»In was für einer Stadt wollen wir wohnen?« Diese Frage stellen sich derzeit Bewohner des sogenannten Bernhard-Nocht-Quartiers in St. Pauli. Diese Frage müssen sie sich auch stellen, denn ihr Quartier ist bedroht. Ein Investor, die Von Köhler & von Bargen OHG, plant den teilweisen Abriss historischer Häuser und Neubauten.
Diese Pläne, die zunächst hinter verschlossenen Türen verhandelt wurden, sind im Sommer durch eine Indiskretion bekannt geworden. Seitdem protestieren Anwohner gegen die Abriss- und Neubaupläne. Sie befürchten für sich drastische Mietererhöhungen sowie den Bau von Eigentumswohnungen, die sich nur noch Begüterte leisten können. Zudem würde das Viertel, dessen Ursprünge bis in die nach-napoleonische Zeit zurückreichen, in seinem ursprünglichen Charme zerstört werden.
Jetzt haben sich Anwohner und Nachbarn selbst Gedanken über ihr Viertel gemacht und dieses Konzept der Öffentlichkeit vorgestellt. »Wohnen und Arbeiten wachsen immer mehr zusammen – die Arbeit dezentralisiert sich und breitet sich im Raum aus«, heißt es darin. »Soziales, Kultur und Leidenschaften lassen sich kaum noch von Beruflichem trennen. Dieser Entwicklung sollte neue Architektur Rechnung tragen.«
Angedacht wird ein genossenschaftliches Wohnen mit variablen Räumen wie etwa einem offenen Büro, das für alle nutzbar wäre. Zitat: »Selten benutzte Geräte wie große Scanner, Fotokopierer, Stichsäge, Server, Nähmaschine, Akkuschrauber, Großbildschirme und Farbdrucker könnten gemeinsam genutzt werden. Wer braucht da noch ein extra Arbeitszimmer in der eigenen Wohnung?« Geplant ist zum Beispiel eine Mini-Brauerei, »um die Produktion in den Stadtteil zurückzuholen, unabhängig von globalen Bierkonzernen«. Dieser Punkt spielt an auf die Verlegung und den späteren Abriss der alteingesessenen Bavaria-St.-Pauli-Brauerei (Astra) vor einigen Jahren. Dort, rund 100 Meter vom Bernhard-Nocht-Quartier entfernt, entstand vor zwei, drei Jahren ein gigantischer Komplex mit Bürobauten, einem Hotel und Wohnungen.
In den vergangenen Jahren wuchsen auf Brachgeländen in St. Pauli immer wieder neue Hotels, monströse Bürotürme, die im Kontrast stehen zu der eher kleinteiligen Architektur des einstigen Arme-Leute-Viertels St. Pauli. Der Stadtteil hat sich verändert. Wohnten hier früher tatsächlich noch Hafenarbeiter, kleine Gewerbetreibende und sogenannte Unangepasste, zogen schon vor rund 20 Jahren immer mehr Studenten und Künstler auf »den Kiez«, wie St. Pauli in Hamburg auch genannt wird. Es folgten Medienleute, Kreative und nach und nach Besserverdienende.
Es wurde schick, auf dem einst so übel beleumdeten Kiez zu wohnen. Und bald hatten auch die Stadtentwickler die Zeichen der Zeit erkannt. Immer mehr Investoren drängten in das innenstadtnahe Revier mit dem attraktiven Hafenblick. Doch es gab auch Widerstand, der sich an den Häusern um die Hafenstraße festmachte. Dort planten Bezirk und Senat den Abriss alter Bürgerhäuser. Der Stadtteil machte mobil, als es darum ging, die Schließung und den geplanten Abriss des Hafenkrankenhauses zu verhindern.
In dieser Tradition sehen sich auch die Bewohner an der Bernhard-Nocht-Straße. »Wir sind keine utopischen Spinner«, sagt eine Anwohnerin selbstbewusst. »Was wir wollen, ist möglich.«
Re: Man kann wohl nur einseitige Berichterstattung erwarten,
20:00 Uhr, Berlin
Preis: 15,95 €
Preis: 12,90 €