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Von Harald Lachmann 08.01.2010 / Inland

Sehnsucht nach Familie

Mit Zwei in die Kinderkrippe? Was im Westen nicht nur konservative Familienpolitiker verschreckt, ist im Osten selbstverständlich. Leipziger Wissenschaftler wissen auch warum.

Auch im 20. Jahr der deutschen Einheit gibt es noch große Unterschiede zwischen Ost und West. Bei keinem Thema lässt sich das so gut illustrieren wie beim Thema Kinderbetreuung. Während sich im Westen viele Eltern nach wie vor nicht vorstellen können, ihre Kinder schon vor dem dritten Geburtstag »fremdbetreuen« zu lassen, ist das im Osten eine Selbstverständlichkeit. Das haben auch Wissenschaftler in Leipzig in einer Langzeitstudie festgestellt.
Kinderkrippe des DRK in Frankfurt – natürlich das an
Kinderkrippe des DRK in Frankfurt – natürlich das an der Oder, denn selbst in der Mainmetropole ist das Betreuungsnetz für Unter-Dreijährige dünn.

Deutschlands Kommunen schlagen Alarm. Einen Platz in Kindergarten oder Krippe, auf den ab 2013 alle Zwerge bis drei Jahre einen Rechtsanspruch haben, halten sie für utopisch. Da dies nun auch jene Eltern auf den Plan rief, die vorher noch unschlüssig waren, werden nun statt prognostizierter 750 000 Plätze bundesweit 1,3 Millionen Plätze gebraucht. »Dafür ist kein Geld da. Auch die 150 000 zusätzlichen Erzieher haben wir nicht«, gab sich Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, zu Wochenbeginn spröde. Zumindest drängt er auf Nachbesserungen durch Bund und Länder. Andernfalls rolle eine Klageflut von verprellten Eltern an.

In der Tat fehlen in deutschen Kinderkrippen 350 000 Plätze – das Gros im Westen. Hier entstehen zwar jährlich um die 40 000 Kita-Plätze neu, doch um das ehrgeizige Ziel von Ursula von der Leyen zu erreichen, wären 70 000 pro Jahr nötig. Und so zieht mancher im konservativen Lager bereits wieder die Rabenmutter-Karte. Wer als Mutter seine Sprösslinge der Karriere zuliebe außer Haus erziehen lässt, muss mit erneuter gesellschaftlicher Geißelung rechnen.

Berufstätigkeit kein Makel

Dagegen rumort es indes längst kräftig. So startet am 10. Februar in Thüringen ein »Volksbegehren für eine bessere Familienpolitik«. Es soll 200 000 Unterschriften gegen »den rigiden Sparkurs der Landesregierung in der Familienpolitik« sowie ein neues Kinderbetreuungsgesetz auf den Weg bringen, so die meist parteilosen Organisatoren. Nicht zuletzt wollen sie das Thüringer Erziehungsgeld zu Fall bringen. Denn Eltern erhalten hier je nach Familiengröße monatlich 150 bis 300 Euro, sofern sie keinen Krippenplatz beanspruchen. Das Geld dafür – rund 30 Millionen Euro im Jahr – entnahm das Land seinem bisherigen Kindergartenetat.

Damit ist Thüringen auch Vorreiter für das ab 2013 auch bundesweit geplante Betreuungsgeld. Zu dessen Befürwortern gehört auch die Erfurter Architektengattin Elisabeth Lehmann-Dronke. Die Katholikin hat fünf Kinder und gibt sich glücklich, diese Dank des Landeszuschusses daheim betreuen zu können. Andernfalls, meint sie, fühle sie sich »tagtäglich vom Staat bestochen, die Kinder, die ich geboren habe, betreuen zu lassen und meine volle Arbeitskraft der Wirtschaft zur Verfügung zu stellen«.

