Von Martin Koch
23.12.2009

Leise rieselt der Regen

Klimaforscher prophezeien: Weiße Weihnachten immer seltener

In früherer Zeit, so erzählen alte Leute gern, da lag an Heiligabend fast immer Schnee. Dazu war es knackig kalt, die Kinder fuhren tagsüber Schlitten und zur abendlichen Bescherung stapften Weihnachtsmänner durch die weiße Pracht.

Dass Geschichten dieser Art sich so hartnäckig halten, ist vermutlich auch den zahllosen Weihnachtsfilmen geschuldet, die gewöhnlich in einer tief verschneiten Landschaft spielen. Folgt man dagegen der Statistik, dann sind weder weiße noch grüne, sondern genau genommen graue Weihnachten in Deutschland die Regel. In München beispielsweise fällt nur alle drei Jahre Schnee zum Fest, in Dresden alle vier bis fünf Jahre. Noch weniger verwöhnt werden die Menschen in Hamburg, die sich nur einmal in neun Jahren über weiße Weihnachten freuen dürfen. Gelegentlich kommt es allerdings vor, dass ganz Deutschland am Heiligabend in eine dicke Schneedecke gehüllt ist. Zuletzt war dies übrigens 1981 der Fall.

Soweit die Statistik, die aber auch erkennen lässt, dass wehmütige Erinnerungen an weiße Weihnachten bald Realität werden könnten. Denn wie Meteorologen seit einigen Jahren feststellen, fällt tendenziell immer weniger Schnee zu den Festtagen. Die Frage drängt sich daher auf: Steht diese Entwicklung vielleicht in Zusammenhang mit dem neuerlichen Klimawandel? Gerhard Müller-Westermeier vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach ist zurückhaltend: »Der Einfluss der steigenden Temperaturen auf das Weihnachtswetter lässt sich bisher nicht zweifelsfrei nachweisen.« Doch das muss nichts bedeuten. Müller-Westermeier kann sich durchaus vorstellen, dass in 50 Jahren Kinder in Deutschland nur noch aus Filmen erfahren, was weiße Weihnachten sind.

Eine solche Mutmaßung wird durch zahlreiche Modellrechnungen gestützt. Ausgehend von der realistischen Annahme, dass sich der Kohlendioxid-Gehalt der Atmosphäre in den nächsten 50 Jahren verdoppelt, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Atmosphärische Umweltforschung (IFU) die Klimaentwicklung bis zum Jahr 2060 am Computer simuliert. Ergebnis: Der Beginn der frostigen Winterzeit verschiebt sich in Mitteleuropa immer mehr nach hinten – bis hinein in den Februar, während es im Dezember rund zwei Grad wärmer sein wird als heute. Das heißt, Schnee fällt zu Weihnachten dann kaum noch.

Ohne eine drastische Reduzierung des Kohlendioxid-Ausstoßes könnten die Dezembertemperaturen bis zum Jahr 2100 sogar um vier Grad steigen. Dann würde in Frankfurt am Main ein Klima herrschen wie derzeit in Mailand, wo kaum jemand im Winter viel Schnee erwartet. Allerdings wären grüne oder verregnete Weihnachten unter diesen Umständen das kleinste Problem, bedenkt man, dass anderswo auf der Welt der globale Klimawandel das Leben von Millionen Menschen bedroht.

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