So solle seine Dichtung wirken, schrieb Ricardo Eliécer Neftalí Reyes Basoalto alias Pablo Neruda Mitte der Dreißiger: »von Handarbeit abgenützt wie von einer Säure, von Schweiß und Dunst durchzogen«. Als der Nobelpreisträger 1973 starb, gehörte sein Werk schon zum poetischen Kanon des 20. Jahrhunderts. In deutscher Übersetzung wurde dieses Werk zuerst in der DDR gepflegt. Im Westen gab es Mitte der Achtziger eine repräsentative Auswahl bei Luchterhand, drei Bände stark; sie ist längst vergriffen.
Jetzt hat der Verlag die verschwundene Ausgabe in erweiterter Form noch einmal publiziert. Beide Editionen enthalten alle großen Zyklen des Meisters, auch viele Texte aus dem Nachlass. Nun stehen die Sammlungen wieder im Zusammenhang: »Aufenthalt auf Erden«, »Spanien im Herzen« (»Kommt, seht das Blut in den Straßen«), »Der Große Gesang«, »Elementare Oden«, dazu »Zwanzig Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung«, ein Frühwerk (von 1924), das bis heute zu dem meistgelesenen Lyrikbänden überhaupt gehört.
Hinzugekommen sind drei Zyklen, die erst in den Neunzigern entdeckt wurden. Auf Deutsch erschienen sie bislang in Einzelausgaben: das recht schwülstige Pennäleropus »Ballade von den blauen Fenstern«, dazu »Hungrig bin ich, will Deinen Mund« (aus dem Jahr 1959) sowie »Mare moto« (1970), als »Beben des Meeres« 1991 von einem Unbekannten mit dem Pseudonym »Tias« in einem Kleinverlag publiziert. Der Leser findet nützliche Zusätze – eine Chronologie zu Leben und Werk, umfangreiche Anmerkungen sowie ein Verzeichnis der Original-Quellen und der Übersetzer.
Die Publikation hat etliche Besonderheiten, aber manche wird der Leser nicht entdecken. Von Luchterhand erfährt man: Anliegen des Verlages war es – damals wie heute –, die verstreuten Übersetzungen zu bündeln. Eine anerkennenswerte Mission. Die Vielfalt der (deutschen) Stimmen ist nun Vor- und Nachteil zugleich. Viele Übertragungen stammen aus DDR-Büchern: Texte von Erich Arendt, Stephan Hermlin, Fritz Rudolf Fries. Sie wurden für die Neuauflage nicht revidiert. (Arendts Arbeiten, von Neruda autorisiert, gelten als sakrosankt.)
Weiter: Die drei Bände zeigen nicht alle in spanischen Sammlungen enthaltenen Neruda-Poeme. (Aber welche Gedichte fehlen? Und warum?) Die Auswahl ist mithin keine kritische Edition, sondern eine Leseausgabe. Ein Vor- oder Nachwort wäre in Hinsicht auf die Eigenarten hilfreich gewesen; schade, es gibt nicht einmal eine editorische Notiz.
Auch eine Auseinandersetzung mit der ambivalenten Figur des Autors und mit der Wirkung der Politik auf seine Poesie hat der Verlag vermieden. Es gibt den einen Neruda, den Schöpfer anrührender Poeme und schlichter Liebesgedichte. Über diesen Poeten sagte Hans Magnus Enzensberger, er sei »die mächtigste Stimme des lateinamerikanischen Kontinents«. Der Verlag wirbt mit diesem Spruch. Es gab einen anderen Neruda, den gläubigen Kommunisten und Stalinpreisträger, den Klassenkämpfer im Kalten Krieg. (»Westliches Berlin, du bist die Schwäre im greisen Gesicht Europas«). Mit Verweis auf diesen Neruda der Fünfziger notierte Enzensberger, »ein Strom von Parteilyrik, von polemischen Tiraden und platten Hymnen« sei aus seiner Feder geflossen. Ein Landsmann Nerudas, Roberto Bolaño, formulierte es 2002 noch drastischer: »Wer imstande war, Oden an Stalin zu verfassen und die Augen vor dem stalinistischen Horror zu verschließen, hatte meinen Respekt nicht verdient.«
Nach 1953 hat sich der Dichter vom Diktator distanziert, ein Stück weit eben, nicht zu sehr. Nerudas Lobgesänge auf den »fernen Völkerführer« (»Menschen Stalins! Wir tragen mit Stolz diesen Namen«) und die Enttäuschung über dessen Demaskierung (»Ich wußte ja nicht, was wir alles nicht wußten«), all die Spuren innerer Kämpfe findet der Leser jetzt in den drei Bänden. Er muss allerdings suchen. Leider: Auch in Bezug auf die Rezeptionsgeschichte verharrt Luchterhands Neuausgabe auf dem Stand der Achtziger. Und worin liegt der Wert der Edition? Verlagslektor Klaus Siblewski bringt es auf den Punkt: »Der wichtigste Wert besteht darin, daß es die Bücher wieder gibt.«
Pablo Neruda: Die Gedichte. Band 1-3. Übersetzt von Fritz Rudolf Fries, Erich Arendt, Katja Hayek-Arendt, Stephan Hermlin, Fritz Vogelgsang, Monika López. Luchterhand Literaturverlag. 2922 S., brosch., 49,95 €.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
Preis: 75,00 €
Preis: 7,99 €
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