Von Hans-Dieter Schütt
16.11.2009

Man könnte England zu uns sagen

»Werktage I« von Volker Braun: ein aufregender Reiseführer durch die DDR 1977 bis 1989

Zwölf Jahre auf knapp tausend Seiten. Nicht: Tagebuch. Werktage I. Gelebtes Schreiben; das Leben schreibend. Und es bleibt bei der Wahrheit des Satzes von Martin Walser: Geschrieben haben hilft nicht, es hilft nur: schreiben. Der siebzigjährige Dichter Volker Braun lässt uns nachlesen, wovon die Mitte seiner Jahre, 1977 bis 1989, ins Beben und Brennen, ins Bedrückt- und Beseeltsein kam. Lesungen und Diskussionen nennt er schon früh und müde »das laute nachdenken für die archive der stasi«, aber ebenso früh und wach wehrt er sich gegen diese Müdigkeit, die eintritt beim Hüsteln der jeweils festgelegten Linie: »mich verdrießt der tragische ton.«

Volker Braun ist kein Tragiker, er ist ein Problematiker, er ist ein Poet der entzündbaren Kräfte, und Kraft will von Kraft verstanden, das heißt in ihrem Wirkenden erhalten werden. Daher ist ihm alles: Eröffnung. Noch der Zweifel, auch der regelmäßige Rückschlag, die erfahrene Willkür, und immer wieder der Druck durch verweigerte Drucklegungen »im land, in dem man am besten schreiben und am schwersten publizieren kann«. 2.8.77. »höpcke kommt, um sich über die BERICHTE in sinn und form zu beschweren … ich bliebe, sagt er, unter meinem bewusstsein … das ist ja eine hauptsache beim schreiben: UNTER dem bewusstsein zu bleiben und die verhältnisse neu zu ergründen.« 26.8.82.

Diesen Lyriker und Dramatiker und in allem den poetisierenden Theoretiker treiben die »probleme der gesellschaft mit den individuen, nicht nur der individuen mit der gesellschaft«, sie treiben ihn um; er geht den Grund-Rissen im gesellschaftlichen Neubau nach (»mich interessiert der eine fehler, der den bau zertrümmert«), Braun durchwühlt den Marx, den Trotzki, den Eurokommunismus, er blickt zum Frankreich der lebendig protestierenden Straßen, wo der »herzbruder« Alain Lance lebt, er konsultiert immer wieder den Freund Jürgen Teller, die Klassik und die Klassen-Besten der Arbeiterbewegung; eine Panoramaskizze der Künstler- und Intellektuellenszene entsteht, eine Zeit massiver Atomkriegsängste; viele berührende, kristalline Porträts, etwa von Rudolf Bahro (»die partei kritisiert ihr mitglied mit der polizei«), der weggehenden Sarah Kirsch (»sie gewinnt nichts bei dem wechsel, aber das land verliert eine dichterin«), der Dramaturgenjahre am Berliner Ensemble; er liest uns die Presse, das Buch sammelt Fotos, Artikelausschnitte, Vierzeiler, Traktate, sogar eine Zeichnung Henry Büttners ist dabei (philosophische Geister finden immer zueinander).

Die von Kontrolle und Zensur und Misstrauen zernervte Entstehungsgeschichte mehrerer Stücke und des Romans von Hinze und Kunze ist eine Erzählung des Hauptkonflikts, in dem Braun am Schluss – also heute, also lang nicht am Ende – sein Werk sehen muss: Große Kunst im Gezeitenwechsel von Fruchtbarmachung und Verwüstung kann nicht zugleich an sich selbst glauben und an den Beifall einer Macht (und Menge), die als Agentin des Verwüstens auftritt. Für nichts weniger entsteht Poesie, so darf Braun verstanden werden, als für eine neue Weltverfassung. Da wird dichtend keine Stauung ausgetobt, sondern eine Hochebene menschlicher Seins-Chance verteidigt, die es noch nie gab. Kunst nicht als Verbandsplatz für die bürgerliche Seele, sondern als Emanzipationswerkstatt für einen Materialismus, der immer Material bleibt. Das Gegenteil von Beton.

