Sprungmarken: Inhalt, Navigation.
Suchen auf neues-deutschland.de:

Erweiterte Suche

Von Volkmar Draeger 23.12.2009 / Berlin / Brandenburg

Wunderheilung und Schattenfrau

Im Schwulen Museum suchen zeitgenössische Künstler nach ihrem Ausdruck

D. Kuhlow »Buddy«
D. Kuhlow »Buddy«

Einer der beteiligten Künstler bringt es in seinen Anmerkungen zur Ausstellung auf den Punkt: »Es gibt keine explizit schwule oder lesbische Kunst. Sichtweisen, Überzeugungen, Erfahrungen werden in meiner Arbeit auf sehr persönliche Weise Form«, erklärt Dennis Kuhlow. Was das Schwule Museum unter dem Titel »First Service – Positionen zeitgenössischer Kunst« zeigt, ist häufig Selbsttherapie mit künstlerischen Mitteln. Kunst aber hebt im besten Fall individuelles Betroffensein auf eine auch von Außenstehenden nachvollziehbare Ebene.

Damit tun sich viele der Exponate schwer. Zu sehen sind 25 Werke aller Couleurs von acht Künstlern, Endzwanziger bis Mittvierziger, aus Deutschland, Israel, Haiti und den USA. Fast alle leben n Berlin.

Auf Sophie von Stillfrieds »Schattenfrau« trifft, wer den Raum betritt. In Weiß-Grau-Tönen, Acryl auf Leinwand, ist die Frau, sichtbar nur von den Lippen abwärts, knabenhaft schlank im Gang fixiert, eine Schulter vorgedreht. Auch Stillfrieds wandgroßes Hochformat »Hate« offenbart das kompositorische Geschick der früheren Meisterschülerin von Arno Rink: Eine Frau rafft ihr Sternenkleid, so dass ein tätowierter Oberschenkel zum Vorschein kommt; die raffende Hand zieren provokant die Versalien HATE und ein Herz. Protest hat hier eine künstlerische Form gefunden.

Feinsinnig ist Stillfrieds »Anker« aus Lärchenholz, der in einem maskulinen Pfeil ausläuft. Gröber und weniger überzeugend ist dagegen die Malerei von Jon Campbell – ob sein Selbstbildnis, umgeben von finster unfrohen Männern mit verkniffenen Lippen, die Elegie »Big Love« mit Fleischkoloss und Traumtypen oder eine titellose Angstfantasie um einen Nackten neben Körpern und Köpfen gereiht wie auf einer Tastatur. Beispiel jener selbsttherapeutischen Arbeiten ist Grit Hachmeisters »Wenn ich ein Vöglein wär«, eine 40-teilige Collage aus Digitalprints, Zeichnungen, Kopien und Objekten bis hin zum männlichen Goldgenital. Mag hier eine Frau auch noch so ernsthaft nach der eigenen Sexualität fahnden – die Teile ergeben doch keinen Zusammenklang.

Geheimnisvolles belichten Sascha Weidners Dickicht-Fotos: Müll unter Nadelgehölz als Indiz stattgehabten Lebens, »unfold II« als Leuchtkasten mit dem Rücken eines Mannes hinter gleisend sonnenerhelltem Blätterdach. D-L Alvarez filmt in Berlin Männer auf Parkpirsch, Amir Fattal fotografiert im Fabrikraum volle Plastiksäcke wie verknotete Kondome und liefert mit »Hole 09« die raffinierteste Installation: Das auf Spiegeln stehende und auch innen verspiegelte Viertelsegment ergänzt sich optisch zum Vollkreis. Vielschichtiges steuert Kuhlow bei. Drei hängende Polyurethansäcke fungieren witzig als »Selbstbildnis«; »Buddy« ist die Plastik eines silbrigen Gnoms, der seine mannsgroßen Hände aus Epoxidharz zornig ballt, als renne er gegen den Rest der Welt an.

In gesondertem Raum präsentiert Christoph Burtscher den Versuch einer verallgemeinernden Betroffenheitskunst. Eigene, technisch verfremdete und so kaum mehr identifizierbare HIV-Blutbilder in Schwarz-Weiß kontrastiert der Österreicher mit mittelalterlichen Pestheiligen, Christophorus und Sebastian, Projektionen auch homoerotischer Sehnsüchte. Die Fotoinstallation spielt auf AIDS als von der Kirche verunglimpfte Schwulenpest ebenso an, wie sie Burtschers wundersam unerklärlich verbesserte Blutwerte als Wunderheilung feiert. Das macht »Arbeiten an einem Wunder« berührend authentisch.

Bis 1.3. (Burtscher nur bis 4.1.), Schwules Museum, Mehringdamm 61, Kreuzberg, Telefon 69 59 90 50

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Kommentare zu diesem Artikel

Kommentar schreiben (Login erforderlich)
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Ihre Meinung zu diesem Artikel

Frisch gebloggt
24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

Änderungen in der nd-Community

Alle Blogs

Facebook
Twitter
Sie sind gefragt

Velothon 2012

nd stellt eine Mannschaft zusammen
nd-Sonderbeilagen

Beilagenplan 2012

Die Sonder- veröffentlichungen in der Übersicht
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Werbung:

Werbung:

Sprungmarken: Seitenanfang.