Auf eine Million Lebendgeburten kommt etwa ein Siamesisches Zwillingspaar. Leo und Ludwig sind ein solch seltenes Exemplar: Zwei Köpfe und Herzen teilen sich einen Körper. Eine verwirrende Sensation im Berlin Ende des 19. Jahrhunderts.
Der Start der Brüder ist misslich, die Mutter verstirbt bei der Geburt, der Vater ist unbekannt. Die berufliche Neugier des berühmten Arztes Rudolf Virchow rettet die beiden vorerst, und dank ihrer Klugheit überstehen sie den Aufenthalt im Waisenhaus Rummelsburg (»Inner Rummel haste keen Glück«) halbwegs unbeschädigt.
Ihr Schicksal scheint eine glückliche Wendung zu nehmen, als sich der fortschrittliche Psychiater Justus Winterfeld der beiden Kinder annimmt und sich in ihre Psyche versenkt – endlich glaubt der Leser aufatmen zu können. Doch so abstrus die Physiognomie der Zwillinge ist – für die Wissenschaft ist sie ein Novum –, beunruhigender ist der Blick in ihre Seelen.
Leos dunkles Haar, seine stechend blauen Augen stehen im Kontrast zu Ludwigs blonden Locken und sanften graugrünen Augen. Der eine empfindungslos, überheblich, der andere freundlich und sensibel: Beide hochintelligent – in einem Körper gefangen und aneinandergekettet. Noch herrscht Harmonie zwischen den Brüdern, aber der Leser ahnt unerträgliche Spannungen.
Die Zwillinge verkörpern das »Andere« und stören das Empfinden von Normalität: Der Ziehvater Winterfeld schafft es zwar, Leo und Ludwig gegen die gesellschaftlichen Anfeindungen zu wappnen, aber ihre innere Diskrepanz entzieht sich zunehmend seinem Einfluss.
Dominique Anne Schuetz erzählt bunt und detailliert. Zahlreiche Erzählstränge und Figuren beleben verschiedene Schauplätze Berlins. Liebevoll – manchmal voll Ironie – zeichnet die Autorin die Milieus der Unter- und Oberschicht in Zeiten der Industrialisierung. Immer wieder bettet sie Personen und Handlung in historische Ereignisse und Begebenheiten ein. So gibt zum Beispiel der Karikaturist Heinrich Zille – ständig im »Nussbaum« zugegen – der Geschichte zeichnenderweise einen entscheidenden Hinweis.
Leo und Ludwig wachsen heran, entwickeln sich zu zwei auffallend attraktiven Männern und studieren Jura. Leo interessiert sich für Technik, Ludwig für Biologie. Leo erschreckt seine Umwelt durch Zynismus, Ludwig versucht, Menschen für sich zu gewinnen. »War Leo sein anderes Ich?«, grübelt Ludwig und leidet still. »Es gibt kein du und kein ich, Ludwig. Es gibt nur ein wir«, erkennt Leo und versucht Ludwig zu beherrschen. Als die beiden sich in die gleiche Frau verlieben, bricht der schwellende Konflikt auf und eskaliert.
Die Zwillinge sind erfunden, medizinische Erkenntnisse blendet Schütz zugunsten der Geschichte aus. Für alle, die sich gerne im Spannungsfeld der Jekyll-and-Hyde-Thematik bewegen und Skurriles mögen, sei eine unterhaltsame Lesezeit versprochen.
Dominique Anne Schuetz: Leo & Ludwig. Eine Biografie des Unvorstellbaren. Roman. Dittrich Verlag. 448 S., geb., 22,80 €.
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