewaltige Repräsentanz. Als die Theaterpforte mich am Ende des Premierenabends ausspuckt in Berlins neonbestrahlte nächtliche Mitte, bin ich ein leises Wort, das schüchtern in die laute Welt entweicht.

Auf dem Spielplan: Kevin Rittbergers Bühnenfassung des Dietmar-Dath-Romans »Die Abschaffung der Arten«. Wie, bitte, sollte das aber gehen? Dath entwirft in seinem durchgeistigten Science-Fiction-Buch das Szenario einer Welt, in der die Herrschaft des Menschen gebrochen ist. An seine Stelle sind die Gente getreten, eine Form höherer Intelligenz, der es gefällt, in Gestalt sprechender Tiere aufzutreten. Durch den 2008 für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman hatte ich mich wie durch ein nicht enden wollendes Dschungel-Dickicht gefochten. 550 dicht bedruckte Seiten, deren Sätze sich wie Schlingpflanzen um den eigenen schlichten Geist winden, intellektuelle Fallstricke, wohin man sich lesenden Auges wagt.

Aus Versatzstücken einer unübersichtlichen Fülle natur- und gesellschaftswissenschaftlicher Theorien rührt Dath einen Sumpf der Fiktion, der jeglichen festen Boden schwinden lässt. Es gibt keinen Halt. Umschwirrt von Raubtieren und Insekten, Einzellern und Herdenwesen ermattet der Widerstand gegen das Geschriebene. Mit den erbärmlichen Resten der eigenen Spezies verschwindet der Leser im Strudel dieser niederreißenden Prosa. Ist es ein Kompliment, wenn man dem Autor fesselnde Sprache bescheinigt? Sich aus Daths Fesseln zu lösen, ist jedenfalls weder ein Leichtes, noch ein Vergnügen.

Kurzum; ein anstrengender, zermürbender, vor allem aber ein sehr, sehr langer Theaterabend stand zu erwarten. Nichts von alldem trat ein. Statt vor dem erdrückenden Wissens-, Gedanken- und Erfindungsreichtum der Vorlage in die Knie zu gehen, hat Kevin Rittberger den Inhalt des Buches so grob gesiebt, das man dies als respektlos missdeuten könnte. Gewichtige Figuren sind dabei durchgefallen, ganze Handlungsstränge und Theorieexzesse. Die exotische Fremdheit der Roman-Welt wird auf der leeren Bühne durch eine einzige Wand im Hintergrund konterkariert, auf der eine Graslandschaft in vielen Grüntönen prangt. Derart unbefangen hat der junge Regisseur das Dathsche Dickicht gelichtet, dass man sich frei darin bewegen konnte.

Davon machten die vier gutgelaunten, in verschiedene Rollen wechselnden, zeitweilig aber auch nur am Bühnenrand sitzenden und das Geschehen beobachtenden Schauspieler regen Gebrauch. Es schien Vorsicht geboten, sich von ihrem lustvollen, freien, zuweilen ironisch kommentierenden Spiel nicht über die Maßen unterhalten zu lassen. Lustig ist die Ausrottung der Menschen ja nun nicht. Oder doch? Dietmar Dath, der in den engen Stuhlreihen links hinter mir saß, schnaubte mir gelegentlich ein trockenes Kichern ins Ohr.

Die komischste Szene des Abends ist eine Rückblende auf die Endzeit der Menschenära: Ein Geschäftsmann, der später zum Finanzbuchhalter der Gente-Schöpfung werden soll, will in einem Backshop ein Dreikornbrötchen und eine Flasche Wasser kaufen. Ein einfaches Unterfangen? Mitnichten. Der auf Kundenfreundlichkeit trainierte Verkaufslehrling treibt den Durstigen erst in einen Sprachkampf um das gewünschte Wasser – »mit oder ohne Gas, Still, Medium oder Classic« –, dann in den Wahnsinn. Elias Arens spielt diesen Dialog im Alleingang. Sekundenschnell springt er vor und hinter den Tresen, wechselt Gesicht und Gebahren – eine großartige Persiflage auf die einfältige Prioritätensetzung in einer konsumistischen Welt. »Wieso war den Menschen passiert, was ihnen passiert war?« Diese Frage mäandert durch das Stück. Vielleicht wird sie im Backshop beantwortet.

Aber wer ist das, der hier auf die Menschen und ihre Zeit, die Ära der »Langeweile« herabblickt? Wer, was folgt dem Dilemma? Daths Menschheitsüberwinder, die Gente, sind bei Kevin Rittberger Aufsteller aus Pappe: ein Löwe, eine Libelle, ein Dachs, ein Wolf und ein Luchs im niedlichen Antlitz von Comicfiguren. Die Darsteller, in Puppenspielermanier ganz schwarz gewandet, treten hinter diese Papptiere, stecken ihren Kopf durch ovale Öffnungen in deren Gesichtern. Oder sie treten hervor, agieren dann außerhalb der Tierkörper, die den gestaltwandlerischen, nicht auf äußere Erscheinung angewiesenen Genten ohnehin nur Maske sind, Pappe.

Die Gente sind Extrakte wohl aus reiner Wissenschaft und reiner Kunst – geschaffen wurden sie aus dem Geist der Musik, die auf der Bühne in Form eines Cellos und seiner Spielerin Boram Lie omnipräsent ist – und doch trägt ihr Handeln unverkennbar die Spuren ihrer menschlichen Vorfahren. Obwohl die Fortpflanzung über biotechnische Prozesse geregelt ist, spielen Wolf und Lüchsin hingebungsvoll Mensch; wollüstig fallen sie übereinander her. In den Katakomben der Gentenstädte halten sich die sprechenden Tiere Rest-Menschen als Prostituierte (was nicht gezeigt wird, aber in der atemberaubenden Deklamation der entsprechenden Roman-Passage durch die Libelle Philomena – Olivia Gräser – grauenhaftes Bild im Kopf des Zuhörers wird). Der Löwe Cyrus Golden schließlich, Schöpfer und Herrscher der Gente, entpuppt sich als Inkarnation eines menschenverachtenden (menschlichen) Wissenschaftlers – mit Hippie-Mähnentoupet selbstherrlich verrückt gegeben von Jörg Pose.

Am Ende müssen die Gente vor einer neuen Spezies kapitulieren und die Erde verlassen – freilich, um über interplanetare Umwege in Gestalt zweier luftiger Wesen zurückzukehren. Auch dies wird auf der Bühne nicht gezeigt, sondern von Judith Hofmann rezitiert, ach was: gehaucht, orakelt, mit rauer Stimme in den schwarzen Raum geschrieben. Die Evolution ist Geschichte, die Arten sind abgeschafft, ein neues Sein kann beginnen. Statt der klassenlosen Gesellschaft hat Dath im Darwin-Jahr das artenlose Leben ersonnen.

Die Vorgänge innerhalb einer Black Box sind nicht von Belang. Gegenstand des Interesses ist lediglich das Verhalten der Box zur Außenwelt: Was wird eingegeben? Was kommt heraus? So will es die Systemtheorie, die sich dieses Instrumentariums zur Reduzierung von Komplexität bedient. Aus der DT Box strömen die Menschen zur Bar. Wasser wird wenig bestellt. Und was dann?

Nächste Vorstellungen: 14., 27. und 28.11., 15., 21. und 30.12.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Kommentare zu diesem Artikel

Kommentar schreiben (Login erforderlich)
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Ihre Meinung zu diesem Artikel

Mehr aus: Feuilleton
Frisch gebloggt
24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

Änderungen in der nd-Community

Alle Blogs

Facebook
Twitter
Vernetzung

»nd in der Schule«

Medienkompetenz und politische Bildung
Kristina Schröder Bildungsabo

Um Mithilfe wird gebeten

Bundesministerin Kristina Schröder warnt vor dem linksextremen »nd«. Lesen Sie selbst!
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Werbung:

Werbung:

Sprungmarken: Seitenanfang.