Der Bohrer frisst sich langsam ins Salz. Knapp über dem Boden von Sohle 2 verschwindet der Stahl schräg im Boden. Gut 40 Meter tiefer soll er eine der großen Kammern treffen, aus denen die Bergleute im Schacht Bartensleben früher Steinsalz sprengten. Anschließend werden armstarke Rohre durch die Bohrungen geschoben. Sie werden an ein Leitungsnetz angeschlossen, das sich schon jetzt durch die Gänge und Strecken des Bergwerks zieht – und mit dessen Hilfe es versiegelt wird: Die Kammern und Kavernen, manche davon groß wie Kirchenschiffe, werden mit Salzbeton verfüllt. Viele der Stollen, die sich als kilometerlanges Labyrinth durch den Berg ziehen, werden zudem mit Propfen aus Beton verschlossen. Flatterband aus Plastik, das an den Wänden aus Salz befestigt ist, markiert schon jetzt die Stellen, an denen die Barrieren errichtet werden.
Normalerweise, sagt Heribert Kögler, werden stillgelegte Salzbergwerke nicht verfüllt, schon gar nicht mit Millionen Kubikmetern Beton. Eigentlich, erklärt der Ingenieur, der im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) durch die Gänge führt, erledigt aufsteigendes Grundwasser diese Arbeit. Die Grube unter dem Dorf Morsleben im Nordwesten Sachsen-Anhalts aber ist kein normales Bergwerk. In den 99 Jahren seit ihrer Eröffnung wurde hier nicht nur Salz gefördert. Im Krieg montierten Zwangsarbeiter in den Höhlen die Steuertechnik von V2-Raketen, später wurden in einem zur Grube gehörigen Schacht sogar Masthähnchen gezüchtet.
Bekannt wurde Morsleben freilich aus einem brisanteren Grund. Seit 1971 diente das Bergwerk unweit des Grenzübergangs Marienborn und damit unmittelbar neben der Grenze zur Bundesrepublik als Endlager für Atommüll. In einem halben Kilometer Tiefe liegen radioaktiver Abfall aus Kernkraftwerken, Industrie und Forschungsinstituten, zu Beton verarbeitetes Kühlwasser aus Atommeilern und kontaminierter Bauschutt. Es handelt sich, betont Kögler, »um schwach und mittelradioaktiven Abfall«. Davon strahlen einige, etwa ein Fass voller Radium sowie mehrere Kobalt-60-Quellen, besonders stark. Mit letzteren wurde einst untersucht, wie sich Salz und die Hitze aus Strahlenquellen vertragen. Das ist interessant für den Fall, dass abgebrannte Brennstäbe eingelagert werden sollen.
Brennstäbe liegen in Morsleben nicht; dennoch tobt der Streit in diesen Tagen besonders heftig. Der Grund: Noch bis Montag können Bürger und Betroffene ihre Anmerkungen zu den Plänen für die Schließung des Endlagers kundtun. Diese wurde 1997 beschlossen, nachdem noch acht Jahre zuvor der Weiterbetrieb bis nach 2000 beantragt wurde. Noch bis 1998 wurden Fässer mit Atommüll auf Sohle 4 des Bergwerks gebracht, wo rund 37 000 Kubikmeter Abfall eingelagert sind, der größere Teil davon nach Ende der DDR. Nach dem Regierungsantritt von Rot-Grün rückte das BfS von Morsleben ab; 2005 wurden die Pläne zur Schließung beim Umweltministerium in Magdeburg eingereicht, das den Planfeststellungsbeschluss erteilen muss. Dort wühlte man sich seither durch einige tausend Seiten Dokumente, Gutachten und Stellungnahmen. Seit dem 22. Oktober können nun auch Bürger, Kommunen und Verbände die Pläne prüfen und Einwände formulieren. Derzeit liegen die Papiere im Ministerium, im Rathaus der für Morsleben zuständigen Verwaltungsgemeinschaft Erxleben sowie im niedersächsischen Helmstedt aus.
Andreas Fox kommt in diesen Wochen kaum zur Ruhe. Der Lehrer, der an der Volkshochschule in Helmstedt arbeitet, ist Sprecher der Bürgerinitiative (BI) Morsleben, die seit 1991 gegen das Endlager mobil macht und 1998 gemeinsam mit dem BUND den Stopp der Einlagerungen vor Gericht durchsetzte. Erst jetzt aber kommt es wirklich zum Treffen: Erstmals können die Kritiker die Pläne der Behörde im Detail studieren – und müssen die aus ihrer Sicht wunden Punkte aufzeigen. Dabei ist der Zeitdruck enorm. »Der Betreiber hatte 16 Jahre, wir haben acht Wochen«, stöhnt Fox: »Das steht doch in keinem Verhältnis.« Heute soll Bürgermeistern der Region dennoch ein vorläufiges Gutachten vorgestellt werden, das Experten für die BI erarbeiteten und auf dessen Basis zusammen mit dem BUND nun schriftliche Einwände erhoben werden. Am Samstag sollen diese nach einer Demonstration dann im Magdeburger Ministerium übergeben werden. Die Behörden müssen sie dann Punkt für Punkt abarbeiten. Sind sie stichhaltig, könnten sie die Schließung stoppen, zumindest aber zu Auflagen führen.