Damit ist sie aber eher die krasse Ausnahme in den neuen Ländern. Denn die sogenannte Rabenmutter ist hier fast ein Fremdwort. »Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf war in der DDR derart im Bewusstsein der Leute verankert, das selbst jene, die 1989 noch in der Pubertät steckten, dies bis heute als selbstverständlich empfinden«, berichtet die Soziologin Yve Stöbel-Richter. Mithin ignoriere die Politik in ihren gelegentlichen Rabenmutter-Diskussionen um das Thema Kinderkrippen »fast völlig, dass in fünf Bundesländern dieses Problem gar keins ist, sondern dass hier diese Vereinbarkeit seit Jahrzehnten praktisch gelebt wird«, rügt die Juniorprofessorin für medizinische Psychologie und Soziologie an der Universität Leipzig.

Wenn ostdeutsche Frauen auf Kinder verzichten oder den Wunsch danach vor sich herschieben, rühre das einzig aus wirtschaftlichen Zwängen. »Man fürchtet, sie wegen finanzieller Nöte nicht ausreichend versorgen zu können. Doch Angst um die Karriere oder vor dem Reden der Leute ist hier fremd«, so Yve Stöbel-Richter. Auch alle Prophezeiungen, wonach sich die Fertilitätsmuster ostdeutscher Frauen bald schon an jene ihrer Geschlechtsgenossinnen West angleichen würden, hätten sich nicht bewahrheitet. »Sie haben nach wie vor ihren eigenen Rhythmus in Bezug auf die Zahl der gewünschten Kinder und wann diese zur Welt kommen sollen«, so die Soziologin.

Eine Westdeutsche, die zwei Kinder möchte, schiebe das meist sehr lange hinaus und wolle sie dann möglichst dicht hintereinander haben, um bald wieder in den Job einsteigen zu können. Bei ostdeutsche Familien komme das erste Kind meist eher, ein zweites jedoch erst nach einer deutlich längeren Pause von zuweilen sechs bis acht Jahren. Hierin sieht die Wissenschaftlerin ein völlig anderes Denkschema, nämlich: Ein Kind neben dem Beruf zu haben, ist kein Problem, aber reicht das Geld auch für ein zweites? Deshalb werde hier zunächst aus rein wirtschaftlichen Gründen gezögert. Die 40-Jährige sieht sich selbst als Beispiel dafür, denn zwischen der Geburt ihrer beiden Söhne liegen ebenfalls acht Jahre. Im Übrigen sei im Osten auch nach der Wende die ersehnte »ideale Kinderzahl« nahezu stabil geblieben, nämlich bei etwa 1,7. »Und das ungeachtet allen Unkens in Politik und Medien, wonach diese bundesweit rückläufig sei«, gibt die Expertin zu bedanken.

Bei ihren Aussagen stützt sie sich auf eine weltweit einzigartige Längsschnittstudie, an der sie mitwirkt. Denn bereits seit 1987 werden von ihr und drei weiteren Wissenschaftlern aus Leipzig und Dresden über 400 repräsentativ ausgewählte Sachsen Jahr für Jahr zu politischen, sozialen und mentalen Aspekten befragt. Das Spannende daran ist, dass sich die Probanden – alle Jahrgang 1973 und damit heute Mitte 30 – damit lückenlos auf ihrem Weg vom DDR- zum Bundesbürger begleiten ließen. »Die Studie ist also nicht nur wegen ihrer Dauer so wertvoll, sondern auch, weil sie Menschen erfasst, die zwei Gesellschaftssysteme kennen lernten«, so die Soziologin.

DDR-Erfahrungen wirken nachhaltig

Eigentlich starteten die Befragungen 1987 an Schulen in Karl-Marx-Stadt und Leipzig, weil die DDR-Oberen ihrer Jugend nicht mehr recht trauten. Die politische Zustimmung zum Staatssystem hatte spürbar gelitten. Deshalb sollten sich die 14-Jährigen auf Fragebögen anhand einer Werteskala von 1 bis 5 zu ihren Lebensorientierungen, Zukunftserwartungen, Lernleistungen sowie zu ihren Auffassungen über den Sozialismus und die DDR artikulieren. Das Projekt war auf drei Testwellen in drei aufeinander folgenden Jahren angelegt, endete also 1989. »Es handelte sich somit um den letzten Mittelschuljahrgang, der komplett nur das DDR-Schulsystem durchlief«, erläutert Yve Stöbel-Richter.

Obgleich fortan ständig auf der Suche nach Geldgebern, entschied sich das Team um den Leipziger Jugendforscher Peter Förster, diese Befragungen auch nach der Wende fortzuführen. Diese zeitigten jedoch mit den Jahren geradezu anachronistisch wirkende Ergebnisse. Denn die damals »fehlende Identifikation mit dem Marxismus-Leninismus«, die man frank und frei zugab, wich wachsendem Missmut über das heutige System. Zwar lehnen über 80 Prozent ein Zurück zur Vorwendezeit strikt ab, doch im Westen sehen sie sich noch immer nicht angekommen. Viele geben sich eine Art Doppelidentität: schon Bundes-, aber auch noch DDR-Bürger. »Und eben das spürt man mit am deutlichsten im privaten Bereich, so in der Familienplanung«, sagt Yve Stöbel-Richter. »In sozialer Hinsicht schneidet die DDR sogar beim Systemvergleich von Jahr zu Jahr besser ab – etwa bei der Kinderbetreuung, dem Verhältnis der Leute untereinander und bei der Familienförderung«, erfährt sie aus den Fragebögen.

Mithin sei die grundsätzliche Bejahung der deutschen Einheit nicht identisch mit der Zustimmung zum gegenwärtigen Gesellschaftssystem. Vielmehr sehne sich die Mehrzahl der Befragten heute nach einer Art drittem Weg, einem reformierten Sozialismus. »Die in der DDR gemachten Alltagserfahrungen in sozialer Hinsicht, insbesondere die erlebte soziale Sicherheit, wirkten nachhaltiger als vermutet«, wertet Stöbel-Richter dies. Und dies werde nun auch an die eigenen Kinder und bald schon an die Enkel weitergegeben. So erwartet die Leipziger Soziologin auch für die nächsten ein, zwei Generationen im Osten keinen generellen Mentalitätswandel zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Vehement widerspricht sie angesichts ihrer Studien auch landläufigen Meinungen, dass 40 Prozent aller Akademikerinnen keine Kinder wollten. Studierte Frauen kämen zwar im Schnitt erst Anfang 30 das erste Mal nieder, also etwa fünf Jahre später als Nichtstudierte, betont sie, doch die Zahl der gewünschten Kinder sei höher als in Nicht-Akademiker-Familien. Zudem beobachtet sie bei den Langzeitprobanden eine zunehmende Sehnsucht nach Familie und Privatsphäre. Dies dominiere spürbar gegenüber beruflicher Karriere oder gar politischem Engagement. Hier schlage sich auch eine im Laufe der Jahre sogar verstärkende Überzeugung nieder, dass es ein schwerwiegender Fehler der Wiedervereinigung gewesen sei, »nicht die guten Seiten der DDR in das gemeinsame Land hinübergerettet zu haben«.

Mittlerweile blickt das Forscherteam bereits auf 22 abgeschlossene Erhebungswellen zurück. Unterstützt wurden sie auch durch die Otto Brenner Stiftung, eine Wissenschaftsstiftung der IG Metall. Mit Blick auf den 20. Jahrestag der deutschen Einheit hoffen die Wissenschaftler, dass ihre faktenreichen Ergebnisse einen guten Rahmen geben, um sich auf dieser Basis bei der weiteren Diskussion über die Gestaltung der deutschen Einheit kritisch und zukunftsorientiert auseinanderzusetzen.

Über die Längsschnittstudie von 1987-2006 erschien im März 2007 auch ein Buch im Psychosozial-Verlag, Gießen: »Einheitslust und Einheitsfrust. Junge Ostdeutsche auf dem Weg vom DDR- zum Bundesbürger»; Autoren: Hendrik Berth, Peter Förster, Elmar Brähler, Yve Stöbel-Richter.

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