Mit einem solchen Maßstab muss Kunst nach dem Schmerzlichen in der Gesellschaft fragen und eine Arbeit des unglücklichen Bewusstseins bleiben. Georg Büchner ist beizeiten ein Bruder, nahe »meiner rabiaten art«, ein dichter gegen die innere Zensur, also das scheinsozialistische »leben im system, jeder hat seine politisch-moralische feile im schädel«. Stets dachte ich, mit der Verleihung des Georg-Büchner-Preises an Volker Braun, weit nach dem Ende der DDR, sei endlich, selten genug, eine Entsprechung geschehen zwischen Namensgeber und Preisnehmer. In den »Werktagen« kann man diese radikale Unablässigkeit Brauns schön erlesen: von keiner Zukunft abzulassen, die das Leben arbeitsethisch regelt und nicht mit therapeutisch-kompensatorischen Reservaten, darin die Kunst nur eine Abform der Heilkunst ist.

Aber wäre da nicht doch auch die ganz profane Existenz! – »in einem land, in dem es nur immer gilt, notwendigkeiten nachzukommen, macht es keine lust zu arbeiten.« 15.2.89. Einmal spricht der Komponist Friedrich Goldmann von DDR-weiter Enge, Braun darauf sarkastisch: »wenn es das nicht schon gäbe, könnte man england sagen«. 13.3.81

Gegangen ist er nie, so klemmt alles im Zwiespalt: Man nahm die Position des Widersprechenden ein, und wurde doch just damit als Fürsprechender vereinnahmt. Die Kassiber, die man in die frostblinden Fenster kritzelte, verkaufte das System als Eisblumengruß an sich selbst. So wird, nach langer Vorarbeit der Enttäuschungen, das Jahr 1989 »das ende der schrecken im vorschein der schönheit … die gewaltlose kraft, die unser leben in die letzte krise treibt, hinter der das andere wohnt, das ungeheure, eigene, zu dem wir jetzt gefordert sind«.

Eine Dauerzitierverführung, dieses Buch. »die mühen der ebene liegen hinter uns, vor uns liegen die mühen der höhepunkte … der marxismus ist nicht allmächtig, weil er wahr ist.« 23.4.86. Kein Eintrag beiläufig. Noch im geplant Unöffentlichen, das jetzt erst, zwanzig Jahre nach dem letzten Eintrag, ungeplant öffentlich wird, gibt die Poesie keine Ruhe. Sprache pocht sich ins fortwährend denkende Bild, sie ist immer Form, ist auf dem Absprung ins nichterlernbare Gelingen. Die Werkmächtigkeit will und will nicht nachlassen. Durch Kunsthöhe verkündet das Geschriebene die Überbietung jener Wirklichkeit, von der Notiz genommen wurde (»gemeinplätze sind ein übel in der kunst, aber eine hoffnung im leben«). Das Notat, das privat bleiben, nicht vorgezeigt werden soll, verleugnet doch nicht jenes Können, das sich sehen lässt. So liest sich das nicht als Begleitbuch zum eigentlichen Werk, es ist selber ein Poem, ist Literatur, in dem ich rasch die Gestalten sich formieren sehe, und das steht als Rohbau, als Brocken. Ergriffenes Lesen, ungestört durch den Erklärungspluster möglicher Fußnoten und Handreichungen.

Der Zauber der Wirkungen gibt einen Begriff vom faulen Zauber der Ursachen: Braun lässt mit Lust und Leiden den Raum aufklaffen zwischen Realität und Ideal: »die bleibe, die ich suche ist kein staat. mit zehn geboten und mit eisendraht:/ sähe ich brüder hier und nicht lemuren./ wie komm ich durch den winter der strukturen./ partei mein fürst: sie hat uns alles gegeben/ und alles ist noch nicht das leben.«

Die hiesige Zeit »hat einen gang«, bei dem »die historische stunde hundert jahre dauert«. 4.3.77. Ein paar Monate später über ein Chefdramaturgenseminar, auf dem »der (Kultur-)ministeriale rackwitz beeindruckend nichtssagend« resümiert, »alles mit der neumodischen leisen stimme. der atem der provinz noch immer.«

