Von Harald Neuber
18.12.2009

Harsche Kritik an der »Kultur des Todes«

Hugo Chávez und Evo Morales fordern auf dem Klimagipfel in Kopenhagen ein radikales Umdenken

Hugo Chávez und Evo Morales, die Staatschefs von Venezuela und Bolivien, haben auf dem Klimagipfel in Kopenhagen harsche Kritik am kapitalistischen Modell geübt: Vor allem der Kapitalismus und die Ressourcenpolitik der Industriestaaten seien für die zunehmende Zerstörung der Umwelt sowie für die gefährliche Erwärmung des globalen Klimas verantwortlich.

»Die reichen Staaten sind es, die diesen Planeten zerstören!« Venezuelas Präsident Hugo Chávez fand am Mittwoch im Plenum der Klimakonferenz in Kopenhagen klare Worte. In einem ironischen Kommentar fügte er hinzu: »Vielleicht glauben sie ja, auf eine andere Erde auswandern zu können.« Zugleich beklagte Chávez ein Missverhältnis beim Ressourcenverbrauch: Sieben Prozent der Weltbevölkerung seien für 50 Prozent der Abgase verantwortlich, während die 50 Prozent am unteren Ende der sozialen Skala nur rund sieben Prozent der Emissionen verursachten.

In seiner Rede vor den internationalen Delegationen wies Chávez auch die Kritik an dem Ressourcenverbrauch der Schwellenländer zurück. Es sei »schon etwas seltsam«, wenn den USA und China die gleiche Schuld an der Klimaerwärmung zugewiesen werde: »Die USA haben gerade einmal 300 Millionen Einwohner, in China leben fünf Mal mehr Menschen«, so Chávez, der anfügte: »Die USA verbrauchen pro Tag rund 20 Millionen Barrel Erdöl, China kommt auf fünf oder sechs Millionen Barrel«. Chávez drängte auf ein radikales Umdenken – bis hin zur Abkehr von kapitalistischen System: »Wir verändern nicht das Klima«, sagte er mit Blick auf die linksgerichteten Staatsführungen in Lateinamerika: »Wir verändern das System, denn nur so können wir den Planeten retten.«

Ähnlich äußerte sich Boliviens Präsident Evo Morales in seiner Rede vor Vertretern der 192 UNO-Staaten am Donnerstagnachmittag. Am Vortrag bereits hatte er den Klimawandel auf einer Pressekonferenz als »direkte Konsequenz des Kapitalismus« bezeichnet. Es gelte, dieser »Kultur des Todes« eine »Kultur des Lebens« entgegenzusetzen, sagte der indigene Staatschef, der unlängst mit erheblichen Stimmzuwächsen in seinem Amt bestätigt wurde. »Es kann nicht sein, dass die Erdatmosphäre nur einigen wenigen Ländern offen steht, die sich mit ihrer irrationalen Industrialisierung und ihren Treibhausgasemissionen Entwicklungsmöglichkeiten erschließen.« Deswegen forderte der bolivianische Staatschef die Industrieländer auf, ihre Emissionen zu drosseln und dafür zu sorgen, dass sie absorbiert werden können.

Bei seiner Hauptrede am Donnerstag brachte Morales erneut drei Forderungen vor. Die Industriestaaten müssten gegenüber den Ländern des Südens ihre »Klimaschuld« begleichen. Zudem müsse die Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts im Vergleich zur vorindustriellen Zeit auf maximal ein Grad Celsius beschränkt werden. »Und schließlich frage ich die hier Anwesenden: Sind Sie einverstanden damit, einen internationalen Gerichtshof für Klimarecht einzurichten?« Ein solcher bei der UNO angesiedelter Gerichtshof könne die Schuldigen für Umweltzerstörung zur Verantwortung ziehen, führte Morales aus. »Ja, einverstanden«, schallte es aus den Reihen der lateinamerikanischen Delegationen. »Immerhin«, so Morales: »Eine Stimme haben wir dann schon.«

Die systemkritische Position von Chávez und Morales brachte den Südamerikanern aber auch Probleme ein. Besonders Chávez bekam das während seines Aufenthalts in Dänemark mehrfach zu spüren. Nach einem Bericht des Korrespondenten der bolivianischen Nachrichtenagentur Bolpress, Ricardo Daher, wurde das Gepäck der venezolanischen Delegation bei der Einreise entgegen internationaler Bestimmungen im Umgang mit Diplomaten und Staatsgästen 45 Minuten lang durchsucht.

Am Mittwochabend hielt die dänische Polizei die Wagenkolonne des Präsidenten dann so lange auf, bis ein Treffen mit Gewerkschaften und Vertretern sozialer Organisationen abgesagt werden musste. Später sei die Polizei im Sitz der dänischen Baugewerkschaft in Kopenhagen aufgetaucht. Chávez habe das Treffen »aus eigenen Stücken« ausfallen lassen, so der Vertreter der Staatsmacht. Anstelle des Präsidenten nahm der Geschäftsträger der venezolanischen Botschaft, Roger Corbacho, an dem Treffen teil.