Von Ina Beyer
20.01.2010

Von Ungarn bis Bayern

Ortstermin: ND hat sich auf der Grünen Woche in Berlin umgesehen

Am Samstagnachmittag mache ich mich mit der U-Bahn auf zur Grünen Woche. Ich gehe eigentlich ungern auf Großveranstaltungen dieser Art. Ich mag das Gedränge nicht und einen Garten habe ich auch nicht. Aber die Fülle landwirtschaftlicher Produkte, die dort präsentiert wird, reizt mich. Felder sehe ich nur im Sommer und von weitem, wenn ich ins Berliner Umland fahre. Als Städterin verspüre ich manchmal eine unbestimmte Sehnsucht nach dem Landleben.
Das diesjährige Gastland Ungarn präsentiert auf der Gr
Das diesjährige Gastland Ungarn präsentiert auf der Grünen Woche heimische Spezialitäten.

Zuerst einmal suche ich jedoch die Halle 9. Dort ist die internationale Blumenschau aufgebaut. »Goethes bunte Blumenreise« ist die künstliche Parklandschaft betitelt, in deren Mitte eine nachgebaute Statue des Dichters steht.

Auf der Suche nach dem Gastland Ungarn

Die Anlagen drumherum orientieren sich in der Bepflanzung an den Stationen der großen Reisen in Goethes Leben. Ein Abschnitt zu Italien findet sich dort, mit weißen Alpenveilchen, Olivenbäumchen und Kumquat-Sträuchern, an denen orange die Früchte leuchten. Die Flora Thüringens, Berlins, der Schweiz oder Frankreichs lassen sich dort ebenfalls bestaunen. Beeindruckende Blumengestecke aus weißen Lilien und Rosen sind auf Weinfässern aus der Champagne befestigt, kleine Obstbäumchen blühen weiß. In der Luft vermischen sich die Düfte der Blüten, Besucher schlendern gemütlich die mit Kies bestreuten Wege entlang. Tatsächlich kann man sich hier ein bisschen wie in einem Schlossgarten fühlen.

Ich gehe weiter durch die Hallen, vorbei an Blumenzwiebeln, finnischen Saunahäuschen, Haustechnik und vielem mehr und mache mich auf die Suche nach der Ungarn-Halle.

Das südosteuropäische Land ist in diesem Jahr Gastland der Grünen Woche. In der Mitte der überraschend kleinen Halle ist eine Art Biergarten aufgebaut. Drei Musiker mit Kontrabass, Geige und Akkordeon bewegen sich durch die Tischreihen, an denen Besucher landestypische Köstlichkeiten probieren oder einfach nur Bier trinken. Ihren Instrumenten entlocken sie Klänge, bei denen man den Duft von Sommer schon in der Nase zu spüren glaubt.

Rechts vom Biergarten wird der Palinka präsentiert, ein ungarischer Obstler mit einem Alkoholgehalt zwischen 40 und 45 Prozent, je nach Frucht. 52 verschiedene Sorten stellt die Firma Zsindeleyes her, für die Benedetta Kalovits hier die Schnapsgläser der Besucher füllt. Die beliebtesten Sorten seien Pflaume, Pfirsich und Aprikose, zeigt die junge Frau nacheinander auf die in ungarisch beschrifteten bunten Etiketten der kleinen Flaschen. Einige Sorten hätten sie, die wären mit Honig gesüßt. Und auch Bio-Obstler aus verschiedenen Waldbeeren seien im Sortiment.

Sie dagegen trinke am liebsten Quitte, verrät Kalovits. Um sie herum duftet es lecker nach dem Hochprozentigen und das Geschäft geht gut. Die insgesamt drei Beschäftigten an dem Stand haben kaum eine ruhige Minute. Trotzdem sind sie auch am späten Nachmittag noch guter Laune. Kalovits lacht mir hinterher, als ich mich verabschiede und weiter meine Runde durch die Halle drehe.

Über Ungarns Weinanbaugebiete wird da informiert, die derzeit wieder im Kommen sind. Natürlich darf auch die ungarische Salami nicht fehlen, genauso wenig wie die zahlreichen Paprika-Spezialitäten und Käsesorten.

Eine Kurve weiter, ganz hinten in der Halle, hat Antolik Andras seinen Stand aufgebaut. Dort verkauft er Strudel. In Ungarn habe das Backwerk eine 500 Jahre alte Tradition, erzählt er. »Ich habe von meiner Großmutter gelernt, wie man ihn macht.« Der Teig sei beim ungarischen Strudel anders, erklärt er. Ich probiere den Kohlstrudel, eine von insgesamt rund 50 verschiedenen Varianten, nach denen Andras seine Strudel füllt, herzhaft oder süß. Der Teig blättert nicht sehr stark, eher erinnert er an einen sehr dünnen Kuchenteig. Die Fläche um meinen Mund brennt angenehm von der herzhaften Würze der Füllung, der Andras reichlich frischen schwarzen Pfeffer beimengt.

»Canabiss« für zu scharfes Essen

Seit 20 Jahren sei er im Geschäft, sagt der Ungar und lächelt dabei freundlich. Die Familie hilft mit. Bisher haben sie ihren Strudel vor allem auf Festivals in ganz Ungarn verkauft. Immer mehr kommen auch Touren in anderen europäischen Ländern dazu. Nun will Andras zudem ins Tiefkühlgeschäft einsteigen und vorgeschnittene Strudelrollen verkaufen. »Man wird sehen«, sagt er.

