Unüberhörbar war am Montagabend der Ruf nach einem gerechten Prozess für Yunus K. und Rigo B. Den beiden Jugendlichen wird seitens der Berliner Staatsanwaltschaft vorgeworfen, im Anschluss an die diesjährige Revolutionäre 1. Mai-Demonstration einen Molotowcocktail entzündet und auf Polizeibeamte geschleudert zu haben. Etwa 400 Schüler, Lehrer, Angehörige und Freunde der beiden Jugendlichen hatten sich in der Aula der Waldorfschule in Mitte versammelt, um ihre Solidarität mit den beiden Inhaftierten kundzutun. Diese sind wegen »versuchten Mordes« angeklagt.
Mittlerweile mehren sich jedoch die Hinweise, dass es sich bei den Jugendlichen keineswegs um die Täter des Brandanschlages handelt. So stehen den belastenden Aussagen zweier Polizeibeamter, die sich gegenseitig sowohl bezüglich der Festnahmesituation als auch des Festnahmeortes widersprechen, eine Fülle von Indizien entgegen, die für die Unschuld der beiden Jugendlichen sprechen: An der Kleidung der Inhaftierten wurden keinerlei Spuren von brennbaren Flüssigkeiten gefunden, obwohl die eingesetzte Flasche massiv getropft haben soll. Fotoaufnahmen, die Zeugen des Vorfalls der Polizei zur Verfügung stellten, zeigen nicht die Beschuldigten, sondern vier andere Männer. Hinzu kommen Aussagen mehrerer Zeugen, die die beiden Schüler entlasten.
»Die Staatsanwaltschaft will mit Biegen und Brechen eine Verurteilung durchsetzen«, konstatierte auch Ulrich von Klinggräff, einer der Anwälte der Beschuldigten. Er sei zutiefst überzeugt, dass die beiden Jugendlichen nicht schuldig seien. Ähnlich äußerte sich seine Rechtsanwaltskollegin Christina Clemm, die die Frage aufwarf, wie die beiden Inhaftierten die Molotowcocktails überhaupt transportiert haben sollten. Schließlich hätten sie ohne Taschen und Rucksäcke an der Demonstration teilgenommen. Clemm verwies zudem auf ein Detail in Bezug auf das Vorgehen von Polizei und Justiz. So hätten Beamte die Wohnung eines der Männer durchsucht, der auf den Zeugenfotos zu sehen ist. Dabei hätten die Polizisten zwar einen Benzinkanister im Bettkasten gefunden, diesen jedoch nicht sichergestellt.
Mittlerweile gelten die seitens des Berliner Oberstaatsanwaltes Ralph Knispel erhobenen Vorwürfe Beobachtern als konstruiert. Auch am Montag wurde der Verdacht geäußert, dass Yunus K. und Rigo B. einzig zur Abschreckung verurteilt werden sollen, da die Justiz seit Monaten einer medialen Dauerkampagne ausgesetzt sei, die ein härteres Vorgehen gegen die politische Linke der Stadt fordere. Auch die ehemalige Musiklehrerin von Yunus K. befürchtet eine »exemplarische Verurteilung« der beiden jungen Männer. Mitschüler, die den Prozess von Beginn an beobachten, sprachen von einer »politischen Farce«, zeigten sich »schockiert« und äußerten, »den Glauben an den Rechtsstaat verloren« zu haben. »Ich kann mich im Staat BRD nicht mehr frei fühlen, wie ich es früher einmal getan habe«, äußerte ein sichtlich bewegter Mitschüler der Inhaftierten. Der Großvater von Rigo B. sagte mit tränenerstickter Stimme, dass er erst aufgrund der breiten Solidarität mit seinem Enkel wieder Mut gefunden habe.
Die Waldorfschule hatte unterdessen dafür gesorgt, dass Yunus K. trotz Inhaftierung seine Abiturprüfung ablegen konnte und sich stets mit ihren beiden Schülern solidarisch gezeigt. Einig waren sich Schüler und Lehrende auch in der Bewertung der jungen Männer. Sie seien stets hilfsbereit und freundlich und bisher nirgendwo durch Gewalttätigkeiten aufgefallen, hieß es. Der Prozess wird in den kommenden Wochen fortgesetzt.
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