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Von Tobias Lambert 29.12.2009 / Nord-Süd

Lebensmittel sind ein Menschenrecht

Das Jahrbuch Lateinamerika wirft einen Blick auf die Gewinner und Verlierer der Agrarpolitik

Das neue Jahrbuch Lateinamerika informiert mit breitem Fokus über Gewinner und Verlierer von Agrarpolitik sowie lateinamerikanische Ernährungskultur.

Im vergangenen Oktober wurde es offiziell. In ihrem Welthungerbericht 2009 zählte die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) erstmals mehr als eine Milliarde hungernder Menschen. Die meisten davon leben in Asien und Afrika, doch auch in Lateinamerika nimmt der Hunger mittlerweile wieder zu. Dieses Jahr waren dort über 50 Millionen Menschen betroffen. Damit rückt das erste der acht Millenniumsziele, welche die Vereinten Nationen im Jahr 2000 beschlossen haben, in erschreckend weite Ferne. Es sieht vor, die Anzahl der in extremer Armut lebenden und hungernden Menschen bis 2015 zu halbieren.

Trotz dieser beschämenden Entwicklung gehörten die Titelschlagzeilen im Jahre 2009 wieder einmal anderen Themen. Berichte über die Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise aus Sicht der Wohlgenährten, über taumelnde Banken oder Rettungspakete, ließen die Nahrungsmittelkrise medial ins Hintertreffen geraten.

Das neue Jahrbuch Lateinamerika beleuchtet mit dem Schwerpunkt »Über Lebensmittel« die Ursachen dieser Dauerkrise. Sie werden von den MitherausgeberInnen Karin Gabbert und Michael Krämer im Editorial mit falscher Prioritätensetzung des Nordens und verfehlter marktwirtschaftlicher Agrarpolitik benannt. Im ersten Beitrag stellt der Agrarhandelsexperte Armin Paasch neben zwei weiteren Paradigmen im Kampf gegen Hunger den Begriff der »Ernährungssouveränität« vor. Dieser gilt als Konzept der sozialen Bewegungen und sieht die Landbevölkerung, die paradoxerweise am meisten von Hunger betroffen ist, als Protagonistin der Hungerbekämpfungsstrategien.

Unter anderem geht es darum, dass ländliche Gemeinschaften ihre natürlichen Ressourcen demokratisch kontrollieren, um Selbstbestimmung sowie nachhaltige und würdevolle Ernährung zu erreichen. In Lateinamerika ist das Konzept heute nicht mehr nur innerhalb der sozialen Bewegungen populär, sondern hat Eingang in agrarpolitische Debatten und Diskurse linker Regierungen gefunden. Real bewege sich hingegen wenig, wie auch der zweite Beitrag von Frank Braßel über Agrarreformen und Ernährungssouveränität deutlich macht.

Nach einer Analyse der argentinischen Agrarwirtschaft und deren NutznießerInnen, wendet sich das Buch verstärkt kulturell-kulinarischen Besonderheiten des Subkontinents zu. Gemäß dem Titel des Jahrbuchs geht es nicht nur um die Mittel zum Überleben, sondern berichten die verschiedenen AutorInnen auch »über Lebensmittel« in Lateinamerika. Neben zwei Beiträgen über die Bedeutung des Mais' in Mexiko und Mesoamerika geht es um den Austausch von Kulturpflanzen zwischen Lateinamerika und Europa sowie exportorientierten Brokkolianbau in Guatemala. Zwei Beiträge über konkrete Projekte im Kleinen runden den Themenschwerpunkt ab. Darüber hinaus finden sich in dem Buch Texte zum Drogenkrieg in Mexiko, dem Putsch in Honduras und Kommunalräten in Venezuela.

Das Jahrbuch besticht durch seinen breiten Fokus, der sich nicht auf die Ernährungsproblematik beschränkt, sondern auch kulturelle Facetten der Ernährung in Lateinamerika gewinnbringend mit einbezieht. Als Kehrseite dieser thematischen Bandbreite lassen die für den Schwerpunkt ausgewählten Beiträge keinen durchgehend roten Faden erkennen. Der Band stellt vielmehr ein äußerst lesenswertes Mosaik und somit eine glänzende Einführung in Agrarpolitik und Ernährungskultur in Lateinamerika dar.

Karin Gabbert, Michael Krämer et al. (Hg.): Jahrbuch Lateinamerika 33. Über Lebensmittel, Westfälisches Dampfboot, Münster 2009, 198 Seiten, 24,90 Euro.

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