Hans Canjé
28.11.2009
Bücher zum Verschenken 2009

Ein Vermächtnis

Zeitzeuginnen

In seinen 2008 erschienenen »Biographischen Notizen«, einer Bilanz seiner 50-jährigen Tätigkeit als Historiker in Rostock, nennt Karl-Heinz Jahnke unter den Büchern, »die ich noch schreiben wollte«: »Zeitzeuginnen. Zur Erinnerung an Frauen, die gegen Faschismus und Krieg, für Frieden und Menschenrechte eingetreten sind«. Seine Freunde wussten, dass der damals 74-Jährige schon mit einer bösartigen Erkrankung rang. Sie wussten aber auch um seine Energie.

Das Buch, das er noch schreiben wollte, hat er noch geschrieben. Es ist sein letztes und beschließt das Lebenswerk eines Forschers, der mit über 40 Büchern, einer Vielzahl von Biografien und Dokumentationen den Widerständlern gegen Krieg und Faschismus, vor allem der Jugend in Mecklenburg-Vorpommern, Gedenksteine gesetzt hat. Das Vorwort trägt das Datum 2. August 2009. Sechs Wochen später, am 14. September 2009, erlag Jahnke seiner Krankheit.

So ist dieses Buch mit zehn biografischen Skizzen von zehn Frauen aus sechs Ländern nicht nur ein Beitrag zur Korrektur am »vorherrschenden Geschichtsbild über Opposition, Widerstand und Verfolgung«, in dem Frauen keine angemessene Rolle spielen. Frauen, sagt der Autor, »haben durch ihr Verhalten, ihre Umsicht, ihren Mut, oft erst die Voraussetzungen für die Aktionen der Männer geschaffen«. Die vorliegenden Skizzen belegen seine These.

24 Jahre alt war Carola Karg, als sie im Januar 1934 in Düsseldorf von der Gestapo festgenommen wurde. Sie war als Funktionär des Kommunistischen Jugendverbandes an der Organisation des jugendlichen Widerstandes gegen das Regime beteiligt. Im Prozess vor dem »Volksgerichtshof« wurde ihre Tat »als äußerst gefährlich« bezeichnet: »In drei wichtigen Bezirken hat sie große Erfolge im Neuaufbau des Jugendverbandes erzielt.« 15 Jahre Zuchthaus hielten die Richter für angemessen. Im Mai 1945 wurde sie von sowjetischen Soldaten aus dem Zuchthaus Waldheim befreit. Die Ärztin Elfriede Paul war mit ihrem Lebenspartner Walter Küchenmeister eingebunden in die Widerstandsgruppe um David Harnack und Harro Schulze-Boysen. Sie stellte ihre Praxis zur Verfügung, reiste für die Gruppe ins Ausland, besorgte Medikamente für illegal Lebende. Der »Volksgerichtshof verurteilte« Walter Küchenmeister zum Tode; Elfriede Paul erhielt sechs Jahre Zuchthaus.

Jahnke schildert das alles im nüchternen, fast unterkühlten Ton. So gleicht seine Skizze über die russische Geologiestudentin Vera Smirnowa, die sich 17-jährig zum Einsatz bei den Partisanen entschloss, fast einem Protokoll: Gefangenschaft, Deportation zur Zwangsarbeit, zwei Fluchten, Haft im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Immer wieder Misshandlungen und Schinderei für die deutsche Rüstungsindustrie, dann endlich die Befreiung durch die Rote Armee und abenteuerliche Heimkehr nach Moskau, wo sie erst einmal mit dem damals, in der Stalinschen Sowjetunion, üblichen Misstrauen aufgenommen wurde.

Dieses Buch ist als letztes zugleich auch Jahnkes Vermächtnis. Besorgt hatte er Bestrebungen registriert, »die Geschichte erneut umzuschreiben«, vor allem, dass dabei »die besondere Rolle des antifaschistischen Widerstandes im Geschichtsbild des 20. Jahrhunderts geschmälert« wird. Auch in Kreisen der Linken sah er solche »Tendenzen«. Neue Forschung, so mahnte Jahnke, müsse »mit Bedacht, Toleranz und Ausgewogenheit erfolgen. Es ist nicht alles anders zu machen.« Man kann nur hoffen, dass dieses Buch viele Leser findet, »die sich in der Gegenwart der Verbreitung und Verteidigung des antifaschistischen Erbes verpflichtet fühlen« – wie Jahnke hoffte.

Karl-Heinz Jahnke: Zeitzeuginnen. Frauen, die nicht vergessen werden sollten. Ingo-Koch-Verlag, Rostock. 220 S., br., € 19 €.

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