Das möchten viel mehr Leute, als man sich je hätte vorstellen können: Ihr Leben an sich vorüberziehen lassen und das auch noch öffentlich machen. Aber Manfred Hocke ist kein Laienschreiber. Er hat zahlreiche Stücke übersetzt, war Dramaturg an verschiedenen Theatern und von 1971 bis 1990 – dem Jahr seiner »Abwicklung« dort – Entwicklungsdramaturg im DEFA-Studio für Spielfilme. So fand er für seine Autobiografie künstlerische Gestaltungsweisen, die erst einmal gar nicht an einen Lebensbericht denken lassen: eine Erzählung in dritter Person über den Flüchtlingsjungen Manfred Breslauer und ein Hörspiel, das man »Szenen einer Ehe« nennen könnte, aber es geht um die Situation in den 50er, 70er und 90er Jahren in der DDR, wobei der Rückblick auf den eigenen künstlerischen Werdegang gesprächsweise eingeflochten ist.
»In Breslau hätte ich zu kapitalistischer Zeit nie studieren können«, sagt der junge Mann. »Wozu sind wir noch nütze?«, fragt der alte – und drückt damit ein Zeitgefühl aus, das viele aus seiner Generation kennen, die der DDR dankbar waren, dass sie ihre Fähigkeiten entwickeln konnten, die manches auch kritisch sahen, aber ahnten: Ein Leben in der BRD würde ihnen keine Vorteile bringen. Was dann auch eintrat. Sie verloren ihre Anstellung. »Das nennt man Auswechseln der Eliten!«, sagt Manfred Hockes Alter Ego, um kurz darauf hinzuzufügen: »Ich bin ein kleiner Mann.«
Im Hörspiel schenken »Er« und »Sie« sich immer mal wieder etwas Höherprozentiges ein, was sie zusammenschweißt, aber auch auseinanderbringt. Doch diese Konflikte sind lediglich angedeutet, weil der Autor vor allem den Halt dessen braucht, was er geleistet hat.
Detaillierter sind da schon die Kindheitserinnerungen, die Manfred Hocke in einen Sechs-Kilometer-Weg packt, den ein Zwölfjähriger 1945 von einem Dorf in der Lausitz bis nach Bautzen zurücklegt. Episoden aus seiner Zeit in Breslau, die Armut, die Einsamkeit – »Wozu war er eigentlich da, wenn sich niemand darüber freute ...« – schieben sich in sein momentanes Erleben. »In deinem Kopf liegt alles wie Kraut und Rüben durcheinander«, hatte seine Oma einmal gesagt. »So kommt man im Gespräch von Bismarck auf die Preiselbeeren«, drückt es seine Frau im Hörspiel aus. Er selber nennt es »Durchfall im Kopf«, im Verlagstext heißt es »in Joycescher Tradition«. Die künstlerische Methode des Bewusstseinsstroms, in dem Außergewöhnliches und Alltägliches, Gesellschaftliches und Privates ineinander fließen und Strudel bilden, hat Manfred Hocke zu der seinen gemacht.
Will man in der Unmenge von Einzelheiten ein Grundmotiv erkennen, kann man sich getrost an den Titel halten: »Heimatsüchtig«. »Ist Heimat das, was man als Heim hat oder hat der Heimat, der etwas hat in der Heimat?«, sinniert der Zwölfjährige und erinnert sich an einen Ausspruch seiner Mutter: »Arme Leute haben keine Heimat.«
»Ich glaube, mich holt meine Breslauer Zeit wieder ein«, resümiert der alte Mann im Hörspiel. »Ich werde dort landen, wo ich geboren bin, im Asyl für Obdachlose, oder dicht daneben.« Stolz – und Kränkung, so dass es scheinen mag, als sei das Gefühl von Fremdheit schon immer da gewesen, »als sei er gar nicht in der Heimat, sondern auf einem unbekannten, kalten Stern«.
Manfred Hocke: Heimatsüchtig. Verlag Wiljo Heinen. 173 S., brosch., 5 €.
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