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Von Bernhard Clasen
02.12.2009

Brutale Moskauer Autobahnpläne

Umweltschützer fürchten um Leib und Leben, kämpfen aber weiter

Rund um Moskau soll mit Unterstützung westlicher Kreditgeber ein Autobahnring entstehen. Kritik an den Plänen ist gefährlich.

Michail Beketow, ehemaliger Chefredakteur der »Prawda von Chimki«, kann möglicherweise bald wieder sprechen. Der Journalist und frühere Fallschirmjäger war der Kopf der Umweltschützer des Moskauer Vorortes Chimki, die gegen die Abholzung eines großen Waldstückes kämpfen, das einer mautpflichtigen Autobahn von Moskau nach St. Petersburg weichen soll – bis er im November 2008 von Unbekannten überfallen und schwer verletzt wurde. Die Ärzte mussten ihm einen Unterschenkel und mehrere Finger amputieren, seither kann Beketow nicht mehr sprechen. Nach einer kürzlich durchgeführten Operation an der Luftröhre gibt es erstmals Hoffnung, dass Beketow bald wieder sprechen kann, berichten russische Nachrichtenportale.

Die Aktivisten von Chimki kämpfen indes weiter. In einem offenen Brief an Präsident Dmitri Medwedjew fordern sie nun den Rücktritt der Regierung von Ministerpräsident Wladimir Putin. Dieser hatte am 5. November ein Dokument unterzeichnet, das über 110 Hektar des Forstes von Chimki zu industrieller Nutzfläche umwidmete. Damit habe Putin, so die Umweltschützer, die Grundlage für die Abholzung geschaffen. Putin soll, so Jewgenija Tschirikowa, Sprecherin der Bewegung »Schützt den Wald von Chimki«, das umstrittene Dokument direkt nach einem Gespräch mit Thomas Mirow unterschrieben haben. Der frühere SPD-Politiker und aktuelle Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung soll moniert haben, dass derartige Projekte in Russland teuer seien. Putins Unterschrift, so die Umweltschützer aus Chimki, habe die Autobahn für westliche Investoren attraktiv gemacht. »Kann ein Premier, der nicht die Interessen des russischen Volkes, sondern die Interessen westlicher Investoren vertritt, seinen Sessel behalten?«, fragen die Umweltschützer.

Seit Jahren weht den Aktivisten ein rauer Wind entgegen. Außer Beketow wurden weitere Kritiker der Rodungspläne überfallen. Im April wurde in Chimki der Journalist Sergej Protasanow ermordet. In dieses Bild passe auch, dass Natalja Komarowa, die Vorsitzende des Umweltausschusses in der Staatsduma, Umweltschutzorganisationen mit Terroristen verglich.

Der Kampf um den Wald von Chimki wird wohl auch deswegen so erbittert geführt, weil die geplanten Rodungen nur der Auftakt eines groß angelegten Kahlschlags sein sollen. Unter der Bezeichnung »ZKAD« ist ein knapp 450 Kilometer langer und 10 Milliarden Euro teurer Autobahnring um Moskau geplant, dem 100 Quadratkilometer Wald geopfert werden sollen. Moskau, befürchten die Umweltschützer, werde so einen großen Teil seiner grünen Lunge verlieren. Erste Teilabschnitte des Rings sollen 2012 für den Verkehr freigegeben werden, bis 2015 soll die gesamte »ZKAD« fertig sein.

Aufgeben werden Chimkis Umweltschützer nicht. Man werde potenziellen Investoren dieser Projekte, wie der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung oder der Weltbank, deutlich machen, dass sie kein Recht haben, Projekte zu finanzieren, die mit russischen Gesetzen nicht im Einklang stehen. Auch juristisch werde man für die Wälder kämpfen, notfalls auch vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg.

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