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Von Alexandra Exter 21.01.2010 / Kino & Film

Gebrandmarkt

La vida loca von Christian Poveda

Sie schreiben sich ihre Bandenzugehörigkeit in die Gesichter, ihren Mangel an gestaltbarer Zukunft unauslöschlich auf Arme, Schultern, Brust. Wer zur Gang gehört, trägt irgendwo die 18 unter der Haut, der sie Loyalität geschworen haben, eintätowiert als Symbol unverbrüchlicher Treue und Zugehörigkeit, in Wahrheit das numerische Äquivalent einer Zielscheibe – und eine Maßnahme noch dazu, die ihnen auch ohne den Nachweis begangener Straftagen mehrere Jahre Gefängnis einbringen kann.

Die Mara 18 ist eine der kriminellen Jugendbanden mit großer Gewaltbereitschaft und hoher Todesrate in San Salvador. Der anderen, der Mara Salvatrucha oder MS-13, gilt ihre ganze Feindschaft, jedes Tattoo ist ein Abgrenzungsversuch, der die Banden am Ende nicht unterscheidet, sondern eint. Beide sind in den Immigrantenvierteln von Los Angeles entstanden, haben sich durch die Repatriierung straffälliger Jugendlicher aus US-Gefängnissen in ganz Mittelamerika verbreitet, sind heute bis nach Kanada aktiv. Auch den hispano-französischen Fotoreporter und Dokumentarfilm-Regisseur Christian Poveda hat »La vida loca« am Ende das Leben gekostet. 24 Mitglieder der Mara 18 und ein Polizeioffizier sind in Zusammenhang mit seiner Ermordung Anfang September 2009 verhaftet worden.

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Ausgehend von einer Rehabilitierungsmaßnahme in einer improvisierten Bäckerei reiht Poveda Kurzporträts verschiedener mehr oder weniger besserungswilliger Bandenmitglieder aneinander, die einer nach dem anderen dem Bandenkrieg zum Opfer fallen. Was dann passiert, könnte ganz ähnlich auch in den Slums von Manila am anderen Ende der Welt gedreht sein – die Rituale bei der Totenfeier für die »gefallenen« Bandengenossen sind nahezu identisch, von der offenen Aufbahrung über die ostentierten Klagen hysterischer Freundinnen bis zur gemeinsamen Rezitation identitätsstiftender Slogans. Was San Salvador und Manila verbindet, ist die Armut ihrer Slumbevölkerungen, die Macho-Kultur ihrer streng hierarchisch organisierten Jugendbanden und die leichte Verfügbarkeit von Feuerwaffen.

Ist das Bandenkriegsopfer beerdigt, übernehmen die Großmütter die Fürsorge für die verwaisten Kinder, denen später die Vergeltung obliegen wird, und der Bandenkrieg verlängert sich um eine weitere Generation. Die Gang-Zugehörigkeit wird den Kindern in die Wiege gelegt, sie ist Ersatz für eine Familie, die sie ohne die Gang gar nicht erst verloren hätten. Dass im Hintergrund Drogenschiebereien stattfinden, dass jeder Bandenkrieg neben Armut und Testosteronüberschuss auch dem Territorialkrieg krimineller Vereinigungen geschuldet ist, deutet Povedas Film an, ohne je Hintergründe oder Detailfragen zu beleuchten. Nicht Kriminalstatistik ist sein Ziel, nicht Kontextwissen, sondern ein unverstellter Blick in das Leben dieser Jugendlichen, die nur eins ganz sicher wissen, weil ihr Erfahrungshorizont von diesem Wissen begrenzt wird: ein früher Tod ist ihnen so sicher wie das Amen in der Kirche.

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