An die Hand genommen
Foto: Stefan Otto
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Der Freitagnachmittag ist bei Judith Brand* im Terminkalender freigehalten. Dann trifft sie sich mit Valerie*. Selbst ihre eigenen Kinder, die längst erwachsen sind, werden neugierig, erzählt die Mittfünfzigerin: »Die wollen noch immer jedes Mal wissen, wie es war.« Sie finden es ungewohnt, dass ein zweieinhalbjähriges Mädchen Einzug in das Leben ihrer Mutter gefunden hat.
Begonnen hat diese Geschichte vor zwei Monaten, als Judith Brand einen Handzettel in der Heilig-Kreuz-Gemeinde im Stadtteil Kreuzberg gelesen hat. Das Diakonie-Projekt »Vergiss mich nicht« sucht Paten für Kinder, deren Eltern Suchtprobleme haben. »Wenn die Freiwilligen einmal in der Woche einen Nachmittag mit dem Kind verbringen, dann kann ihm damit etwas Anderes als das triste Zuhause geboten werden«, erklärt die Sozialarbeiterin Maja Wegener das Programm, das sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Albert Nägele bei der Diakonie ins Leben gerufen hat. »Die Kinder sollen eine andere Welt kennen lernen.«
Doch die Suche nach vernachlässigten Kindern gestaltet sich für die beiden Sozialarbeiter schwieriger als gedacht. Zwar gibt es in Deutschland laut Statistik etwa 2,5 Millionen Alkoholiker – »doch es ist nicht leicht, an Familien, in denen die Eltern trinken, heranzukommen«, hat Albert Nägele festgestellt. »Nach außen hin sind solche Familien intakt, und es ist nur schwer zu erkennen, dass es Probleme gibt.« Manchmal gebe es versteckte Hinweise. Wenn etwa die Großmutter oder die Tante den überforderten Eltern unter die Arme greifen.
Bei Valerie lag der Fall anders. Ihre Mutter Lena Kaschnitz* war bereits in einer Einrichtung, weil sie zu viel trank, und die Therapeuten wandten sich an Wegener. Die Sozialwissenschaftlerin weiß natürlich von der Angst der Eltern vor dem Jugendamt, das als staatliche Instanz in die Erziehung eingreifen und notfalls das Sorgerecht entziehen kann. Das Projekt »Vergiss mich nicht« möchte die Eltern allerdings unterstützen, bevor alles zu spät ist. Judith Brand bot der 24-jährigen Lena Kaschnitz ihre Hilfe an, weil sie die Schwierigkeiten einer allein Erziehenden kennt. Auch ihre eigenen Kinder wuchsen bei ihr ohne Vater auf.
Eine Patenschaft bei »Vergiss mich nicht« ist für eine längere Zeit gedacht; dem Kind soll schließlich eine neue Bezugsperson gegeben werden. »Jede Patin und jeder Pate übernimmt damit auch eine Verantwortung«, meint Maja Wegener. Die Sozialarbeiter müssen natürlich genau hinschauen, wer dafür geeignet ist. Sie verlangen immer ein polizeiliches Führungszeugnis, und »wenn wir in dem Vorgespräch merken, dass sie eigene gerade erst überstandene Alkoholprobleme mit den Patenkindern verarbeiten wollen, dann können wir sie nicht vermitteln«, erläutert Wegener.
Bei einem ersten Treffen lernten sich Judith Brand und Lena Kaschnitz kennen. »Anfangs war sie ängstlich«, beobachtete Brandt. Die Frauen trafen sich ein weiteres Mal. Es dauerte eine Weile, bis zwischen ihnen ein Vertrauensverhältnis entstand, und sie zusammen mit Valerie auf den Spielplatz gingen. In einem nächsten Schritt waren Judith Brand und das Mädchen für eine dreiviertel Stunde alleine unterwegs. Mittlerweile dauern ihre Unternehmungen schon zwei Stunden. »Auf dem Weg zum Spielplatz gucken wir in die Schaufenster und singen ein paar Lieder«, erzählt die Patentante, die froh über diese Entwicklung ist.
Judith Brand möchte kein Vormund sein und auch keine Aufpasserin. Das lehnt sie ab: »Wird mir etwas aufgepfropft, dann reagiere ich auch aggressiv.« Aber als erfahrene Mutter versucht sie, sanfte Impulse zu geben. Judith Brandt würde sich freuen, wenn sie für Lena Kaschnitz eine Entlastung sein kann, damit die allein Erziehende am Freitagnachmittag Zeit für sich hat. Sie weiß ja selbst, wie wohltuend das sein kann.
* Namen geändert
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