Einige Forderungen von BI und Umweltverbänden sind bereits bekannt. Sie verlangen vor allem, dass Abfälle wie das Radiumfass aus der Grube geholt werden: »Das muss dort raus«, sagt Fox: Morsleben dürfe nicht durch die Hintertür zum Endlager auch für so stark strahlenden Müll werden. Generell betrachten die Aktivisten das Konzept mit großer Skepsis, die strahlenden Abfälle in Morsleben quasi zu verplomben. Er habe »Zweifel, ob auf diese Weise ein langfristiger Abschluss des Mülls von der Biosphäre zu erreichen ist«, sagt Fox. Womöglich wird die BI daher darauf drängen, auch Alternativen noch einmal gründlicher zu prüfen – bis hin zur Umlagerung des Mülls in den Schacht Konrad, das einzige bislang unter bundesdeutschem Atomrecht genehmigte Endlager.
Auslöser für solche weitgehenden Forderungen sind erhebliche Zweifel, ob der Salzstock für die Einlagerung von Atommüll geeignet ist. Teile des Bergwerks, das sich mit seinen riesigen Kammern und 55 Kilometer langen Stollen weit im Berg verästelt, sind brüchig; bereits zweimal kam es zu so genannten »Löserfällen«, bei denen Salzmassen unter Tage herabstürzten. Um erneute Bergstürze zu vermeiden, die womöglich auch den Zugang zu den Abfällen verschütten, wurden Teile der Grube bereits mit einem Gemisch aus Salz und Zement verfüllt – so wie eine große Kammer im Ostteil des Bergwerks, vor der noch die Hitze des aushärtenden Betons zu spüren ist.
Auf diese Weise ließe sich auch der strahlenden Müll sicher verwahren, ist Ingenieur Kögler überzeugt. Zwar wurde Morsleben auch von BfS-Vertretern mit einem löchrigen Käse verglichen, und Kögler räumt ein, das weitläufige Bergwerk würde man wegen der vielen Hohlräume »heute nicht mehr auswählen«. Doch vier Millionen Kubikmeter Salzbeton, 21 dicke Dämme in Verbindungsstrecken und dichte Pfropfen in den zwei nach oben führenden Schächten können, ist man überzeugt, den Müll sicher verwahren. Selbst wenn die Grube durch eindringendes Wasser in rund 7500 Jahren »absaufe«, sagt der Ingenieur, »ist die Radioaktivität bereits zu 99 Prozent abgeklungen.« Auch danach sei selbst bei ungünstigster Betrachtung nicht zu fürchten, dass Menschen oder Tiere etwa durch kontaminiertes Trinkwasser zu Schaden kommen
Diese Zuversicht teilt Andreas Fox nicht. Es blieben Zweifel, ob die Betonpfropfen tatsächlich über einen langen Zeitraum dem Druck oder der Salzlauge standhalten. Fox vergleicht das Bergwerk mit einem maroden Gebiss, das auch durch noch so viele Füllungen nicht zu sanieren sei – und bei dem nie sicher ist, ob der Verfall unter den Plomben nicht doch weitergeht. Es müsse geprüft werden, ob die Annahmen des BfS »nicht zu optimistisch« sind und eine zumindest teilweise Umlagerung des Mülls nicht doch geboten ist – auch wenn diese laut einem Gutachten für das BfS mit rund 3,4 Milliarden Euro mehr als anderthalbmal so teuer wäre wie die Versiegelung in Morsleben und zusätzliche Strahlenbelastung verursachen würde, weshalb die Umlagerung zwar »machbar, aber nicht zulässig« sei.
Bis die Entscheidung für oder gegen das endgültige Verplomben der Morslebener Schächte gefallen ist, wird noch einmal viel Zeit vergehen. Fox rechnet damit, dass bis Herbst 2011 die Erörterung der jetzt formulierten Einwendungen andauert; binnen Jahresfrist könnte dann über die Genehmigung entschieden sein. Kögler ist eher skeptischer und erwartet den Planfeststellungsbeschluss kaum vor 2015. Sehr wahrscheinlich ist, dass die Angelegenheit danach vor Gericht geht. Schließlich sehen vor allem Kritiker in Morsleben einen Präzedenzfall: Die Atomindustrie wolle zeigen, wie »auch ein eigentlich ungeeignetes Bergwerk technisch ertüchtigt werden kann«, so Fox – ein Verfahren, das sich an anderen Endlagerstandorten wiederholen könnte. Dem stemmen sich die Kritiker entgegen: Morsleben, meint Fox, dürfe »kein Modell für Halbwahrheiten werden«.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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