Ich muss weiter. Auf meinem Plan steht für heute noch die Biohalle, die Tierhalle habe ich mir schon abgeschminkt. Ich habe gelesen, dass man etwa acht Kilometer zurücklegen müsste, um alle Attraktionen der Grünen Woche zu sehen.

In der Halle 6.2, in der Biobauern, Fair-Trade-Kampagnen, LINKE, Grüne und das Bundeslandwirtschaftsministerium ihre Stände aufgebaut haben, bleibt mein Blick zunächst bei der Auslage des »Kräuterbauern« hängen. Allerlei Pesto- und Senfgläschen stehen dort zum Probieren bereit, und ein Mann mit einem lustigen Hut, an dem Rosen, Reisig und Knoblauchknollen befestigt sind, spricht mich an. »Isst du denn manchmal gern ein Honigbrot?«, fragt er. Als ich nicke, hält er mir ein Holzstäbchen hin, das ich erst in Honig und dann in ein Pesto aus Zitronenbasilikum tauche. Es schmeckt angenehm mild und frisch. »Und isst du auch manchmal gern scharf?« Ja, tue ich. Der Kräuterbauer weist auf ein Glas, dessen Inhalt er »Canabiss« getauft hat. Dieses Pesto ist offensichtlich aus Hanfpflanzen gemacht. »Wenn du mal ein Essen zu scharf gewürzt hast, kannst du einfach einen Löffel davon dazugeben. Dann schmeckst du die Schärfe nicht mehr so stark.«

Der Kräuterbauer, Paul ist sein Name, kommt aus dem Niederbayerischen Bäderdreieck. Zum dritten Mal ist er bei der Grünen Woche. Dabei hält er die Messe eigentlich für »ein hartes Brot«. Die meisten Besucher interessierten sich nicht sonderlich für biologische Produkte, klagt er, doch er lässt sich die Laune nicht verderben.

Mit guter Qualität gegen Fast Food

Paul und seine Frau machen ihre Arbeit »aus Überzeugung«, wie er sagt. 1995 haben sie angefangen, Kräuter anzubauen. Seine Frau hatte die Idee, die würzigen Pflänzchen in Öl einzulegen, um sie haltbar zu machen. Und so ist Schritt für Schritt Neues hinzugekommen. Essig, Öle und Schnäpse haben sie mittlerweile im Angebot, zuletzt haben sie sich mit dem »Senfbauern« zusammengetan, der sie überhaupt erst überredet hat, wieder mit auf die Messe zu kommen und jetzt nebenan den Inhalt der verschiedenen Senfgläschen erklärt, die er aufgebaut hat.

Sie wollen sich auch weiter vergrößern und ihr Haus in ein Mehr-Generationen-Wohnprojekt umwandeln, erzählt Paul. Dazu suchten sie noch Mitstreiter. »Ein Gemüsegärtner wäre gut«, sagt er, »oder ein Imker«. Auch eine Familie, die ihn unterstützen würde, kann er sich gut vorstellen, oder jemanden, der Milchschafe oder -ziegen halten will. Zum Abschied drückt er mir noch einen Flyer in die Hand. Falls ich meinen nächsten Urlaub noch nicht geplant habe, könnte ich ja seinen Hof besuchen. Wer mithilft bei der Arbeit, erhält freie Kost und Logis. Das klingt reizvoll.

Gegenüber präsentiert sich das »BioBackHaus«, eine Bäckerei, die sich dem »Slow Baking« verschrieben hat. Was das wohl ist? Ein neuer Trend vielleicht? Einen Trend würde sie das nicht nennen, meint Patrizia Weinzierl, die im BioBackHaus für Beratung und Verkauf zuständig ist. »Wir sind die einzigen weit und breit, die das bisher machen. Unser Verein entstand 2003 aus der Slow Food Bewegung«, sagt die freundliche Frau mit den kurzen braunen Haaren. Die Slow-Food-Bewegung, erklärt sie, das seien im Grunde Menschen, die auf Qualität setzten, Hersteller und Gastronomen, die sich auf alte handwerkliche Traditionen besännen, »um gegen den Fast Food Trend anzugehen«.

Auf Slow Baking angewendet, bedeute dies etwa, keine Backmischungen oder Konservierungsmittel zu verarbeiten. »Dabei sind das ohnehin schon Standards in der Backbranche«, räumt sie ein. Der feine Unterschied liege beim Slow Baking in der längeren Teigführung. Der Teig wird langsamer verarbeitet, ruht länger, was sich auf seinen Trieb auswirkt, aber vor allem auch auf das Aroma. »Je länger wir den Teig ruhen lassen, umso aromatischere Backwaren erhalten wir«, fasst es Patrizia Weinzierl zusammen, bevor sie sich verabschiedet.

In zehn Minuten schließen die Messehallen ihre Türen und ich habe langsam Hunger. Wenn ich nach Hause komme, werde ich Nudeln kochen, denke ich. Mit dem Pesto vom Kräuterbauern. Ich mache mich auf den Weg zurück zur U-Bahn, raus in die Kälte und denke: So schlecht sind diese Großveranstaltungen doch nicht. Ich habe das Gefühl, ich habe eine Menge gelernt. Und vielleicht fahre ich nächsten Frühling ja nach Bayern. Oder nach Ungarn. Wer weiß.

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