ND: Herr Torres, ist die Widerstandsbewegung in Honduras eine Jugendbewegung?
Torres: Ja, die Mehrzahl der Demonstranten auf der Straße sind Jugendliche. Trotzdem sind die Schlüsselfiguren des Widerstandes ältere Personen aus den sozialen Bewegungen, die sich meist in den 80er Jahren politisiert haben. Honduras ist ein Land der Jugendlichen, 48 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 18 Jahre. Doch haben junge Menschen in Honduras keine Stimme. Sie sind in marginalisierten Vierteln groß geworden und die Chancen auf soziale Mobilität bleiben ihnen versagt. Und nun ist auch die junge Demokratie, in der sie seit 1982 aufgewachsen sind, abrupt zu einem Ende gekommen.
Wie sind die Wahlen vom Sonntag einzuschätzen?
Die Wahlen sind weder legitim noch frei. Trotzdem werden sie stattfinden, um den Putsch und seine Machthaber im Nachhinein zu legitimieren. Diese Wahlen werden den Putsch konsolidieren, die Möglichkeiten zur Rückkehr zu den Verhältnissen vor dem 28. Juni endgültig vereiteln und das neoliberale Wirtschaftsmodell in Honduras sichern. Denn dieser Militärputsch kann nicht unabhängig vom »Konsens von Washington« (Liberalisierung, Privatisierung, Defizitreduzierung, d. Red.) gesehen werden. Zelaya hatte begonnen, eine andere Wirtschaftspolitik einzuführen, und man hat ihn gestoppt.
Wer wird die Macht in Honduras nach den Wahlen in den Händen halten?
Man wird das Präsidentschaftsamt einem Kandidaten der traditionellen Oligarchie übergeben. Die folgende Regierung wird eine Weiterführung der Putschregierung sein.
Was wird die Aufgabe der Widerstandsbewegung nach der Konsolidierung des Militärputsches durch die Wahlen sein?
Die Widerstandsbewegung wird sich neu formieren müssen. Es ist eine sehr heterogene zivile Bewegung, die aus der Notwendigkeit entstanden ist, sich gemeinsam gegen die Bedrohung der zivilen und politischen Rechte durch den Putsch zu wehren. In der Widerstandsfront finden sich Organisationen und engagierte Einzelpersonen aus der Bauernbewegung, der Frauenbewegung, aus den marginalisierten Vierteln, aus der indigenen Bewegung. Alle haben sie jedoch gemein, dass sie vor dem Putsch eher sozial engagiert und kaum politisch aktiv waren. Insofern gab es in Honduras bislang gar keine wirkliche politische Opposition. Dies ist vielleicht das wichtigste Projekt der Zukunft, eine neue Linke in Honduras aufzubauen, die einen Diskurs eröffnet, der grundsätzlicher ist als die Frage nach der Macht.
Wird Manuel Zelaya weiter eine Rolle für die Widerstandsbewegung spielen?
Mel Zelaya hat der sozialen Bewegung lediglich den entscheidenden Impuls gegeben. Er kommt aus der politischen Tradition der Liberalen und ist eigentlich ein klassischer lateinamerikanischer Caudillo. Doch er hat die Notwendigkeit eines politischen Wechsels in Honduras erkannt und dann in der Politik von Hugo Chávez eine politische und wirtschaftliche Vision gefunden, um diesen herbeizuführen. Unabhängig davon, ob man diese Politik befürwortet oder ablehnt, ist anzuerkennen, dass Zelaya Honduras in eine politische Moderne führen wollte, in der ein Volk sich partizipativ an der Politik beteiligt und nicht nur kurz vor den Wahlen von der politischen Klasse aufgekauft wird.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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