Von Martin Kröger
09.12.2009

Tandem sorgt für Integration

Nach zwei Jahren Förderung zog der rot-rote Senat gestern Bilanz seines Aktionsprogrammes

Integration ist ein Dauerbrenner in einer Einwanderungsstadt wie Berlin. Doch abseits der großen Debatten wie jüngst zur Schweizer Minarett-Entscheidung bedeutet Integrationspolitik vor allem Basisarbeit in den Kiezen. Die Förderung so genannter Tandemprojekte, in denen deutsche und migrantische Organisationen zusammenarbeiten, ließ sich der rot-rote Senat 2008/2009 eine Million Euro kosten. »Vielfalt fördern – Zusammenhalt stärken« war das Motto dieses Aktionsprogramms. Die anvisierte Zielgruppe waren »junge, männliche Migranten«. Gestern zogen alle Beteiligten Bilanz.

»Es ging darum, strukturelle Defizite aufzuzeigen und gute Beispiele zu fördern«, sagte Berlins Staatssekretärin für Integration, Kerstin Liebich. Dies sei gelungen. Wenn am Donnerstag der Haushalt das Abgeordnetenhaus passiert, sei auch sicher gestellt, dass die Stadt auch künftig mit neuen Projekten vor Ort aktiv sein werde. Bei der Neuauflage solle jedoch stärker das Ziel, der Job- und Ausbildungsplatzvermittlung für junge Migranten angepackt werden.

In diesem Bereich liegen nach Ansicht des Integrationsbeauftragten die größten Defizite: »Die Jugendlichen von heute sind die Verlierer der Integrationspolitik der 90er Jahre«, sagt Holger Piening. Viele seien dauerhaft vom Arbeitsmarkt und einer Einkommensperspektive ausgeschlossen. Zudem sei der Begriff »Migrationshintergrund« immer noch negativ besetzt, obwohl er doch beinhalte, dass bei diesen Jugendlichen viele Kompetenzen und Erfahrungen vorhanden sind.

Wie man diese Potenziale ansprechen kann, erläuterten gestern eindrucksvoll mehrere der geförderten Unterfangen. Ganz auf der individuellen Ebene arbeitete etwa das Projekt »Legal leben«, das vom Verein Gangway und dem Türkischen Bund Berlin-Brandenburg (TBB) getragen wurde und sich an straffällige oder von Haft bedrohte Jugendliche wandte. »Wir wollten diesen jungen Menschen einen Ort zum Luftholen geben«, sagt Semih Kneip von Gangway. Doch dabei blieb es nicht. Das Vorhaben entwickelte ein Eigenleben, ein Kern von einem Dutzend Kids warb schließlich selbst im Knast für »Legal leben«, organisierte Workshops zu Hip-Hop und Breakdance. Flankiert von Schulden- und Rechtsberatungen sowie der Unterstützung bei der Suche nach Wohnungen und Jobs gelang es einigen Jugendlichen Fuß zu fassen.

Einen anderen Ansatz verfolgte dagegen das Vorhaben »Homosexualität in der Einwanderungsgesellschaft« des Vereins Gays & Lesbians aus der Türkei (GLADT): »Uns ging es mehr um die strukturelle Ebene«, erklärt Koray Yilmaz-Günay. Um etwa Pädagogen besser gegen Homophobie zu wappnen, hat die Initiative Handreichungen erarbeitet. Da dies für sich genommen langweilig wäre, geht es GLADT auch um eine Debatte, die die gängigen Reglementierungen sprengt. Wie beispielsweise ist damit umzugehen, dass in Berlin fast 90 Prozent der Lehrer »weiß, deutsch, heterosexuell« sind, während ein Großteil der Schüler Migrationserfahrungen hat? Die Schlussfolgerungen aus solchen Diskussionen wurden von den Jugendlichen selbst getestet.

Neben diesen »guten Beispielen« von GLADT und Gangway gab es aber auch Projekte, die scheiterten, sagt Ingeborg Beer, die für den Senat das gesamte Aktionsprogramm »Vielfalt fördern – Zusammenhalt fördern« wissenschaftlich untersuchte. Doch immerhin 13 von 17 Projekten hätten als Tandemprojekt ihre Vorhaben beendet und dabei insgesamt 7000 Jugendliche erreicht. Damit seien Brücken in die Stadtgesellschaft geschlagen worden, so Beer.

Dass die Berliner Tandemidee, migrantische mit etablierten Trägern zu verknüpfen, ein Exportschlager ist, beweist unterdessen das Interesse des Bundesfamilienministeriums: Das plant nämlich, das Freiwillige Soziale Jahr auch für diese Vereine zu öffnen.

Das ND berichtete in einer Integrationsserie über Tandemprojekte.
Infos: www.neues-deutschland.de/dossiers/69.html

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken