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Von Max Böhnel, New York 19.01.2010 / Ausland

Zweifel an Washingtons Selbstlosigkeit

Haitianische Schriftstellerin Danticat: Wir sind nur eine dramatische Story im Fernsehen

An Hunderten von Orten in den USA versammelten sich am gestrigen Martin-Luther-King-Feiertag Zehntausende von Menschen, um nicht nur des ermordeten Bürgerrechtlers zu gedenken, sondern auch Lebensmittel, Kleidung und Geld für die Erdbebenopfer in Haiti zu spenden.

Trotz der Wirtschaftskrise ist die berühmte Spendenfreudigkeit der amerikanischen Bevölkerung ungebrochen. Am Wochenende hatte Ex-Präsident William Clinton gemeinsam mit seinen beiden Amtsnachfolgern George Bush jun. und Barack Obama zur Hilfe aufgerufen. »In diesen schwierigen Stunden steht Amerika zusammen«, sagte Obama im Weißen Haus. Die USA hätten eine der »größten Hilfsaktionen« ihrer Geschichte für das Erdbebengebiet in Haiti gestartet. Die Hilfeleistungen für den Karibikstaat würden »Monate und Jahre« laufen. »Wir stehen der Bevölkerung von Haiti bei, die eine so unglaubliche Widerstandsfähigkeit gezeigt hat, und wir werden ihr helfen, von vorne zu beginnen und wiederaufzubauen«, sagte Obama. Clinton, der UN-Sonderbeauftragter für Haiti ist, und Bush übernahmen die Leitung der »Clinton-Bush-Stiftung für Haiti«, an die Geld gespendet werden soll. Die Priorität liege derzeit bei der Lieferung von Nahrungsmitteln, Medikamenten und Trinkwasser. Anschließend beginne der Wiederaufbau, hieß es.

Um Aufmerksamkeit ringende Hollywood-Stars ließen sich nicht lumpen. Brad Pitt, Angelina Jolie, Sandra Bullock und Gisele Bündchen spendeten jeweils eine Million Dollar. George Clooney wird diese Woche im Fernsehsender MTV eine Spendensendung moderieren. Die Stiftung des Golfspielers Tiger Woods sagte drei Millionen Dollar zu.

Die USA-Regierung hatte vorige Woche humanitäre Hilfe in Höhe von 100 Millionen Dollar angekündigt, einen Flugzeugträger und eine Kompanie der 82. Luftlandedivision nach Haiti entsandt. Am Montag trafen 2000 weitere Marineinfanteristen vor der Küste ein. Nach Presseberichten kontrollieren USA-Truppen den Flughafen von Port-au-Prince mehr schlecht als recht. Hunderte Tonnen von Hilfsgütern, die von Hilfsorganisationen geschickt wurden, sollen demnach dort feststecken.

Die in Genf ansässige Organisation »Ärzte ohne Grenzen« kritisierte am Sonntag, es gebe »wenig Anzeichen für eine signifikante Verteilung der Hilfe«. Der Sprecher der Organisation Jason Cone bemängelte die falsche Prioritätensetzung der USA. Es gehe den USA bisher mehr um die Sicherung der Flughafens und die Bedürfnisse des Militärs statt um medizinische Hilfe und Ausrüstung.

In den Medien lobten die Funktionäre zahlreicher Hilfsorganisationen die große Spendenbereitschaft, wiesen aber gleichzeitig auf das Kurzzeitgedächtnis hin, das mit humanitären Aktivitäten verbunden ist. Im Augenblick handle es sich um eine »dramatische Story« im Fernsehen, sagte die in Miami lebende haitianische Schriftstellerin Edwidge Danticat, »aber wenn die Kameras verschwinden, blicken die Menschen wieder weg«. Die Journalistin und Haiti-Expertin Amy Wilentz äußerte sich ebenfalls skeptisch. Die Haitianer seien »nur beliebt, wenn sie sterben«. Tatsächlich lauten die gängigen Klischees, die von dem verarmten und zerstörten karibischen Nachbarland gepflegt werden, »boat people«, »Chaos« und »Voodoo«.

Wenigen linken Kritikern blieb es vorgehalten, auf die traditionelle interventionistische USA-Außenpolitik in ihrem »Hinterhof« hinzuweisen. Der in Miami lebende Journalist Yves Colon führte aus, die USA würden »in Krisenzeiten mit dem Fallschirm in Haiti abspringen und dann schnellstmöglich wieder abziehen«. Das Ziel bestehe darin, das »bloße Ausbluten zu verhindern«.

In dem Radioprogramm »Democracy Now« sagte der Gründer und Ex-Leiter der linken Organisation »Transafrica Forum« Randall Robinson, er sei enttäuscht, dass Obama ausgerechnet Clinton und Bush zur Spendenkoordination aufgerufen habe. »Bush war für die Zerstörung der haitianischen Demokratie 2004 verantwortlich«, sagte Robinson. Bush und amerikanische Streitkräfte hätten damals den Präsidenten Jean-Bertrand Aristide nach Afrika entführt, während Clinton dem Land zuvor neoliberale »Reformen« oktroyiert habe. Das Armenhaus der Karibik wurde seitdem mit agrar-industriellen Produkten aus den USA überschwemmt – was die Binnenproduktion von Lebensmitteln massiv einschränkte und den Zusammenbruch der heimischen Landwirtschaft beschleunigte.

Die kanadische Linke Naomi Klein warnte in der vergangenen Woche bei einem Vortrag in New York vor einem erneuten »verordneten wirtschaftlichen Schockprogramm« beim Wiederaufbau Haitis. Es müsse genau darauf geachtet werden, dass die Hilfe an Haiti nicht aus an Konditionen gebundenen Krediten besteht.

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2 Kommentare zu diesem Artikel

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  • Jascha, 21. Jan 2010 08:42

    Edvige Danticat

    ist eine Schriftstellerin, kein Schriftsteller. Manchmal hilft's, nicht bloss einfach aus den US-Medien abzuschreibenn (writer und author werden auf englisch geschlechtsneutral verwendet) sondern tatsaechlich etwas zu recherchieren, wie das Journalisten (und -innen) einst zu tun pflegten....

    • Permalink

  • Onlineredaktion, 21. Jan 2010 11:59

    Re: Edvige Danticat

    Danke für Ihren Hinweis. Der Fehler wurde inzwischen korrigiert. Ihre ND-Onlineredaktion

    • Permalink

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