15.01.2010

»Ich werde immer linker«

Regisseur Dieter Wedel hat mit »Gier« den Film zur Krise gedreht.

DIETER WEDEL garantiert mit großen Themen stets große Resonanz. Jetzt verarbeitet der Regisseur die Krise und ihre Schuldigen mit dem Zweiteiler »Gier«, der heute auf Arte TV-Premiere hat (20.15 Uhr) die Wirtschaftskrise. JAN FREITAG sprach mit dem Regisseur über Betrüger und warum sie interessanter sind als die Betrogenen.

ND: In Ihrem Film »Gier« geht es um die Jagd nach Rendite und Reichtum. Jagen Sie selber mit?
Wedel: Nein. Es gibt Menschen, die sich über Geld definieren oder die Größe ihrer Häuser auf Mallorca. Ich definiere mich eher über meinen Beruf, ein Vermögen anhäufen wollte ich nie. Ich bin finanziell unabhängig, lebe aber schon immer recht sparsam.

Sie sind also kein Spekulant?
Nein, ich investiere eher vorsichtig, habe aber trotzdem viel Geld verloren, weil ich auf die Empfehlungen eines Schweizer Vermögensverwalters reingefallen bin.

Was haben Sie daraus gelernt?
Dass es reicht, die Inflation auszugleichen. Und dass ich die Finanzen besser meiner Lebensgefährtin überlasse. Das Problem mit großen Summen ist ja, dass sie nie auf einem Haufen liegen, sondern als viele Nullen auf einem Stück Papier mit Unterschriften und Stempeln daherkommen. Was, wenn diese Unterschriften und Stempel gefälscht sind? Ich war immer skeptisch dem Sozialismus gegenüber, stelle aber in den letzten Jahren an mir fest: Ich werde immer linker. Im Spiel der Finanzwelt betrügen die Betrüger doch nur andere Betrüger.

So wie Jürgen Harksen, das reale Vorbild von Dieter Glanz in »Gier«.
Er hat mich aus dem Knast raus eine Wochen jeden Nachmittag besucht: ein begabter Geschichtenerzähler mit unglaublichem Gespür für das, was man hören will. Manchmal haben mich die Schauspieler bei Dialogen gefragt: Ist das er- oder gefunden?

Die Wirklichkeit ist dennoch realer.
Wirklichkeit ist was anderes als Wahrheit und will gut erzählt sein, um nicht zu langweilen. Sonst ist der Erkenntnisgewinn gleich Null. Die meisten Figuren sind frei erfunden und mein Dieter Glanz ist charismatischer, größer, einsamer als die großmäuligen Anlageberater, denen ich begegnet bin. Ich habe bei allen Parallelen zu religiösen Heilversprechern und Sektengurus entdeckt. Auch Hochstapler sagen: Folge mir, spende, gib mir jetzt, dann kriegst du statt im Jenseits das Heil im Diesseits eines fernen Tages fette Gewinne. Deswegen trägt Tukur als Glanz diesen weißen Anzug um den seine Investoren wie die Jünger herum tanzen.

Ist »Gier« also ein kapitalismuskritischer Film?
Natürlich. Dass es nur noch auf Profit ankommt, zeigt sich doch in allen Bereichen. Die Harksens dürfen in Talkshows auftreten, nicht aber die Betrogenen; Verlierer bringen keine Quote und werden mit Häme überschüttet. Das zeugt von einer Gesellschaft, die den Wert des Menschen an der Brieftasche misst und den eines Buches an der Höhe seiner Auflage. Ich behaupte, Kafka würde heute keinen Verleger finden. Und viele Filme haben keine Chance, weil sie keine Einschaltquote versprechen.

Ist die Ihnen egal?
Das war sie nie. Ich mache Filme, damit viele Leute sie gucken. Vor 40 Jahren, als ich anfing, war es ja noch fast unanständig, Zuschauer zu erreichen. Die Masse war verpönt, was genauso dumm ist, wie nur nach der Quote zu schielen. Ich will unterhalten, frage aber nicht, was das Publikum sehen will. Ich muss erzählen, was ich erzählen muss, was mich amüsiert, ärgert, erschrickt, besorgt macht und manchmal alles gleichzeitig. Und natürlich hat es mich amüsiert, dass ich beim Schreiben von »Gier« selber von ihr angesteckt wurde. Ich wollte damals beim Anlegen in der Schweiz statt drei Prozent lieber fünf Prozent Rendite haben. Es ist schrecklich.

Hier können Sie den Trailer zum Film "Gier" sehen.

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