Von Irmtraud Gutschke
07.01.2010

Zauberblick

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Illustration: Linde Kauert
Dass Literatur oft aus Literatur entsteht und nicht nur aus selbst Erfahrenem – man weiß es. Und doch ist es verwunderlich, konkret zu erleben, wie sich in einem Werk ein anderes verwurzelt, das ohne diesen Nährboden nicht wachsen könnte, wie es zu einem eigenen Wesen wird.

»Als Eva 8 war« von Günther H. W. Preuße handelt nicht von irgendeinem Kind, sondern von Eva Strittmatter, deren Gedichte und Prosatexte der Autor in einem Maße verinnerlicht hat, dass es scheint, er würde über seine eigenen Erinnerungen sprechen. Kurios ist es für mich, Details aus meinen Gesprächen zum Band »Eva Strittmatter. Leib und Leben« wiederzufinden: das Buch im Puppenwagen, die Quastenschnur neben Großmutters Bett, das glückliche Liegen mit aufgeschlagenem Knie, das Bootshaus der Familie des »Malermeisters« gegenüber – ich denke doch, es ist ein Maurermeister gewesen – das grüne Dämmerlicht, der Teergeruch.

Auch Gedichtzeilen kommen mir beim Lesen in den Sinn: »Ruhlos macht mich der Rittersporn./ Blau: so fällt Liebe./ Rot steigt der Zorn.« Oder: »Lupinenblau – so war doch was/ In meiner Kindheit. War es Glas?« Und noch viele andere klingen an, werden aber von Günther H. W. Preuße auf eine so eigene Art verwoben, dass es ganz und gar sein Buch ist, seine gültige Lebensdeutung, die aus seiner Gabe zur Einfühlung und seiner eigenen Sprachkraft entstand.

Linde Kauert hat die Bilder dazu gemalt: eine Achtjährige, umgeben von Fantasiegestalten. Nicht nur ihre Träume sehe ich darin, sondern auch das, was aus Vergangenheit und Zukunft auf sie kommt, was außerhalb ihres Einflusses erwächst, wogegen sie sich behaupten, was sie auch irgendwie in ihr Dasein integrieren muss. Dinge, von denen das Mädchen noch nicht weiß –, der kundige Leser bezieht sie in die Lektüre ein. So vervielfacht sich der »Zauberblick«, den der Autor bei der kleinen Eva ausmacht, als sie aus den verwitterten Mienen der Großeltern plötzlich deren Kindergesichter hervorschauen sieht.

Günther H. W. Preuße gelang das bei Eva Strittmatter, und der Leser mag es bei sich und anderen versuchen. Wenn wir »das himmelblaue Wägelchen Erinnerung« besteigen, handelt das Buch insofern eben doch nicht nur von einer Person, sondern von vielen möglichen. »Rolle rückwärts zu den versunkenen Kindheitsgärten«, als wir Stöckchen an Zaunslatten entlangknattern ließen, vor Freude hüpften, uns von hohen Bäumen behütet fühlten – dazu verhilft es uns.

Ein Geschenk des Autors Günther H. W. Preuße, der Grafikerin Linde Kauert und des Buchgestalters Heinz Hellmis zum 80. Geburtstag Eva Strittmatters im Februar 2010. Es ist wirklich ein Geschenk, weil es ein großes Glück ist, von einem anderen Menschen aus sich selbst heraus erkannt zu werden. Eigentlich sind Menschen ja dazu fähig, kluge zumal, aber es gelingt nicht häufig. Meist verkennen sie einander. Ob es am Drang zur Selbstbehauptung liegt?

Das Verbindende zu erspüren, stärkt indes auch die eigene Seele. So wie Günther H. W. Preuße den Besuch der kleinen Eva bei ihrer Nenntante Luise beschreibt: »Noch unzerschrammt, warm und hautglatt die Kleine mit den rockumwirbelten Knien ... zerfurcht und farblos schon die Alte. Tief im Innern aber jede – ein immerwährendes Mädchen, nach Gutsein dürstend.«

Günther H. W. Preuße. Als Eva 8 war. Kaleidoskop einer Kindheit in acht Textbildern und farbigen Illustrationen von Linde Kauert. Edition Zwiefach. 40 S., geb., 18 €.

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