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Reiner Tosstorff
28.11.2009
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Utopische Dimension

Das Leben und Werk von Ernest Mandel

Kürzlich erinnerte Thomas Kuczynski in der Ökonomiezeitschrift »Lunapark 21« daran, dass Marx und Engels oft von ihrem Freund Wilhelm Wolff wegen ihrer nicht eingetroffenen Krisenvorhersagen aufgezogen worden sind. 1857 aber habe sich Marx dann »wohl gefühlt«, als sie sich mit der ersten Weltwirtschaftskrise des Kapitalismus endlich einmal bewahrheitet hatten. In ähnlicher Weise war das zentrale Thema von Ernest Mandels theoretisch-wissenschaftlicher Arbeit die durch den Nachkriegsboom in den entwickelten kapitalistischen Ländern nur verschleierte grundsätzliche Krisenanfälligkeit und der destruktive Charakter des modernen Kapitalismus. Und immer wieder führte er aus, wie der Kapitalismus sein Gleichgewicht zurückgewann, wohinter sich oft genug tiefe Niederlagen der Arbeiterbewegung verbargen.

Mandel, einem der bedeutendsten marxistischen Theoretiker in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sind nun zwei Neuerscheinungen gewidmet, die Werk und Leben unter verschiedenen, doch keineswegs entgegengesetzten Blickwinkeln betrachten: eine Biografie und eine wissenschaftliche Werkanalyse. Ersteres verfasste der niederländische Historiker Jan Willem Stutje. Er zeichnet ein wahrlich erfülltes Leben nach.

1923 geboren, wuchs Mandel in Antwerpen in einem linken, jüdisch wie internationalistisch geprägten Milieu auf, in dem ihm Flüchtlinge aus Deutschland die ersten nachwirkenden politischen Eindrücke vermittelten. Sie gehörten zur kleinen trotzkistischen Bewegung, mit der auch sein Vater, ein ehemaliger Mitarbeiter Karl Radeks in Deutschland, nicht zuletzt aus Abscheu über die Vernichtung der alten bolschewistischen Garde durch Stalin sympathisierte. Am Vorabend des Kriegsausbruchs wurde auch Mandel dort Mitglied, im Alter von 16 Jahren.

Geschildert werden sein Überleben im Zweiten Weltkrieg trotz zweimaliger Verhaftung durch die deutsche Besatzungsmacht, seine Bemühungen um eine Neuorientierung nach Kriegsende, dem nicht die erwartete Revolution wie 1918/19 gefolgt war, seine Aktivitäten in der belgischen Arbeiterbewegung in den 50er Jahren, als er maßgeblichen Einfluss auf den linken Flügel der Sozialdemokratie und vor allem der Gewerkschaften hatte. Hier hatte sich eine in Westeuropa nicht vergleichbare Radikalisierung vollzogen, die jedoch, nach der Niederlage im Generalstreik von 1961, in einem Rückschlag mit der Stabilisierung des Systems endete. Das war die Phase des »Entrismus«, als die kleinen trotzkistischen Gruppen durch Beitritt zu den Massenparteien versuchten, ein breiteres Echo zu finden. Das waren aber auch die Jahre der beginnenden kolonialen Revolution wie in Algerien und Kuba, Entwicklungen, die für den Internationalisten Mandel von besonderer Bedeutung waren. Nach Havanna wurde er 1964 zum ersten Mal eingeladen und begann dort einen Dialog mit Che Guevara über die Methoden des Aufbaus des Sozialismus. Dabei ging es nicht zuletzt um die Aufarbeitung der Erfahrungen der Sowjetunion, eben des Stalinismus, dessen erste große Krise sich 1956 gezeigt hatte. All dies war auch Voraussetzung für das Jahr 1968 und die Folgen, in denen Mandel nun ein bis dahin nicht gekanntes breites Forum für seine Vorstellungen fand. Er erwies sich auch als begnadeter und polyglotter Redner auf Massenveranstaltungen weltweit. Doch die Hoffnungen auf eine immer tiefer gehende Radikalisierung erfüllten sich nicht. Fast schon als Echo auf die folgenden politischen Entwicklungen waren seine letzten Jahre von zunehmenden gesundheitlichen Problemen überschattet, die ihm nicht mehr erlaubten, eine Reihe von großangelegten grundsätzlichen theoretischen Arbeiten in Angriff zu nehmen, mit denen er sein wissenschaftliches Schaffen abrunden wollte. Erwähnt seien hier nur die »Marxistische Wirtschaftstheorie«, »Der Spätkapitalismus« und »Die langen Wellen im Kapitalismus«.

Wo Stutjes Buch erzählend ist und dabei weitgehend der Chronologie folgt, ist Manuel Kellners ein mit analytischem Blick verfasster Versuch einer kritischen Rekonstruktion vor allem des theoretischen Werks. Er stellt zentrale Gedanken Mandels vor, seine Kapitalismusanalyse wie seine Vorstellungen von Sozialismus, also die »utopische Dimension« seines Denkens. Bemerkungen zu dessen Analyse des Zweiten Weltkriegs und der Einbettung des Holocaust darin wie auch in die allgemeinen zerstörerischen Tendenzen des Kapitalismus schließen diese Arbeit ab.

Kellner betont, wie sehr ihn Mandel beeinflusst hat. Das hindert ihn nicht, auch auf einzelne Widersprüche in dessen Werk einzugehen. Doch, im Sinne eines kritischen Marxismus, dem Mandel sich stets verpflichtet sah, war dieser kein dogmatischer Denker, der ein »abgeschlossenes« Werk hinterlässt. Neue Herausforderungen führten ihn immer wieder aufs Neue zur schonungslosen und grundlegenden Kritik des Bestehenden. Diese aber kann nur Schlagkraft entfalten, wenn sie auch politisch von breiten Bewegungen aufgegriffen wird. Dazu können beide Bücher beitragen.

Jan Willem Stutje: Rebell zwischen Traum und Tat. Ernest Mandel. VSA-Verlag, Hamburg. 470 S., geb., 39 €.
Manuel Kellner: Gegen Kapitalismus und Bürokratie – zur sozialistischen Strategie bei Ernest Mandel. Neuer ISP-Verlag, Köln/ Karlsruhe, 464 S., br., 36 €.

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