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Das neue Blättchen

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Blättchen. Man sieht es vor lauter Baum nicht. Aber es trägt einen ganzen Zweig – des akuten, kommentierenden Journalismus, da, im Schatten des großen Blätterwaldes. Das Blättchen buhlt nicht ums Licht der Aufmerksamkeit, es weiß um seine kleinen Leuchtmöglichkeiten und lebt sie. Es kann im Dickicht auf Leser warten, die bis in die Tiefe schauen können. Noch wenn es fällt, schwebt es leichter als das vermeintlich gewichtige, farbangebende Laub.

»Das Blättchen« ist gefallen. Ende September des vergangenen Jahres erschien das rote Heft zum letzten Mal. Seit 1998 zwölf Jahrgänge, mehr als dreihundert Ausgaben; tapfer und ausdauerheiter, intelligent und traditionsbewusst in Szene gesetzt von Jörn Schütrumpf, Wolfgang Sabath, Heinz Jakubowski. Die Tradition, auch blattdramaturgisch: ganz »Weltbühne«; viel Tucholsky (in Texten und Geist); man könnte sagen: links ohne Linkslastigkeit; kritisch ohne Dogma; Aufklärung geschah, sie war nicht der Gewissheitsstempel a priori. Die Autoren waren Idealisten, die Texte fielen aus dem Rahmen im Rahmen des Möglichen: Honorarfreiheit definierte sich klassisch – sie war Einsicht in die schöne Notwendigkeit, trotzdem gute Texte zu liefern. Die Kraft reichte nicht. Sie reichte lange.

Sie reicht weiter. Neuer Wurzelschlag. »Das Blättchen« ist wieder da. Seit dieser Woche ist es, unter Chefredakteur Wolfgang Sabath, eine regelmäßige Online-Edition (www.Das-Blaettchen.de). Mit Texten über Franz Mehring und Golo Mann, mit Korrespondenzen aus Moskau (zur Katyn-Frage) und Tel Aviv (Uri Avnery), mit einem Essay von André Brie (»Der Bürger als Aktionär«) und dem klassischen Reisefeuilleton, diesmal von Renate Hoffmann.

Eine kleine Kostbarkeit muss man den Sonderteil nennen: Zum ersten Mal erscheint in deutscher Sprache das Nachlassverzeichnis von Kurt Tucholsky. Eine seltsame Magie geht von diesen Auflistungen aus, mystisch, wie die Dinge, die von einem Menschen bleiben, ihn weiter erzählen. Dass dieses Dokument – einschließlich zweier letzter Briefe des Schriftstellers an seine einstige Ehefrau und eine Schweizer Freundin sowie eines Briefes an eine schwedische Redaktion – im »Blättchen« abgedruckt werden dürfen, hat wohl sehr mit dessen literarischem Ethos zu tun. Der nun wieder seine lockenden Blüten treibt, hoffentlich Blättchen für Blättchen. hds

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