Das spielt auf Brecht an, der im »Arbeitsjournal«, nach einem Gespräch mit Friedrich Ebert, vom »stinkenden Atem der Provinz« sprach. Immerhin: von damals bis heute ein fehlendes böses Wort – schon ein Fortschritt. Und im gleichen Jahr '77, im Schriftstellerverband: »so viele köpfe, die mir egal sind, finde ich in keinem reichsbahnwartesaal.«

Zwei Jahre später schreibt er über die aus dem Berliner Verband gejagten Autoren und gibt ein Bild der Gesellschaft, das auch noch dreißig Jahre später beschämt und anklagt: »das sind die im lichte; die frage ist doch, wer alles, in diesem betrieb zb, an den rand gerät, nicht ernstgenommen, mißhandelt, zurückgestoßen, so daß ers aufgibt, sich einzubringen, nicht mehr der ganze ist für die andern sondern der teil, den sie problemlos akzeptieren. Die vielen mit ihren ausgeschlagenen händen und gedanken. Nehmen wir die zerstörungen wahr, haben wir acht, und getrauen wir uns heraus voreinander. die vielen, die sich nicht einmal auf dem papier zur wehr setzen. Dieses dunkle zwischen uns, wo anscheinend nichts ist, aber es ist das ungelebte leben.« 29.11.79. Ein DDR-Kurzporträt dies, auswendig zu lernen als Strafe, diesen Text als Vorspannpflicht für jeden blindlings schön gewundenen Kranz für die Vergangenheit.

»die eine ladung eines wasserwerfers an der schönhauser hat das system bis auf die knochen durchweicht.« 7.10.89. Da ist er wieder, eine so vielfache Erfahrung: der eine Fehler, der den Bau zertrümmert. »wir wenden uns an, und wir wenden uns an, wir wenden uns an alle, aber wir wenden uns nicht –«. 18.10.89, die Reaktion auf den neuen Generalsekretär. Dann am 28.10.89 die Bilanz eines Lebens-Werkes: »das jahr 68, mit dem pariser mai und dem prager frühling, bedeutete eine wende in unseren biographien; es war eine wendung in den einsamen trotz, in die trauer; von da an datiert der gegentext unserer literatur zum monolog der macht.«

Von hier aus geht er sich an den Kragen, um den er sich nicht schrieb, kritisiert früh seinen Gedichtband »Provokation für mich«, spricht vom »illusionistischen pathos«, alles »war vorgefühl, nicht erkenntnis der lage. erschreckend, daß das damals solche wirkung tat«. 1981 hatte er der weltweiten Friedensbewegung einen kommunistischen Impuls attestiert, »auch deshalb haben wir sie nicht auf unseren straßen«. Er nennt 1989 die Partei – die sich, herbstlich kalt angeweht, auf kurzfristig gejapsten Beschluss hin nun erneuern will – die Katastrophe und fragt logisch: »wie will man eine katastrophe erneuern?«

Sozialismus? Braun weiß, und er schreibt es am 31.12.89 auf der letzten Seite seines Buches: dass wir »die alten wahrheiten, die alte zukunft« nicht loswerden, »weil wir sie nicht gelebt haben«, es bleibe aber nur eine »geringe spanne zeit, dann werden wir den möglichkeiten nachblicken«. Härter kann eine Neujahrsfrage nicht sein, der abschließende Satz dieses atemberaubenden Werktagebuches, eine Frage am Rande der Freiheit schon: »oder läuft das aus dem stacheldraht in die zwangsjacke?«


31.5.78
adresse an das präsidium des schriftstellerverbandes

der gremien oberstes, das aus der asche steigt
ein feuerfester kreis, sitzt groß nun auf den stühlen.
die größern, die nicht hören wollten aber fühlen
sind aus dem spiel, worin sie stets zuerst gegeigt
die spitzen sind gebeugt der spitze nicht geneigt.
wohlan! die lauen denn und nimmermehr die kühlen
das ist der zug der zeit: das mittelmaß muß wühlen
das denkt bevor es denkt, und wenn es redet schweigt.
(Auszug)

Volker Braun: Werktage I. Arbeitsbuch 1977-1989. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2009. 998 S., geb. 29,80 €.

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