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Von Hendrik Lasch 23.01.2010 / Menschen & Leben

Theater im toten Winkel

Dank Molière und Jules Verne hat das vorpommersche Lassan seine Mitte zurückbekommen

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Das Dilemma von Lassan haben die Bürger der Kleinstadt im äußersten Nordosten der Republik in eine knappe Redewendung gepackt. Pfarrer Phillip Graffam zitiert sie, während er sein Auto unter ausladenden Alleebäumen auf den gedrungenen Turm von Sankt Johannis zusteuert, der Kirche, in der er seit zwölf Jahren arbeitet. Es gebe, so besagt die Floskel, in Lassan zwei Straßen, die aus dem Ort hinaus führen. In ihn hinein, fügen die Lassaner hinzu, führt keine einzige.

Wer durch eine der beiden Pflasterstraßen zwischen Backsteinkirche und Hafen läuft, ahnt, was gemeint ist. Viele der Häuser, die sich unter dem kalten, von der Peene heraufwehenden Wind zu ducken scheinen, haben neben verzierten Giebeln auch geschnitzte Türen. Sie erinnern daran, dass die Stadt einst weithin für ihre kunstfertigen Tischler bekannt war. Allein 800 Tischlergesellen lebten hier und schreinerten Möbel, die bis nach Paris geliefert wurden. Heute stehen viele der Wohnungen und Geschäfte hinter den verschnörkelten Türen leer. 2500 Menschen wohnten vor 20 Jahren in Lassan, 1100 haben Lassan seither verlassen. »Wer beweglich und gut ausgebildet ist, ging weg«, sagt Graffam. Geblieben sind die Alten und diejenigen, die keine Arbeit mehr finden.

Graffam gehört zu den wenigen, die den umgekehrten Weg gegangen sind. Er wurde 1998 nach Lassan geschickt, um die Pfarrstelle zu besetzen, und war zunächst ein Hirte ohne Schäfchen: Wenn zum Gottesdienst drei Zuhörer kamen, war das ein guter Tag. Die Kirche, hieß es im Ort, kümmert sich um die Begräbnisse – mehr nicht. Um Leben in die Gemeinde zu bringen, besuchte Graffam den Feuerwehrball und sorgte im Ort für Aufsehen, weil er sogar ein Bier trank und tanzte. Und er lud er mit einer Zeitungsannonce zur Gründung einer Laienspielgruppe. Für Graffam war das eine naheliegende Idee: Sein Vater, auch er Pfarrer, inszenierte Theaterstücke in seiner Gemeinde in der Gegend um Braunschweig und holte den Sohn schon als Vierjährigen auf die Bühne. Später schrieb dieser folgerichtig seine Examensarbeit zum Thema. Als er in Lassan ankam, fand er im Kirchturm eine mobile Bühne – was er als Zeichen sehen durfte. Viele Lassaner freilich tippten sich zunächst an die Stirn. So etwas wie Laientheater, fasst der Elektromeister Hartmut Rehländer die verbreitete Reaktion zusammen, »geht hier überhaupt nicht.«

Zehn Jahre später hat der Theaterverein »Sinnflut«, der bald nach der ersten Inszenierung gegründet wurde, indes nicht nur für Leben in der Kirche gesorgt, sondern in der ganzen Stadt. Es ist, sagt der Elektromeister, »wieder etwas da, das Gemeinschaft stiften kann«. Rehländer hat Zeiten erlebt, als Geselligkeit in der Stadt noch regelmäßig organisiert wurde. Nicht nur die landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, in der 300 Menschen arbeiteten, lud zu Festen in das Kulturhaus ein. Dann kam die Wende, über die Rehländer froh war, weil er endlich nicht mehr gedrängt wurde, seinen kleinen Handwerksbetrieb verstaatlichen zu lassen. Die LPG freilich wurde privatisiert; sie hat heute noch 30 Mitarbeiter. Die Werft in Wolgast, in der ebenfalls viele Lassaner gearbeitet hatten, schrumpfte von 4000 auf 400 Beschäftigte. Das Kulturhaus wurde geschlossen und dämmert inzwischen ungenutzt vor sich hin. Heute gibt es in der kleinen Stadt ein paar Ferienwohnungen, aber die großen Touristenströme in Richtung Usedom ziehen an Lassan vorbei. »Es brach nach und nach alles weg«, sagt Rehländer. Die Menschen, die blieben, zogen sich in ihre Häuser zurück, viele resigniert und bitter. Die Stadt, sagt Pastor Graffam, »hatte ihre Mitte verloren«.

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Pfarrer Phillip Graffam kriegt sie alle:

Eine Art neue Mitte scheint ihr der Theaterverein gegeben zu haben. Rund drei Dutzend Menschen arbeiten mit, darunter ein Richter, der Bäcker, Rentnerinnen und Arbeitslose. Auch eine Kinder-Theatergruppe gibt es. Inszeniert wird »alles vom Krimi bis zum Krippenspiel«, sagt Graffam, der nicht nur Vorsitzender des Vereins und Regisseur ist, sondern auch die Bühnenfassungen selbst besorgt. Das bringt finanzielle Vorteile, weil Aufführungsgebühren gespart werden. Außerdem kann Graffam so allen Mitspielern eine Rolle auf den Leib schreiben. Und: Gewissermaßen ist auf diese Weise jede Inszenierung eine »Welturaufführung«, wie der Impresario sagt – auch wenn oft literarische Vorlagen adaptiert werden. Auf die Bühne gebracht wurden bisher neben Texten von Molière und Tschechow, antikisierenden Dramen und flotten Revuen auch Jules Vernes Abenteuerroman »20 000 Meilen unter dem Meer«. Zu den zwei Vorstellungen, für die aus dem nüchternen Altarraum der Backsteinkirche eine Theaterbühne wurde, kamen über 400 Zuschauer. Selbst Greifswalder, heißt es in Lassan stolz, hätten im Publikum gesessen.

Nicht nur an solchen Abenden zeigt sich: Das Theater hat wieder für etwas mehr Leben in Lassan gesorgt – in einer Stadt, von der die Pfarrersfrau einst, wenn sie in den dunklen Januarwochen mit ihrem Hund ausging und keinen ihrer Mitbürger sah, manchmal dachte: »Na, sind heute wieder alle tot?!« Jetzt trifft sich ein Gutteil der Einwohner von Lassan bei den Vereinsabenden, die an jedem 13. des Monats stattfinden, und den oft wochenlangen, harten Proben – auch wenn nicht alle auf der Bühne stehen. Zwei Rentnerinnen und gelernte Schneiderinnen nähen die

meisten der penibel am historischen Vorbild orientierten Kostüme – und sind begeistert von der Aufgabe. Ihre Familien, erzählt Graffam verschmitzt, hätten ohnehin »nichts Selbstgenähtes mehr tragen wollen«.

Mancher, der zunächst nur beim Bau der Bühnenbilder oder mit der Technik helfen wollte, findet sich freilich unversehends selbst auf den Brettern wieder – Hartmut Rehländer etwa, der zuletzt als kleiner Junge in einem Theaterstück auftreten sollte, sich aber so schämte, dass er mehrere Stunden hinter dem Klavier hockte. »Ich musste 50 werden, um doch noch auf der Bühne zu stehen«, sagt er und fügt hinzu: »Der Pastor ist ja schlau.« Graffam hatte den Elektromeister zunächst nur gebeten, Lampenkabel und Steckdosen fachmännisch zu verlegen. Er wird gewusst haben, dass es »einen dann doch packt«, wie Rehländer gesteht. Heute steht dieser regelmäßig im Rampenlicht – freilich in Rollen, »bei denen man nicht so aus sich herausgehen muss«. Schließlich sei er ein Vorpommer, betont er – soll heißen: nicht gerade ein überbordender Charakter. »Wo andere lachen, grinsen wir«, sagt der Handwerker und grinst. Die Menschen in der Gegend seien »wie ein Lanz Bulldog«, sagt der Pfarrer: Wie diese alten Traktoren müssten sie zunächst »vorgeheizt werden«, bevor der Motor angeworfen wird. Wenn der aber einmal auf Touren gekommen sei, »dann läuft er und läuft«.

