Von Hans-Gerd Öfinger
08.01.2010

Kündigung röstfrisch

Tchibo schließt Verteilzentrum »im Schweinsgalopp« / Ver.di ist sauer

Tchibo schließt ein Verteilzentrum in Südhessen und zerstört 120 Arbeitsplätze. Ver.di kritisiert zu niedrige Abfindungen. Viele Beschäftigte wollen klagen

Knapp sechs Jahre nach seiner Inbetriebnahme soll das moderne Verteilzentrum der Tchibo Logistik GmbH im südhessischen Gernsheim zum 30. Mai 2010 für immer schließen. Damit fallen 120 Arbeitsplätze weg.

Der für das gesamte Bundesgebiet zuständige und in Gallin (Mecklenburg-Vorpommern) ansässige Betriebsrat habe »in einem ungewöhnlich schnellen Tempo« einen Sozialplan abgeschlossen, sagte der Darmstädter ver.di-Sekretär Horst Gobrecht auf ND-Anfrage. Dabei habe die offensichtlich unorganisierte und arbeitgebernahe Betriebsratsmehrheit weder die Gewerkschaft informiert noch externe Sachverständige zur Prüfung der betriebswirtschaftlichen Notwendigkeit dieser Schließung hinzugezogen, bemängelt Gobrecht.

Der für den Südwesten konzipierte und gut florierende Gernsheimer Betrieb mit insgesamt 16 200 Quadratmetern Logistik- und Bürofläche galt aufgrund seiner Nähe zu Autobahnen, Güterbahnhof und Rheinhafen als idealer Umschlagplatz zur Belieferung von Verkaufsstellen und Filialen. Umso unverständlicher ist nun die rasche Schließung.

Betroffene Gernsheimer Beschäftigte äußern massive Kritik. So liegen die im Sozialplan vorgesehenen Abfindungssummen für den Arbeitsplatzverlust nach Gewerkschaftsangaben durchweg unter dem Niveau vergleichbarer Vereinbarungen für die Branche. Dem Vernehmen nach konnten sich die drei engagierten Gernsheimer Vertreter im 15-köpfigen Betriebsrat mit weitergehenden Forderungen nicht durchsetzen. Vielen Beschäftigten flatterte noch vor Weihnachten der Kündigungsbrief ins Haus.

»Wurden die Sozialplanverhandlungen vielleicht nur deshalb im ›Schweinsgalopp‹ durchgepeitscht, damit die Geschäftsleitung noch im Dezember die Möglichkeit erhalten sollte, den Beschäftigten zu kündigen?«, heißt es in einer ver.di-Publikation. Gernsheimer ver-di-Mitglieder wollen sich per Kündigungsschutzklage gegen die Entlassung und magere Abfindung wehren. Gewerkschafter argwöhnen, dass der profitable Tchibo-Konzern systematisch Kostensenkung betreibt und das Preisdumping im Logistikbereich ausnützt. So könnte der Südwesten auch von Neumarkt/Oberpfalz (Bayern) aus beliefert werden. Die Erfahrung zeige, dass sich Belegschaften auch nicht auf den Schutz durch einen noch so namhaften Konzern verlassen könnten, wenn dieser seine wirtschaftlichen Interessen knallhart durchsetzen wolle, heißt es bei ver.di. Vor solchen bösen Überraschungen schützten nur frühzeitiges gewerkschaftliches Engagement, die Wahl eines Betriebsrats und konsequente Interessenvertretung vor Ort. Foto: dpa

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken