Port-au-Prince (Agenturen/ND). Es wird geschätzt, dass insgesamt 3,5 Millionen Menschen in Haiti auf Hilfe angewiesen sind. In Deutschland spendeten Bürger bereits mehr als 15 Millionen Euro, wie eine Umfrage bei wichtigen Hilfswerken ergab.
Versperrte Straßen, zerstörte Behörden, auf den Straßen campierende Menschen und Engpässe am Flughafen erschweren weiter die Hilfsmaßnahmen. Benoit Leduc, der Leiter des Einsatzteams von »Ärzte ohne Grenzen», sprach von einem dramatischen Wettlauf mit der Zeit. Ärzteteams operierten in provisorischen Einrichtungen rund um die Uhr. Es seien viele Amputationen notwendig, und viele Menschen würden mit gefährlichen Kopfverletzungen gebracht.
US-Soldaten begannen damit, in schwer erreichbaren Gebieten nördlich der Hauptstadt Port-au-Prince Lebensmittel und Trinkwasser von Hubschraubern abzuwerfen. Der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, Rudolf Seiters, sieht die Dominanz US-amerikanischer Rettungskräfte bei der Koordination der Erdbebenhilfe in Haiti als unausweichlich an. Er sehe keine Alternative, Haiti sei offensichtlich hilflos in Sachen Katastrophenmanagement.
Bisher sind nach Medienberichten etwa 1000 US-Soldaten in Haiti, ihre Zahl könnte auf bis zu 10 000 steigen. Die leitenden Personen der UNO-Mission mit rund 9000 Blauhelmen in Haiti waren durch das Erdbeben fast alle getötet worden.
Die Vereinten Nationen wollen 3500 weitere Soldaten und Polizisten in das Erdbebengebiet entsenden. Das habe der Sicherheitsrat einmütig auf Antrag von Generalsekretär Ban Ki Moon beschlossen, sagte Chinas UNO-Botschafter Zhang Yesui als derzeitiger Präsident des mächtigsten UNO-Gremiums am Dienstag nach der Sitzung in New York. »Dieses Kontingent setzt sich aus 1500 Polizisten und 2000 Soldaten zusammen. Sie sollen für Frieden und Sicherheit sorgen und beim Aufbau helfen«, erklärte Zhang.
Die Bundesregierung hat 7,5 Millionen Euro an Soforthilfe bereit gestellt. Vertreter deutscher Hilfswerke und der Bundesregierung verständigten sich am Dienstag darauf, die Anstrengungen bei der Gesundheitsversorgung und dem Aufbau von Notunterkünften in Haiti zu verstärken.
Über Plünderungen und Zusammenstöße gab es widersprüchliche Angaben. Das UNO-Büro zur Koordinierung humanitärer Hilfe bezeichnete die Sicherheitslage in der schwer getroffenen Hauptstadt Port-au-Prince insgesamt als stabil. Rot-Kreuz-Präsident Seiters sagte, verzweifelte Menschen bedrängten die Helfer: »Nicht aggressiv, aber verzweifelt, weil sie hoffen, dass sie schnelle Hilfe bekommen. Und das erschwert die Situation außerordentlich.« Bei dem Erdbeben am 12. Januar kamen nach Schätzung der haitianischen Regierung bis zu 200 000 Menschen ums Leben. Nach Angaben von Haitis Premier Jean Max Bellerive wurden bislang 72 000 Tote beerdigt.
Das UNO-Kinderhilfswerk warnte vor vorschnellen Adoptionen von Kindern, die ihre Eltern verloren haben. Die Vermittlung von haitianischen Waisen an Paare im Ausland sollte nur als letzter Ausweg in Betracht kommen, sagte UNICEF-Sprecherin Veronique Taveau in Genf. Zunächst müsse alles daran gesetzt werden, die Eltern oder Verwandte der Kinder zu finden. Auch die Kindernothilfe beteiligt sich an der Erfassung von geretteten Kindern.
Die Interamerikanische Entwicklungsbank kündigte an, Haiti 480 Millionen Dollar Schulden zu erlassen und zusätzlich 444 Millionen Dollar an Krediten oder Zuschüssen zu gewähren. Die USA haben 100 Millionen Dollar zugesagt, die Europäische Union für Not- und Wiederaufbauhilfe 420 Millionen Euro.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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