Von Gabriele Oertel
09.01.2010

LINKE muss auf Lafontaine warten

Noch keine Entscheidung über Rückkehr des Saarländers – Gregor Gysi verteidigt im ND-Interview den Pluralismus in der Linkspartei

Nach tagelangem Streit in der LINKEN um Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch und seine angebliche Illoyalität gegenüber dem erkrankten Parteichef Oskar Lafontaine haben viele Genossen gestern hoffnungsvoll gen Saarbrücken geschaut. Dort hatte sich am Donnerstagabend Gregor Gysi zum Krankenbesuch eingefunden. Die anschließende Botschaft lautet: Auf Lafontaines Wiedereinstieg in die Politik muss die LINKE weiter warten.
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»Der Druck muss endlich aufhören«, erklärte Gysi im ND-Interview nach seinem Gespräch mit Lafontaine im Saarland. »Die Zeit, die er braucht, die müssen wir ihm auch geben«. Da noch nicht alle medizinischen Untersuchungen abgeschlossen seien, könne Lafontaine noch keine Entscheidung über seine politische Zukunft treffen. »Er will schließlich nichts Vages sagen, sondern etwas Verbindliches«, sagte Gysi und sprach erneut von seiner Hoffnung, dass Lafontaine sowohl im Bundestag bleibe als auch im Mai wieder als Vorsitzender der Linkspartei kandidiert. »Aber selbst wenn nicht und er im Saarland bliebe, ist doch klar, dass er auch von dort aus hervorragend Bundespolitik machen kann«, eröffnete Gysi eine weitere mögliche Option. Lafontaine selbst verwies gestern gegenüber der »Saarbrücker Zeitung« allerdings lediglich auf »eine Reihe von Untersuchungen«, die er abwarten müsse, »ehe ich über meine weitere politische Zukunft entscheiden kann«.

Inzwischen ist nicht nur Gysi Adressat von Briefen insbesondere aus westlichen Landesverbänden mit Beschwerden über Dietmar Bartsch inklusive Rücktrittsforderungen – sondern auch Lafontaine bekommt Post. Der Geraer Stadtvorsitzende der Linkspartei, Andreas Schubert, depeschierte dem Parteichef Genesungswünsche und betonte: »Wir schätzen Dich als einen erfahrenen Politiker und Motivator für die politische Arbeit in unserer Partei, als jemanden, der gerade jetzt für die deutsche Linke unentbehrlich ist.«

Gysi zeigt sich beunruhigt über die Situation in der Partei, hebt die Verdienste des Bundesgeschäftsführers um die Entwicklung der LINKEN »in Vergangenheit und Gegenwart« hervor und betont, keine weiteren Briefe zu brauchen, »weil mir die gesamte Problematik bekannt ist«. Derweil stützte auch der Thüringer Linksfraktionschef Bodo Ramelow die Position des Bundesgeschäftsführers. In der »Berliner Zeitung« erklärte er: »Wenn jetzt gefordert wird, Bartsch möge zurücktreten, dann ist das, als würde man mutwillig ein Rad von einem Wagen abschlagen.« Ex-Europaabgeordneter André Brie wies im Deutschlandradio Kultur darauf hin, dass sich Bartsch stets loyal gegenüber Lafontaine verhalten habe. »Er hat einen Bundestagswahlkampf sehr erfolgreich geführt, in dessen Mittelpunkt eindeutig Oskar Lafontaine stand.« Für Brie ist der Bundesgeschäftsführer ein überzeugter Linker, der »in die Gesellschaft hineinwirken will, der reale Veränderungen durchsetzen will und der den Realismus in der Politik betont«.

Während die sächsische Landesgruppe der LINKEN im Bundestag vom Parteivorstand ein »klares Signal der Einigkeit« forderte, kommt für Bartsch Beistand auch aus der Heimat. Mecklenburg-Vorpommerns Linksfraktionschef Helmut Holter stellte sich hinter den Schweriner Bundestagsabgeordneten. »Dietmar Bartsch hat in der Vergangenheit als Parteimanager bewiesen, dass er innerhalb und außerhalb der Partei federführend agieren kann. Ich halte ihn für fähig, auch führende Parteiämter zu übernehmen«, erklärte Holter.

Der Ex-Arbeitsminister in Schwerin appellierte zugleich an seine Partei, die Personaldebatte um Bartsch und Lafontaine zu beenden. Stattdessen solle die LINKE wieder politische Alternativen zur »verheerenden« Politik der Bundesregierung aufzeigen. Das ist auch Anliegen von Gysi. Er fordert von seiner Partei die Akzeptanz von Pluralismus, »alles andere führt nur zu inneren Auseinandersetzungen, die uns von dem abhalten, wozu wir verpflichtet sind, nämlich Politik zu machen«.

Tagesthema Seite 2

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