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Von René Heilig 24.11.2009 /

Luft-Taxi-Betrieb Marxwalde

Honeckers »Air Force One« ohne Höhenflüge

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1946: Walter Ulbricht fliegt zurück aus Moskau

Elitetruppe, geheimnisumwittert, streng abgeschirmt.« Jetzt kommt alles raus über Honeckers Air Force One, den fliegenden Gefechtsstand, der voller Elektronik war, die jedem Atomschlag trotzen konnte. Und ganz gewiss gab es da noch so ein paar Extras.

Denkste! Wer dieser reißerischen Aufmachung des Films von Dirk Külow und Jürgen Ast folgt, wird enttäuscht. Tatsache ist – und dieses Verdienst muss man den Autoren zugestehen: Um das NVA-Transportfliegergeschwader 44, stationiert in Marxwalde (dem Ort, der heute wieder Neuhardenberg heißt), hat sich bislang keiner gekümmert.

Wozu auch? Wir waren eine Art Taxi, man sagte uns, wohin die Reise geht, und wir sind geflogen. Etwa so fasste einer der Piloten seine Aufgabe zusammen. Und »Honeckers« Maschine war ebenso bieder ausgestattet wie die Waldsiedlung in Wandlitz, wo sich das Politbüro abgekapselt hatte. Bei allem Größenwahn der kleinen DDR: Der Vergleich mit der Air Force One des US-Präsidenten, diesem Hightech-Kommandostand, von dem aus Kriege und Krisen gemanagt werden, konnte also nicht ernst gemeint sein.

Doch zurecht witterten die Autoren hinter der Taxi-Normalität mehr, als sich erzählen lässt. Aber eben nicht so spektakulär, wie angekündigt. Das Geschwader gehörte zur Nationalen Volksarmee, es war eingebunden in das, was man militärische Pflichterfüllung nannte. Und dass man die militärischen Kennzeichen der Maschinen schon bald nach Aufstellung des Truppenteils (der übrigens Artur Pieck hieß, der nicht nur Sohn des ersten DDR-Präsidenten war, sondern auch im Zweiten Weltkrieg Offizier der Roten Armee) durch INTERFLUG-Symbole ersetzte, hat nichts Geheimnisvolles. Der Film zeigt, wie schwer es in Zeiten der Hallstein-Doktrin war, Überfluggenehmigungen und Landerechte zu bekommen.

Erzählt wird aus der Geschichte des 1957 aufgestellten Geschwaders – und so auch DDR-Geschichte. Erst nur Anhängsel des »großen Bruders«, der sogar die ersten Besatzungen der IL-14-Regierungsmaschinen stellte, wurde aus der DDR ein weltweit agierender Staat. Bis zum Ende, nachdem die Regierungsflieger nur noch Beamte zwischen Bonn und Berlin »kutschierten«. Doch bis dahin kramten die Filmmacher fleißig in Archiven des DDR-Fernsehens, die jeden Schritt der Partei- und Staatsführung aufbewahrten. Als Begutachter der DDR-Außenpolitik bieten Külow und Ast einen Dr. Werner Kilian vom Auswärtigen Amt in Bonn und Peter Pragal, einst Korrespondent des »Stern« in der DDR, an. Welche Kompetenz sie zu Zeitzeugen macht, erschließt sich nicht.

In erfrischendem Kontrast zu ihnen und den offiziellen Propagandabildern sind die Berichte der Offiziere. Sie erzählen alles eine Nummer kleiner, eben aus der Sicht von Taxifahrern. Es ist gut, dass Menschen zu Wort kommen, die einfach verlässlich waren, die ihr Familienleben oft hinter die »politisch-militärischen Erfordernisse« stellen mussten. Doch das hat wenig mit dem Regierungsgeschwader zu tun, auch die Piloten, die »nur« einfache MiGs im Diensthabenden System flogen, hatten es nicht leichter im Kalten Krieg.

Freilich, von denen hatte keiner mal eine Viertelmillion Dollar im Cockpit. Den Regierungsfliegern wurden schon ab und zu solche Summen anvertraut, um unterwegs Sprit kaufen und die Landegebühr begleichen zu können. Dass einer der Führungsleute im Geschwader noch heute froh ist, dass kein Genosse mit dem Geld »abgehauen« ist, zeigt ein wenig vom Irrsinn jener Jahre.

Der Film war vor einigen Wochen bereits im RBB zu sehen. Danach murrten einige aus dem Geschwader, dass ihre Wirklichkeit nicht so fähnchenbeschwingt ausgesehen hat, wie es im Film rüberkommt. Ein wenig mehr über das Innenleben des Truppenteils hätte man auch als Zuschauer, dem das Militärische nicht so liegt, schon vertragen. Es ist etwas dürftig, wenn man das Leben der Piloten beleuchtet und ihre nicht-privilegierten Neubau-Blöcke zeigt. Wer Spektakuläres suchte – und das haben die Autoren weitestgehend erfolglos getan –, hätte sich mal mit den Technikern unterhalten sollen. Man hätte so einiges über »Waffenbrüderschaft« erfahren können. Die war besonders »eng«, als man entdeckte, dass eine nagelneue TU-134 mit nur 50 Prozent der Flügelbolzen geliefert worden war.

Doch der Film spricht andere Dinge an. Beispielsweise das Zusammenwirken der Regierungsflieger mit der Staatssicherheit. Nun, das kann ja nun wirklich niemanden verwundern. Und dass sich militärische Besatzungen und MfS-Leibwächter den Wachdienst an den Maschinen teilten, wenn sie im nichtsozialistischen Ausland parkten, ist auch nicht so irritierend. Vielleicht wäre es zum besseren Verständnis notwendig gewesen, das Schicksal von Werner Lamberz, dem aufstrebenden Politbüro-Mann, und seinem Anhang zu erwähnen. Die stiegen in Libyen aus einer INTERFLUG-Maschine in einen Hubschrauber von Gaddafi um. Die Umstände ihres Todes sind noch immer nicht geklärt.

Mehr Raum verdient hätten die Solidaritätsflüge, die das Geschwader, so wie andere NVA-Transportflieger und die richtige INTERFLUG absolvierten. Dafür muss sich niemand schämen. Es sei denn, man hatte Waffen und Granaten an Bord. Dieses Thema jedoch hätte tiefergehende Recherchen verlangt.

»Air Force One«, heute, MDR, 22.05 Uhr.

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