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Von Ulrike Henning 05.12.2009 / Wirtschaft

Weniger Ärzte, mehr Druck

Fast ein Drittel der deutschen Krankenhäuser in privater Hand

Die Krankenhauslandschaft hat sich in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland so stark verändert wie in keinem anderen EU-Land. Mit negativen Folgen insbesondere für die Belegschaft.

Seit Anfang der 90er Jahre verschwanden in Deutschland 15 Prozent der Kliniken und 20 Prozent der Betten. Im Vergleich mit Mitte der 90er Jahre werden jedoch heute 20 Prozent mehr Fälle behandelt – von 6 Prozent weniger Beschäftigten. Damit einher ging ein in Wellen verlaufende Privatisierungsprozess. Darauf weist das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung in einem soeben erschienen Sammelband hin.

Hauptthema der Forscher sind die Auswirkungen dieses Prozesses auf die Lage der Beschäftigten. Die Arbeitsintensität habe sich erhöht, lautet der eindeutige Befund. Das rein zahlenmäßige Betreuungsverhältnis stelle sich bei allen großen Beschäftigungsgruppen in öffentlich getragenen Kliniken günstiger dar als in privaten oder freigemeinnützigen (vor allem kirchlichen) Einrichtungen. Während ein Arzt 2008 in einem öffentlichen Haus etwa 780 Betten zu versorgen hatte, kam sein Kollege bei einem privaten Anbieter auf 936 Betten. Die damit einhergehende Arbeitsverdichtung sei allerdings in ihren Auswirkungen auf die Versorgungsqualität noch unzureichend untersucht, kritisieren die Autoren des Buches. Angesichts des schon zwei Jahrzehnte dauernden Privatisierungsprozesses sei dies erstaunlich, zumal sich Deutschland hier in einer europäischen Sonderposition befinde und in Teilen auf US-amerikanische Verhältnisse orientiert werde.

Der Verkauf öffentlich geführter Krankenhäuser hatte in den 90er Jahren bei kleineren Häusern begonnen, teils wurden soeben modernisierte Kliniken in den neuen Bundesländern abgegeben. Seit 2000 verlagerte sich der Prozess immer mehr zu großen Einrichtungen der Grundversorgung. Kürzlich stockte einer der größten privaten Betreiber, die Rhön-Klinikum AG, ihr Kapital um fast 500 Millionen Euro auf, um für neue Einkaufsvorhaben gerüstet zu sein.

Den Gewerkschaften, so Thorsten Schulten vom WSI, könne nur empfohlen werden, sich wieder einheitliche Tarife entsprechend denen im Öffentlichen Dienst zu erkämpfen. Dies sei bei den drei großen in der Studie untersuchten Anbietern nur bei den Helios-Kliniken gelungen. Andernorts beharrten die neuen Eigentümer auf Haus- bzw. Konzernverträgen, die durchschnittlich zehn Prozent unter denen im öffentlichen Bereich lägen.

Die Ursachen für die Privatisierungen sind laut Nils Böhlke vom WSI vor allem im Investitionsstau in deutschen Krankenhäusern zu finden. Hier fehlten Mittel für die Modernisierung, die insgesamt auf Beträge zwischen 20 und 100 Milliarden Euro geschätzt werden. In diesem Bereich hätten Bundesländer und Kommunen ihre Pflichten versäumt. Unter dem Druck knapper Kassen sei jedoch eher mit weiteren Verkäufen zu rechnen. Möglich sei aber auch, hier Einhalt zu gebieten. Im niederbayerischen Rottal-Inn-Kreis hatten sich vor wenigen Wochen fast 90 Prozent der Bürger gegen den Verkauf der örtlichen Kreiskrankenhäuser ausgesprochen.

Nils Böhlke u.a. (Hrsg.): Privatisierung von Krankenhäusern. Erfahrungen und Perspektiven aus Sicht der Beschäftigten. VSA-Verlag Hamburg 2009. 256 S., 18,80 €.

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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