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Steine werden abgeladen, denn es wird angebaut im Frauenzentrum »Xochilt Acalt« unweit der nicaraguanischen Hauptstadt Managua
Foto: Willi Volks
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Als der Lastkraftwagen mit den Steinen in der Gemeinde San Poncho Sur ankommt, weist eine junge Frau dem Fahrer die Stelle, an der er halten soll. »Hier entsteht demnächst mein Stall für die Schafe und Ziegen«, sagt Darlin Morales zu uns, und ihre Vorfreude darauf spürt man deutlich. Darlin ist erst 22 Jahre, doch sie hat schon 15 Schafe und Ziegen, die zur Zeit noch im Stall ihrer Mutter stehen.
»So lange ich denken kann, ist meine Mutter bei ›Xochilt Acalt‹ organisiert, und so bin auch ich ganz automatisch immer mehr in die Arbeit des Frauenzentrums integriert worden«, fährt Darlin fort. Und tatsächlich hört sich das, was sie über das Leben ihrer Familie zu erzählen weiß, wie die personifizierte Entwicklungsgeschichte von »Xochilt Acalt« an.
Juana Morales, ihre allein erziehende Mutter, hat neben ihr noch vier weitere Kinder und arbeitete in den 80er Jahren als Landarbeiterin auf einer staatlichen Baumwollplantage im Departement León, dem Anbauzentrum für Baumwolle in Nicaragua schlechthin. Als Anfang der 90er Jahre der Weltmarktpreis für Baumwolle rapide sank und zugleich die Staatsbetriebe aufgelöst wurden, nachdem die sandinistische Regierung abgewählt worden war, verlor Juana Morales ihre Arbeit und konnte ihre Kinder kaum noch ernähren.
Da sie diese Krise mit vielen Frauen aus der Region teilte, nahm sich das damals gerade gegründete Frauenzentrum der Sorgen und Nöte dieser ehemaligen Landarbeiterinnen an und entwickelte mit ihnen gemeinsam alternative Überlebensstrategien. »Und so gehörte meine Mutter mit zu den ersten Frauen, die sich bei ›Xochilt Acalt‹ organisierten«, berichtet Darlin.
An dieser Stelle ergreift Juana Morales, die bisher den Erklärungen ihrer Tochter aufmerksam gefolgt war, selbst das Wort und meint: »Ja, und damit änderte sich mein ganzes Leben, vor allem begann ich nochmals zu lernen, was ich mir vorher nie hätte vorstellen können.« Sie, die nur zwei Jahre zur Schule gegangen war, holte durch Kurse des Frauenzentrums den Abschluss der Grundschule (6. Klasse) nach. Gleichzeitig legte sie mit Hilfe von »Xochilt Acalt« einen Obst- und Gemüsegarten an und bekam eine Kuh.
Als das Frauenzentrum später mehr und mehr die Schaf- und Ziegenhaltung förderte, war Juana wiederum eine der ersten, die in diese Tierhaltung einstieg. Und so wurde ihre Tochter Darlin nicht nur mit der äußerst nahrhaften Ziegenmilch groß, sondern sie half auch bei der Haltung der Tiere mit.
»Kein Wunder, dass sie die Tiere so lieben«, schmunzelt Doña Juana und beobachtet wie wir alle amüsiert ein kleines Schwein, das partout nicht von Darlin lassen kann und immer wieder zwischen deren Beinen hindurchläuft. Doch ihre Tochter half nicht nur bei der Tierhaltung, sondern bekam auch mit, wie sich ihre Mutter nochmals »auf die Schulbank setzte« und durch »Xochilt Acalt« zur Veterinärtechnikerin ausgebildet wurde. Inzwischen gehört sie mit ihrer fünfjährigen Praxis zu den versiertesten veterinarias des Zentrums: Sie führt eine veterinärmedizinische Hausapotheke und betreut etwa 350 Tiere von 15 Frauen in ihrer Gemeinde San Poncho Sur.
Und das Lernen scheint ihr inzwischen zu einem permanenten Bedürfnis geworden zu sein, denn bei dem aktuell von INKOTA unterstützten Projekt bildet sie sich in der Anwendung von Naturmedizin in der veterinärmedizinischen Behandlung weiter.
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Darlin Morales – sie liebt ihre Arbeit mit den Tieren, und die Tiere lieben sie
Foto: Willi Volks
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Sie freut sich, dass sie erstmals zusammen mit ihrer Tochter an einem Projekt beteiligt ist, denn auch der neue Stall für Darlin wird über das Projekt mit INKOTA finanziert. Und dann erzählt sie uns voller Stolz, dass ihre Tochter inzwischen in ihre Fußstapfen getreten ist und längst dabei ist, mehr als sie selbst zu lernen: »Darlin ist die erste Frau des Zentrums, die es geschafft hat, an der Universität in León ein dreijähriges Studium als Technikerin für Landwirtschaft und Tierhaltung aufzunehmen.«
Ihre Tochter kommentiert die lobenden Worte der Mutter etwas verschämt: »Eigentlich bin ich die Tochter meiner Mutter und von ›Xochilt Acalt‹. Ich habe viel von meiner Mutter gelernt, und mich hat ihre Arbeit als Veterinärtechnikerin fasziniert. So etwas wollte ich später auch machen. Dass dies aber jetzt Wirklichkeit wird, habe ich dem Frauenzentrum zu verdanken. Erst habe ich ein Stipendium erhalten, um mein Abitur zu machen, jetzt um zu studieren. Und außerdem kann ich hier in San Poncho Sur ›mein Praktikum‹ demnächst sogar in meinem eigenen Stall durchführen. Auch das habe ich ›Xochilt Acalt‹ zu verdanken.«
»Und INKOTA«, ergänzt ihre Mutter, denn sie kann sich noch gut daran erinnern, dass schon ihre nachholende Schulausbildung und ihr Einstieg in die Gemüse- und Obstproduktion durch INKOTA mitfinanziert wurden.
Als Mertxe Brosa, eine der Leiterinnen von »Xochilt Acalt«, später in ihrem Büro davon erfährt, was Darlin über »ihre beiden Mütter« erzählt hat, muss sie zunächst herzhaft lachen, um dann zu kommentieren: » Es stimmt, Juana gehört zu den Frauen, mit denen wir vor 18 Jahren begonnen haben zu arbeiten, deshalb ist ihre persönliche Entwicklung so eng mit der Entwicklung des Frauenzentrums verbunden.«
»Als Organisation«, betont Brosa noch einmal das Hauptanliegen des Zentrums, »wollen wir durch (Aus)-Bildung das Wissen und die autoestima (Selbstwertschätzung) der Frauen stärken und durch Eigentum an Land und produktive Projekte ihre ökonomische Unabhängigkeit garantieren. Juana ist dafür ein gutes Beispiel, sie sichert durch ihre Obst- und Gemüseproduktion und die Tierhaltung nicht nur die Ernährung für sich und ihre Kinder, sondern erwirtschaftet darüber hinaus auch ein regelmäßiges Einkommen durch den Verkauf ihrer Produkte. Darüber hinaus hat Juana sich zu einer lideresa comunal entwickelt, einer Gemeindeverantwortlichen von ›Xochilt Acalt‹, die ihr Wissen weitergibt, Frauen organisiert und den Zusammenhalt unter ihnen fördert. Auch damit steht sie für eine Zielstellung des Frauenzentrums.«
Und Mertxe Brosa führt weiter aus, dass Darlin eine von etwa 200 Jugendlichen ist, mit denen das Frauenzentrum seit einiger Zeit verstärkt arbeitet, um ihnen eine Alternative zur Migration in die Hauptstadt oder ins Ausland zu bieten. Dass sie nun sogar das Studium begonnen hat und demnächst an der Seite ihrer Mutter auch Verantwortung bei der Begleitung der Frauen als landwirtschaftliche productoras und Tierhalterinnen in ihrer Gemeinde San Poncho Sur übernehmen wird, zeige, dass diese Arbeit mit den Jugendlichen schon Früchte trage.
Genau dies ist auch der bleibende Eindruck, der von dem Besuch bei »Xochilt Acalt« und den Begegnungen mit den zu Recht stolzen und selbstbewussten Frauen zurückbleibt.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
Preis: 9,95 €
Preis: 11,95 €
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