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Von Bernd Kammer 19.01.2010 / Berlin / Brandenburg

Braucht Berlin die verlängerte A 100?

Verkehrsexperte stellt Notwendigkeit des Weiterbaus in Frage / Anhörung im Abgeordnetenhaus

Der Streit über den 440 Millionen Euro teuren Weiterbau der Stadtautobahn A 100 zum Treptower Park geht weiter, auch unter Experten. Bei einer Anhörung im Stadtentwicklungsausschuss des Abgeordnetenhauses stellte Wulf Hahn vom Marburger Büro RegioConsult die Notwendigkeit der Trasse generell in Frage, während Thomas Richter von der TU Berlin den Bau wegen seiner Entlastungsfunktion befürwortet.

Da der Senat davon ausgeht, dass der Autoverkehr in Berlin zurückgeht, sollte man sich gut überlegen, ob die Autobahn notwendig ist, so Hahn. Ohnehin wäre ihr 16. Bauabschnitt nicht funktionsfähig. Es würden »riesige Verkehrsmengen« auf die Autobahn gezogen, »und an der Elsenstraße muss alles abfließen«, sagte Hahn. Erst mit dem 16. und 17. Abschnitt der Autobahn könnte eine leistungsfähige Verbindung geschaffen werden. Doch dieser Ringschluss durch Friedrichshain und Prenzlauer Berg steht in den Sternen.

Hahn monierte auch die Berechnung des Lkw-Verkehrs auf der A 100. Während der Senat von 1770 Lkw ab 2,8 Tonnen ausgeht, die derzeit am A 100-Endpunkt Grenzallee unterwegs sind, sind es laut Bundesanstalt für Straßenwesen über 4700. Wegen der Unklarheiten gebe es auch keine verlässlichen Daten für die Berechnung der Lärm- und Schadstoffbelastung, so Hahn. Er erwartet, dass durch die Autobahn zusätzlich Fernverkehr in die Innenstadt gelenkt wird und die Entlastungseffekte gering sein werden.

Ähnlich sieht es auch Martin Schlegel vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Die Autobahn erzeuge mehr Verkehr und damit Schadstoffe, lediglich rund 8000 Anwohner würden in weniger als zehn Straßen in Treptow und Neukölln entlastet. Das bedeute, dass für jeden dieser Anwohner 62 500 Euro Investitionskosten notwendig sind, hat Schlegel ausgerechnet. Demgegenüber stünden für jeden Berliner, der in der Nacht einem Geräuschpegel von mehr als 60 Dezibel ausgesetzt ist, nur 135 Euro zur Verfügung. Schlegel forderte Senat und Abgeordnetenhaus auf, den Bund dazu zu bewegen, die Autobahn-Gelder umzuschichten und in die Verbesserung des Lärmschutzes oder den Ausbau der Bahnstrecken nach Osteuropa zu stecken.

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) wie die Berliner Baukammer stehen dagegen voll hinter dem Projekt. Die Autobahn sichere Arbeitsplätze und stärke den Wirtschaftsstandort, wer darauf verzichte, verzichte auf ein zweites Konjunkturprogramm, so IHK-Experte Jochen Brückmann. Die Gelder seien auch nicht einfach »umzuswitchen«.

Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) wollte sich nicht zu den Expertenmeinungen äußern, sie verwies auf das kürzlich abgeschlossene Anhörungsverfahren zu den Autobahnplänen. Der Auswertung wolle sie nicht vorgreifen. Dafür wies sie allerdings den Vorwurf der Verkehrsexpertin der Linkspartei, Jutta Matuschek, zurück, durch die Trasse würde die Stadtstruktur zerstört. Auch Matuschek forderte, die Gelder für andere Projekte einzusetzen, das sei zwar nicht einfach, der Bundeswegeplan schließe das aber nicht aus. Einen Nutzen der Autobahn könne sie jedenfalls nicht erkennen. Schon jetzt bringe die neue A 113 mehr Durchgangsverkehr. Was sie auch aus dem Bekanntenkreis weiß: Freunde fahren von Dresden nach Neubrandenburg jetzt nicht mehr um die Stadt herum.

  • Mit rund 440 Millionen Euro Kosten gilt der 3,2 Kilometer lange Abschnitt als teurste Autobahn der Welt. Der größte Teil der Gelder kommt vom Bund.
  • Im Herbst 2011 soll der Bau starten, 2017 beendet sein.
  • Die rot-rote Koalition hat einen Teil der Planungsgelder gesperrt. Linkspartei und ein Teil der SPD sind gegen den Bau.
  • Die Bezirke Friedrichshain/Kreuzberg und Pankow haben den Senat aufgefordert, die Planungen erneut auszulegen.
  • Der Autobahn müssten 255 Wohnungen und 298 Bäume weichen.

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