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Von Susanne Götze
02.12.2009

Kopenhagen – Seattle der Klimabewegung?

Wie stark ist sie wirklich? Der kommende UN-Gipfel könnte zum Lackmustest für die Bewegung werden

Die dänische Polizei rüstet auf. Seit Wochen schüren Medien und Politiker Angst vor Krawallen der sogenannten Klimaaktivisten, die Kopenhagen, Gastgeber des UN-Gipfels, angeblich in Schutt und Asche legen wollen. Wer sind eigentlich diese Klimaaktivisten? Kann man schon von einer Klimabewegung sprechen und wollen sie wirklich mit Gewalt das Klima retten?

Anlässlich der UN-Klimakonferenz, die in der nächsten Woche beginnt, wurde das größte Polizeiaufgebot angekündigt, das Dänemark je gesehen hat – obwohl niemand so genau weiß, wie viele Demonstranten anreisen werden. Bisher waren die Proteste am Rande von UN-Klimaversammlungen alles andere als militant: Von Massendemonstrationen, Straßenschlachten oder gar Blockaden keine Spur. Gibt es sie wirklich, die Bewegung zur Rettung des Klimas?

In einschlägigen Protestkreisen antwortet man ganz klar mit einem »Ja«. »Die weltweite Klimabewegung wächst unglaublich schnell«, erklärt Ben Wikler, US-Kampagnenkoordinator des Netzwerkes Avaaz. Er hat in den letzten Jahren von Washington aus Aktionen und Kampagnen in den USA wie weltweit initiiert. Er ist überzeugt, mit Kopenhagen habe die Stunde für die neue Bewegung geschlagen. In den nächsten Jahren, so der Kampaigner, werde man nicht mehr an den Forderungen der Klimaaktivisten vorbeikommen.

Militant sei die Bewegung aber keinesfalls. Die sogenannten Black-Block-Vertreter seien eindeutig in der Minderheit. »Die neue Bewegung ist sehr bunt: In ihr sind alle Generationen, Linke, Mainstream-Leute, Wissenschaftler und Ökos organisiert«, meint Wikler über die Klimaschutzavantgarde. Spannend sei, dass es sehr viele engagierte Mitläufer gebe, die noch nie vorher politisch engagiert waren. »Anders als die globalisierungskritische Bewegung und die Friedensbewegung ist die Klimabewegung nicht plötzlich als Reaktion auf etwas entstanden«, meint Aktivist Wikler. Sie sei langsam gewachsen und sehr lange kaum wahrnehmbar gewesen. »Durch die weltweiten Klima-Aktionstage in diesem Jahr und die geplanten Proteste in Kopenhagen wird sie nun erst sichtbar.«

Darüber was und wie es getan werden muss, sind sich aber längst nicht alle Klimaaktivisten einig. Während radikale Linke die internationalen Verhandlungen schlicht ablehnen, wollen andere »mehr Druck« auf die Verhandlungsführer machen. Diesen Spagat zeigt ein linksradikaler Aufruf, in dem es heißt: »Never trust a Cop«. Das Misstrauen gegen die internationalen Verhandlungsführer und deren Legitimation ist groß. Andererseits sehen viele Aktivisten keine andere Chance für einen globalen Pakt fürs Klima, als durch die in Kopenhagen versammelten Regierungen. »Nun sind wir schon so weit gekommen«, sei die Einstellung vieler Klimabewegten, meint jedenfalls Wikler.

Diese Zerrissenheit ist vor allem für die noch relativ schwache Klima-Protestbewegung in Deutschland charakteristisch. 2008 haben hier anlässlich des ersten deutschen Klimacamps so unterschiedliche Gruppen wie die Bundjugend, Attac aber auch Teile der Interventionistischen Linken wie Avanti zusammengearbeitet. »Durch die bunte Mischung der Klimabewegung leben wieder traditionelle Differenzen zwischen Ökos und linken Gruppen auf«, meint der Politikwissenschaftler und Aktivist Tadzio Müller, der seit den Protesten in Seattle in der globalisierungskritischen Bewegung aktiv ist. Ein Klimacamp 2009 musste jedenfalls gecancelt werden. Auch auf Vorbereitungstreffen zu Kopenhagen wollte nicht wirklich Stimmung aufkommen. Aus linken Kreisen hieß es noch vor Kurzem, man erwarte keine Massenmobilisierung nach Kopenhagen.

Der deutsche Eindruck täusche aber, meint Müller, der seit über einem Jahr im Climate Justice Action – Netzwerk (CJA) gemeinsam mit Partnern aus aller Welt die Proteste in Kopenhagen vorbereitet: Kopenhagen werde zum »Come-Out« der neuen Bewegung, ist Müller überzeugt: »Die globale Klimabewegung ist heute da, wo die globalisierungskritische Bewegung vor Seattle war.« Die Klimabewegung sei aber auch keine komplett neue Erfindung, sondern eine Fortschreibung der globalen Kämpfe«, so der Bewegungsexperte. So sind – auch wenn es jetzt um den Klimawandel geht – die Argumente der Bewegung gleich geblieben: Auch in der Klimabewegung gehe es um Gerechtigkeit, um Klimagerechtigkeit eben. »Jetzt reicht es nicht mehr, einfach gegen Neoliberalismus zu sein, sondern wir stellen konkrete Forderungen«, meint Müller. »Wir kämpfen gezielt gegen Intensivlandwirtschaft, Landraub, für Reparationszahlungen an den Süden und ambitionierte CO2-Ziele.«

Auch was den Protestfahrplan angeht, schreiben die »Klimaretter« die Traditionen der Globalisierungskritiker fort. Am 16. Dezember haben die Protestler angekündigt, das Bella-Konferenz-Zentrum zu stürmen, am 13. wollen sie den Hafen blockieren. Kopenhagen könnte also zum Lackmustest für die Bewegung werden, die bis jetzt vor allem mit seichten symbolischen Aktionen in Erscheinung trat.

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