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Von Mark Wolter 16.01.2010 / Reise

Flugstunde in der Schneeschüssel

Im österreichischen Obertauern heben immer mehr Wintersportler mit ihren Snowkites ab

Mit Kite und genug Wind kann man mit Snowboard oder Skiern mehre
Mit Kite und genug Wind kann man mit Snowboard oder Skiern mehrere Meter vom Boden abheben.

Je mehr Schnee desto besser. Das sieht jeder passionierte Skifahrer so – und auch Tony Ully ist angetan von der weißen Decke auf dem Plateau vor ihm. »Ausreichend. Und der Wind stimmt auch. Packen wir's«, sagt der große, athletische Österreicher und stapft los. Ihm folgend versinkt einer nach dem anderen knietief in den klebrigen Flocken und schleppt sich mühsam zur kleinen Holzhütte am Rande des flachen Geländes. Normalerweise ist der kleine Verschlag zugeschneit und muss erst freigelegt werden. »Also ist das Schwierigste schon geschafft«, meint Ully grinsend. Alle lächeln zurück, keiner glaubt ihm.

Unfreiwillige Luftsprünge

Vor der Handvoll mutigen Winterurlaubern liegt der erste Versuch im Snowkiten, einer Sportart, bei der man windgetrieben von einem Schirm auf Skiern oder Snowboard durch den Schnee gezogen wird. Tony Ully ist ihr Lehrer in Obertauern, der zuvor in einer Theoriestunde das Wichtigste über Sicherheit, Schirm, Lenkbewegungen und Winden von Luv und Lee erklärt hat. Nun stecken sie in einem windelähnlichen Gurtsystem um den Unterleib und warten darauf, dass der Kite, der lenkbare Schirm, von Ully in die Luft gelassen wird: Einer mit der Steuerstange in der Hand, ein Zweiter mit der Halteschlaufe zur Absicherung hinter ihm. Eine Böe erfasst den noch etwas kleineren Übungsdrachen, plötzlich zieht es kräftig an der Hüfte und schon machen die Anfänger ihre ersten Sprünge – unfreiwillig und erstaunt über die mächtige Zugkraft des Kites.

»Nach ein, zwei Stunden Übung können die ersten es schon auf Skiern versuchen«, verspricht Ully. »Dann mit größeren, bis zu zehn Quadratmeter großen Schirmen, je nach Windstärke, Größe und Gewicht des Fahrers.« Der 41-Jährige kennt alle Kniffe. Vor über zehn Jahren hat er die erste Snowkiteschule in den Alpen, hier in Obertauern gegründet – der Schneeschüssel, wie die Einheimischen den Ort im Salzburger Land wegen seiner in den Wintermonaten garantierten weißen Pracht nennen.

Einfacher als im Wasser

Das Skigebiet mit der günstigen Lage in einer Höhe zwischen 1700 und 2500 Metern ist nicht gerade groß, dafür führen die etwa 150 Kilometer Piste fast einmal um den Ort herum. Durch die 26 Lifte hoch zu den Gipfeln von Gamsleitenspitz, Seekarspitz oder Hundskogel können Wintersportler auf der alles miteinander verbindenden Tauernrunde unentwegt umherkurven. Heruntergefahren werden kann entweder auf der roten Tour im Uhrzeigersinn oder auf der grün gekennzeichneten andersherum, beide Runden dauern etwa eine Stunde. Wer sich mehr für Langlauf begeistert, der hat die Wahl zwischen fünf Loipen.

Zunehmend kommen aber auch Gäste nach Obertauern, die nur Snowkiten wollen. »Es steckt noch in den Anfängen, aber immer mehr entdecken die Sportart für sich«, erzählt Ully. Bekannter und verbreiteter ist immer noch der Vorreiter, das Kitesurfen auf dem Wasser. »Dabei ist im Schnee das Kiten wesentlich einfacher zu lernen«, meint Ully. Das »Aufstehen« im Wasser und einen abgestürzten Schirm wieder starten zu lassen, ist schwimmend deutlich mühevoller als auf festem Untergrund. Mittlerweile gibt es mehrere Snowkiteschulen in Österreich. Ullys in Obertauern ist jedoch die einzige, die innerhalb eines Skiortes liegt. »Ein großer Vorteil, wenn mal kein Wind ist«, freut sich der Inhaber. Dann können Urlauber auf andere Aktivitäten umsteigen und sind nicht umsonst angereist.

Die kurzen Wege und die geschickt angelegten Pisten sind Hauptgründe dafür, warum sich das kleine Dorf rund 90 Kilometer südöstlich von Salzburg in den vergangenen Jahren zu einem der beliebtesten Wintersportorte in den Alpen gemausert hat. »Das Auto braucht man während seines Aufenthaltes hier gar nicht«, sagt Mario Siedler. Der Direktor des Tourismusverbandes Obertauern und die Hoteliers wollen den Ort nicht mehr anwachsen lassen, sondern nur noch bereichern – beispielsweise mit Events wie der jährlichen Schatzsuche, bei der 1000 Teilnehmer nach 30 im Schnee versteckten Kisten samt Auto als Hauptgewinn buddeln. In diesem Jahr findet es vom 15. bis 18. April statt.

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Kitelehrer Tony Ully

Über die vergangenen Jahrzehnte haben die Obertauerner in ihrem Ort ein praktisches Netz zwischen Pisten, Gastronomie und Unterkünften gesponnen. Ohne Skier oder Snowboard zu tragen, landen die Gäste mit dem Schwung von den Abfahrten auf ihren Brettern entweder direkt in den Skikellern der Hotels oder vor den Türen der gemütlich urigen Holzhütten.

Statt labbrigem Fast Food von der Selbstbedienungstheke werden in der Krings Alm zünftige hausgemachte Gerichte serviert, und der Hausherr lässt es sich nicht nehmen, sich persönlich vorzustellen. »Ich bin George Harrison«, ruft er in die Runde und klärt ob der verdutzten Blicke gleich auf: »Naja, sein Double.« Einmal nachgefragt und Gerhard Krings, der Besitzer der Almhütte, gibt seine Geschichte zum Besten.

Pilzköpfe auf Brettern

Als die Beatles 1965 ihren Film »Help« drehten, wählten die Produzenten von Paul, John, Ringo und George das bis dahin unbekannte Obertauern für eine gespielte Verfolgungsjagd im Schnee. Nur hatte bis auf John Lennon, der immerhin schon eine Skistunde hatte, keiner der Stars jemals auf Brettern gestanden. Also mussten Doubles her – vier Skilehrer aus dem Ort. Der damals 24-jährige Krings bekam eine Pilzkopfperücke auf und 1000 Schilling am Tag. »Es war eine tolle Chance, mal hinter die Filmkulissen zu schauen«, meint Gerhard Krings alias Bassist George Harrison. Die Beatles lernten das Skifahren, und er und seine Doppelgängerkollegen verdienten viel Geld. Auch Sänger Paul McCartney ist heute noch in Obertauern aktiv: Herbert Lürzer, Besitzer der Lürzer Alm.

Die Spuren der Beatles sind längst verwischt. Dafür hinterlassen heute andere Besucher ihre. Wie die »Schneeforscher«, ein Freundeskreis von rund 30 Sportgrößen, hauptsächlich ehemalige Fußballer, die sich jährlich mindestens einmal am Anfang der Saison in Obertauern zu ein paar gemeinsamen Skitagen treffen und die Pisten frei geben.

»Wir haben uns vor knapp 30 Jahren das erste Mal hier getroffen. Daraus ist eine dauerhafte Freundschaft geworden«, plaudert Erich Ribbeck, früherer Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und des FC Bayern München, am Abend bei einem Bier an der Bar. »Uwe Seeler hat sogar Skifahren gelernt, aber er fährt nicht so gut wie der Franz.« Gemeint ist Franz Beckenbauer, der genauso zur Runde gehört wie Willi Holdorf, Deutschlands erster Zehnkampfolympiasieger. Und wie wär's mit Snowkiten, Herr Ribbeck? Nein, die »Schneeforscher« lassen es lieber etwas ruhiger auf der Piste angehen.

Auf dem Kiteplatz tummeln sich bei günstigem Wetter zahlreiche bunte Schirme am Himmel über der Schneeschüssel. Auf die Pisten des Skigebietes dürfen die Kiter nicht. »Das wäre mit den Liften und Leitungen zu gefährlich«, sagt Tony Ully. Für jemanden wie ihn, der das Spiel mit Kite und Skiern beherrscht, gibt es aber abseits der Pisten andere Möglichkeiten. »Bei richtigem Wind kann man den Berg auch rauf fahren«, erzählt er. »Ganz ohne Lifthilfe. Rauf und wieder runter.« Und man kann mehr als nur kleine Sprünge machen. Snowkiter können fliegen. Zumindest für ein paar Sekunden.

  • Tourismusverband Obertauern, A-5562 Obertauern, Salzburger Land, Österreich, Tel.: +43 (0)6456 7252, E-Mail: info@obertauern.com, www.obertauern.com.
  • Kiteschule Obertauern/ Traunsee, VIP-Schischule oder TAC Obertauern, Anton Ully, A - 5562 Obertauern 185, Österreich, Schule geöffnet von Oktober bis Mai, Tel.: +43 (0)676 340 87 79, E-Mail: info@kiteschule.at, www.kiteschule.at.
  • Restaurant Krings Alm, Familie Krings, 5562 Obertauern 36, warme Küche täglich von 10 bis 17 Uhr, Tel.: +43 (0) 6456 7318, E-Mail: info@kringsalm.at, www.kringsalm.at.

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