Blutdurstige Meute – gesandt von Charles Manson persönlich
Foto: Thomas Aurin
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Wieder ein Grenzerlebnis: Das freie Theaterprojekt aufBruch inszeniert in der Jugendstrafanstalt (JSA) Berlin. Diese vierte Zusammenarbeit zwischen JSA und aufBruch ist zugleich die zweite Kooperation mit der Musikschule Fanny Hensel aus Mitte. Zehn Häftlinge, meist mit migrantischem Hintergrund, zwei Streicher und drei singende Songwriter, alle ähnlichen Alters, finden sich gemeinsam auf der Szene im Kultursaal. Für die einen ist bitterer Ernst, was hier verhandelt wird. Die anderen suchen sich in deren Denken hineinzuversetzen – die jedenfalls, die eigene Songs beisteuern.
Auch das Stück »Dann ist eben alles passiert« basiert auf der Realität: den Prominenten-Morden der Manson Family Ende der 1960er. Besonders der Mord an der schwangeren Filmaktrice Sharon Tate und ihren Freunden bei einer Party löste weltweit Entsetzen aus. Wie passten Europas Studentenproteste jener Ära, Amerikas Flower-Power und die Brutalität der Hippiekommune um Manson zusammen?
»Wenn es passiert, muss es gut sein. Sonst würde es nicht passieren«, redet sich reuelos einer der Täter 1979 im Interview mit Truman Capote über seine Tat hinweg. Und fährt fort: Er achte die Gesetze dieser Gesellschaft nicht, weil die Gesellschaft ihre Gesetze selbst nicht achte. Der Nebensatz zumindest trifft auf fatale Weise nach wie vor ins Schwarze. Und mag einer der Auslöser sein, weshalb sich Regisseur Peter Atanassow für diesen Stoff entschied.
In dunklen Anzügen marschieren die Zehn auf, erzählen, wovon sie im Knast träumen: voller Kühlschrank, Waldspaziergang, der Gedanke an Ausbruch. »Nicht selbst verschuldet – hatte ein Scheißleben« taucht als Argument ebenso auf wie die Einsicht »muss das selbst in Ordnung bringen«. Schillers »Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd« schweißt die Männer immer neu zusammen, denn im Feld sei der Mann noch etwas wert. Ihr Feld soll, wie das der Manson Family, die Musik sein, jetzt Rap als Rebellion gegen die Welt, für die die Eltern selbst kein Vorbild sein konnten.
Zwei feindliche Gangs, geführt von Ahmad und Polski, erkennen nach einer Kampfszene, dass man zusammen stärker ist – trotz halbierter Einnahmen. Vom »eingesperrten Sorgenkind« rappen sie im eigenen Text. Die rote Nische für die Songwriter der Musikschule wird zum Sehnsuchtsort der Gang-Musiker. »Give peace a chance« singen sie zum Schlag ihrer Klöppel auf Absperrgitter als einziger Dekoration. Doch der Anruf wegen des erhofften Vertrags bleibt aus. Wenn einer fällt, fallen alle, lautet die Devise. Handel mit Drogen scheint Ausweg, eine Schlägerei fordert den ersten Toten.
Viele weitere starke Monologe hat der Text: vom Inhaftierten, dem die Mutter Geld verweigert, um fürs Zehnfache eine Tochter zu adoptieren; vom Glauben, gesucht nur bei den Starken; von im Dunkel funkelnder Schönheit; von Dämonen und Lilien. »Spekulanten ruinieren den Staat«, heißt es, »wir halten zusammen: in den Sozialstrukturen der Wölfe«. Als auch ein neuer Auftraggeber seine Zusage nicht einhält, zieht die Gang in Mansonscher Logik zum Rache-Massaker an ihm aus, landet im Kittchen, spielt Capotes Interviewszene durch. Angesichts der nach wie vor ungesühnten Bankenskandale bleibt die Frage nach Recht und Unrecht im Raum.
»Zur letzten Bewegung braucht es keine Füße«, skandieren die Zehn resigniert. Die geballte Energie, die sie eine Stunde lang sprachgewaltig ins Auditorium senden, wünscht man ihnen auch bei der Bewältigung ihres Danach.
Wieder 4., 9., 11.12., 17.30 Uhr, JSA Berlin, Friedrich-Olbricht-Damm, Kartentelefon 24 06 57 77, www.gefaengnistheater.de
Preis: 14,94 €
Preis: 75,00 €
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