05.01.2010

Star Trek, Marx und Zeitreisen

Alan Shapiro – Stargast der nächsten Transmediale – über neue Computer, '68 und Anarchie

Als Softwarespezialist möchte Alan Shapiro die digitale Welt auf neue Füße stellen, als Philosoph will er neues Denken in die Welt einführen. Und als »anarchistischer Marx-Leser« (Selbstbeschreibung) lenkt er nicht nur dessen Kapitalismuskritik in eine neue Richtung, sondern glaubt auch, Entfremdung und Ausbeutung auf den Müllhaufen der Geschichte verbannen zu können. Shapiro, der einst am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) arbeitete, ist seit 20 Jahren vor allem in Deutschland als Softwareentwickler und Medienwissenschaftler tätig. Im Februar ist er Aushängeschild des Berliner Medienkunstfestivals Transmediale.
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Alan Shapiro - Der Philosoph und Softwarespezialist ist Gast der Transmediale

ND: Sie wollen eine ganz neue Art von Computer entwickeln und eine neue Computerwissenschaft gründen. Was soll man sich darunter vorstellen?
Jetzige Computer beruhen auf dem wissenschaftlichen Standard des 17. Jahrhunderts. Sie gehen auf die mechanistische Philosophie von René Descartes zurück. Ihr Ziel besteht darin, Komplexität zu reduzieren. Ein Problem wird auf kleine, handhabbare Einheiten heruntergebrochen. Das funktioniert für eine Art von maschinen-hafter Software. Es besteht keine holistische Beziehung zwischen den Einzelteilen und dem Ganzen. Die Teile und das Ganze verhalten sich zueinander wie die Teile eines Autos. In der Philosophie des 20. und 21. Jahrhunderts wird hingegen viel Wert auf eine ganzheitliche Perspektive gelegt. Ich denke da vor allem an die französische Schule mit Deleuze, Baudrillard und Foucault. Ein ganzheitlicher Ansatz zeichnet auch die neue Medizin und die neue Biologie aus.

Was bedeutet das, übertragen auf die Computerwissenschaft?
Neue Computer sollten diesem ganzheitlichen Ansatz näher kommen. Die Biologie lehrt uns, dass jedes individuelle Mitglied einer Spezies in jeder Sekunde seiner Existenz den genetischen Code abliest und aus diesem gesamten, gattungsübergreifenden Wissen die Informationen für seine eigene Existenz nimmt. Auf die neue Computerwissenschaft übertragen bedeutet dies, dass man eine neue Beziehung zwischen dem auszuführenden Programm und der Datenbasis entwickeln muss.

Werden die Computer dadurch besser, schneller und leistungsfähiger?
Sie werden selbst komplexer. Schauen Sie, bei der existierenden Software kann nichts Überraschendes passieren. Nur das, was die Softwareentwickler programmiert haben, kann entstehen. Neue Computer werden flexibler.

Was wir vorhaben, kann man auch als eine neue Beziehung von Mustern und Ähnlichkeiten bezeichnen. Das ist wie in der Musik, wenn sich zum Beispiel in einer Symphonie jede einzelne Note in Resonanz mit der gesamten Symphonie befindet.

Sie wählen Ihre Beispiele aus der Wissenschaft – und aus der Kunst. Glauben Sie, dass künstlerische Ansätze bei der Technologieentwicklung hilfreich sind?
Unbedingt! Ich bin durch die 68er Kulturrevolution geprägt, durch die Studentenrevolten, durch die Befreiungsversuche in allen Bereichen der Gesellschaft, auch durch New Age und Buddhismus, durch das gesamte Panorama der holistischen Ideen für Glück.

Ich habe ein Buch über die Technologien von Star Trek veröffentlicht, das als wichtiges soziologisches Manuskript wahrgenommen wird. Ich glaube, dass wir sehr nahe an einem neuen paradigmatischen Umbruch sind, der Kunst, Wissenschaft und Philosophie zusammenführt. Dann können wir auch die Star-Trek-Technologien entwickeln. Mittelfristig, in etwa 20 Jahren, sollten dann auch Zeitreisen möglich sein. Erster Schritt ist allerdings die neue Computerwissenschaft.

Gegenwärtig nimmt fast jeder, der sich auf der Höhe der Zeit wähnt, für sich in Anspruch, Kunst, Wissenschaft und Philosophie in Einklag zu bringen. Was machen Sie anders?
Wir vereinen Theorie und Praxis. Darin gehen wir auf Karl Marx zurück. Ich habe Marx einer anarchistischen Lesart unterzogen. Seinen Arbeitsbegriff lösen wir mit Spiel, Freude, Freundschaft und verschiedenen schöpferischen Aktivitäten ab.

Das ist, wie gesagt, ein neuer, anarchistischer Marxismus, den wir zuerst in einem radikal-pragmatischen utopischen Experiment bei Shapiro Technologies ausprobieren werden.

Was wird dort entwickelt?
Es geht um Technologie, Medien, futuristisches Design und Ökologie. Basis ist eine neue Mathematik, die der irische Mathematiker Alexis Clancy entwickelt hat. Er ist ein Genie, ein neuer Einstein. Die einzelnen Produkte können sehr vielfältig sein. Gegenwärtig arbeiten wir mit Computerspielherstellern zu den Fragen von Gefühlsentwicklung und Narration, mit japanischen Partnern über die Erstellung sprechender Comic-Bücher und mit Disney über Artficial-Life-Figuren in Themenparks zusammen. Wir versuchen, Aufträge im Logistikbereich für die Deutsche Bahn zu erhalten und im Bereich der Sprachverarbeitung und des Autos der Zukunft mit Volkswagen oder einem anderen Automobilhersteller ins Geschäft zu kommen.

Im Februar werden Sie auf der Transmediale ein neues Auto vorstellen. Worum geht es dabei?
Das Auto soll nicht mehr nur auf die Funktion, jemanden von A nach B zu bringen, reduziert werden. Auch hier geht es um einen ganzheitlichen Ansatz. Sprachfunktionen sollen integriert werden. Das Auto wird zu einer Spielplattform. Auf die gläserne Kanzel können Projektionen gebracht werden; das Auto wird so zu einem Instrument, um in den Cyberspace zu gelangen. Außerdem sollten Autos hochkant gestapelt werden. So, wie sie sind, nehmen sie unglaublich viel Platz weg.

Interview: Tom Mustroph

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