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Von Heinz-J. Bontrup
08.12.2009

Ein großer linker Ökonom

Zum Tod von Jörg Huffschmid, Mitbegründer der »Memorandum-Gruppe«

Jörg Huffschmid
Jörg Huffschmid

Jörg Huffschmid (1940 bis 2009) ist nicht mehr unter uns. Er ist nur 69 Jahre alt geworden. Persönlich verliere ich mit Jörg meinen hochgeschätzten Lehrer und Doktorvater und einen guten Freund.

Die Herausgeber seiner Festschrift zum 60. Geburtstag schrieben über ihn zu Recht, dass drei Kriterien sein erkenntnisleitendes Interesse als Wissenschaftler bestimmten: »analytische Fundierung, umfassende empirische Begründung sowie ökonomieübergreifende historische Horizonterweiterung«. Dabei hat er immer nach einem holistischen Ordnungsweg in der Ökonomie, nach Alternativen zu einer einseitigen kapitalzentrierten (Profit-)Interes- senlösung gesucht, die für ihn nur suboptimal war.

Jörg Huffschmid war ein herausragender Ökonom, nicht nur in Deutschland hoch anerkannt. Viele Gastvorträge und Gastprofessuren im Ausland haben ihn auch außerhalb unserer Landesgrenzen bekannt gemacht. Im Sommersemester 2009 lehrte er noch an der Universität in Wien über Finanzmärkte und deren Krise. Jörgs Rat als Wissenschaftler hatte auch in der Politik und bei den Gewerkschaften einen hohen Stellenwert. 2000 war er Mitglied der Bundestags-Enquete-Kommission »Globalisierung der Weltwirtschaft«.

Ganz wichtig war ihm die Arbeitsgruppe »European Economists for an Alternative Economic Policy in Europe«, die in den nächsten Tagen ihr »EuroMemorandum 2009« vorstellen wird. 1995 hat er diese Gruppe von Ökonomen verschiedener europäischer Hochschulen mit gegründet und hier wichtige Arbeit geleistet.

Mindestens genauso am Herzen lag Jörg die »Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik«, die er u.a. mit Rudolf Hickel und Herbert Schui vor etwa 35 Jahren als Gegenpol zum wirtschaftspolitischen Beratungsgremium des Sachverständigenrats der »Fünf Weisen« konstituierte. In der »Memorandum-Gruppe« hat Jörg sehr tiefe Spuren hinterlassen. Neben seinen vielen makroökonomischen Beiträgen möchte ich nur die von ihm 1988 maßgeblich initiierte und bearbeitete mikroökonomische Sonderveröffentlichung »Wirtschaftsmacht in der Marktwirtschaft. Zur ökonomischen Konzentration in der Bundesrepublik« hervorheben, aber auch die bedeutenden Arbeiten für ein »Stahlpolitisches Programm« sowie die theoretische Fundierung und Unterstützung der IG Metall bei der Umsetzung der 35-Stunden-Woche erwähnen.

Jörg Huffschmid war wirtschaftswissenschaftlich vielseitig interessiert. Viele Bücher und Aufsätze zeugen davon. Bereits mit 29 Jahren veröffentlichte er sein erstes großes Werk »Die Politik des Kapitals. Konzentration und Wirtschaftspolitik in der Bundesrepublik«. Zwei wesentliche Forschungsstränge werden mit ihm eng verbunden bleiben: die Wettbewerbs-, Monopol- und Konzentrationsforschung sowie in den 1980er Jahren die Fragen von Rüstung, Staat und Ökonomie sowie Rüstungskonversion. Wie kaum ein anderer deutscher Ökonom hat sich Jörg Huffschmid in den Zeiten des »Kalten Krieges« mit der Gefahr eines Hochrüstungskurses und einer ökonomisch kontraproduktiven, weil nicht reproduktiven Rüstungswirtschaft kritisch auseinandergesetzt. Allein hier sind unter seiner Herausgeberschaft vier wegweisende Bücher entstanden.

In den letzten zehn Jahren hat sich Jörg Huffschmid intensiv mit Europa und den Finanzmärkten beschäftigt und das herausragende Buch »Politische Ökonomie der Finanzmärkte« im VSA-Verlag veröffentlicht. Hier warnte er bereits 1999 in der ersten Auflage vor der großen Gefahr »explodierender Finanzmärkte«, deren Folgen wir jetzt in der schlimmsten Weltwirtschaftskrise seit 80 Jahren erleben.

Jörg Huffschmid wird nicht nur der »Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik« fehlen und stets in Erinnerung bleiben. Wir werden unsere Arbeit in der »Memo-Gruppe« in seinem Sinne fortführen. Für eine bessere und gerechtere Ökonomie.

Prof. Dr. rer. pol. Heinz-J. Bontrup ist Sprecher der »Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik«.

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