Auch im städtischen Raum stecken ländliche Qualitäten. Man muss sie nur im Chaos der vielen versiegelten Flächen und des stetigen Verkehrs ausfindig machen. Dann ist noch ein gutes Konzept nötig, braucht es ein paar Mitstreiter und eine große Portion Selbstbewusstsein.
Robert Shaw und Marco Clausen, zwei junge Männer aus Kreuzberg, haben jetzt ein ungewöhnliches Projekt am Moritzplatz initiiert. Auf einer Brache zwischen Prinzen- und Oranienstraße, betreiben sie Landwirtschaft mitten in der Berliner City. Als Großstadtbauern bestellen sie ihr Feld zwischen Wohnanlagen und Straßenlärm.
»In anderen Ländern gibt es längst solche ›Community Gardens‹, sagt Robert Shaw. Der 32-Jährige brachte die Idee von einer Kubareise mit nach Berlin. »Es geht aber um viel mehr als nur um den Gemüseanbau und die Selbstversorgung«, betont sein Mitstreiter Clausen. Denn durch das gemeinsame Arbeiten und Zeitverbringen verwandeln sich einst brache Orte in soziale Treffpunkte. »Nachbarn kommen zusammen, entspannen und unterhalten sich, und Erwachsene geben ihr Wissen an die Jugend weiter«, blickt Shaw in die Zukunft.
Seit Juli bewirtschaften die beiden Neu-Bauern das rund 6000 Quadratmeter große Areal. Hinter dünnen Zaunstäben, zwischen Büschen und Bäumen wachsen Radieschen, Petersilie, Fenchel, Minze und allerlei andere Gemüse und Kräuter. Sie sprießen aus akkurat ausgerichteten, rotbraunen Plastik-Kästen. Shaw und Clausen haben jeweils acht Behälter zu einem Beet gestapelt. »42 Kisten sind es gegenwärtig«, sagt Clausen, der eigentlich Historiker ist. »Bis März wollen wir hier 1000 Behälter aufgestellt haben«, ergänzt Filmemacher Shaw. Sie schwören auf ihre Bioerde, die unter anderem aus einer Drainageschicht sowie Kompost besteht und freuen sich über den positiven Nebeneffekt, dass ihnen durch die Hochbeete das Bücken erspart bleibt.
Zurzeit ist das Gelände, auf dem einst das Wertheimkaufhaus stand, jeden Donnerstagnachmittag geöffnet. Vor allem Migranten der ersten Generation, Kinder und Jugendliche kommen vorbei. Wer will, erntet und gibt dafür eine Spende. Pflegeaufwendig seien die Beete nicht. Shaw und Clausen beliefern mit ihrer gemeinnützigen GmbH auch schon einige Hotels. »Aber wir sind erst in unserer Pilotphase«, betonen beide. So sollen Kontakte zu Schulen und Kitas ausgebaut werden. Geplant sind Kochkurse in der eigenen Küche auf dem Gelände. Nächstes Jahr wird noch ein Gemüseladen eröffnet in einem zweietagigen Gebäude, das aus abgetragenen Plattenbauten besteht. »Dort wird es auch kulturelle Angebote geben«, sagt Robert Shaw.
Fest steht schon jetzt, dass die beiden Großstadtbauern das Kreuzberger Gelände räumen müssen, wenn es einen Investor für das Grundstück gibt. Doch das sehen sie gelassen. Schließlich können ihre mobilen Beete jederzeit woanders aufgebaut werden. »Wir sind bodenunabhängig«, sagt Clausen. »Und werden uns weitere Orte suchen, an denen es Licht, Wasser und Öffentlichkeit gibt.« Das könnten auch ein Hausdach oder ein Parkdeck sein.
In Berlin gilt urbane Landwirtschaft als ein Potenzial für die Zwischennutzung von Brachen. Die landwirtschaftliche Fläche der Hauptstadt nimmt derzeit immerhin 2250 Hektar ein. Und eben nicht nur am Stadtrand.
10:00 Uhr, Berlin
Preis: 12,90 €
Preis: 22,80 €