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Klaus Wokusch, der aus Schwaben nach Lassan gezogen ist

Offenbar brauchte es in Lassan erst einen Zugezogenenen wie den Pfarrer, um den Motor wieder in Gang zu bringen. Das hat unterschiedliche Gründe. »Hier gilt man«, sagt Rehländer mit deftigen Worten, »nicht gern als Klugscheißer« – und übernehme deshalb auch nur ungern Verantwortung. Viele von denen, die sich vielleicht dennoch an die Spitze gestellt und etwas auf die Beine gestellt hätten, sind zudem weggezogen: »Die Beweglichen und Innovativen fehlen.«

Wie viele von denen, die jetzt noch mitziehen, man in der Stadt halten kann, bleibt abzuwarten. Mit dem Theater habe man immerhin »die Jungen von der Straße geholt« und zum Mitmachen gebracht, sagt Klaus Wokusch. Er ist wie Graffam einer, der nach Lassan gezogen ist: Ein Programmierer aus Schwaben, der sich die Stadt an der Peene als Altersruhesitz gewählt hat, weil es hier außer schöner Landschaft sogar noch einen Arzt, einen Supermarkt und eine Filiale der Sparkasse gibt. Ein Kino oder einen Jugendclub freilich hat Lassan nicht mehr. Für Wokusch kein Problem – ihm reicht die »Grundversorgung«. Menschen wie er könnten die Zukunft für den gesamten Landstrich sein, glaubt er: »Das hier wird das Florida der Deutschen.«

Wenn er solche Sätze hört, widerspricht Rehländer vehement. Der Nordosten als Altenheim der Republik, die Stadt, in der schon seine Vorfahren Handwerker waren, als ein Ort, der nur noch schrumpft? »Damit dürfen wir uns nicht zufriedengeben«, sagt er unerwartet energisch und hebt empört die Hände: »Es kann doch nicht sein, dass wir alle nach Braunschweig abwandern!« Der Elektromeister wünscht sich vielmehr Visionen; er spricht über ökologische Landwirtschaft und eine Wirtschaft, in der Wachstum nicht mehr das Maß aller Dinge sein dürfe. Schließlich sagt er beinahe unerhörte Sätze: »Das gesamte gesellschaftliche System wird sich umbauen müssen!«

So, sagt der Pfarrer, ist es meistens: Die Lassaner treffen sich, um

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und Elektromeister Hartmut Rehländer.

Theater zu spielen, und finden sich bei hitzigen Gesprächen über Gott

und die Welt wieder – meist über letzteres: das Leben in der kleinen Welt von Lassan, die in einem toten Winkel der Republik zu liegen scheint. Immerhin: Man redet wieder miteinander, man streitet sich und brütet Ideen aus. Die lange verlorene Gemeinschaft – im Theater scheint sie wieder zu wachsen.

In der Hauptsache freilich, darauf achtet der Vereinschef und Pfarrer, wird Theater gespielt – auf künstlerisch hohem Niveau. Den Satz »Wir sind ja keine Profis« dulde er nicht, sagt Graffam: »Wir wollen das Beste erreichen.« Wenn die Spenden irgendwann einmal nicht mehr nur für Mikrofone und Scheinwerfer reichen, sondern auch für einen Kleinbus samt Anhänger, wird man das auch in anderen kleinen Orten zeigen – bei Gastspielen in anderen vermeintlich toten Winkeln, aus denen alle Straßen bislang nur hinauszuführen scheinen.

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