Nach eigener Auskunft ist Joachim Gauck ein linker liberaler Konservativer. »Das gibt es eigentlich nicht«, meinte Angela Merkel und fügte hinzu: »Dies deutet darauf hin, dass er in keine Schublade passt.«
Die Bundeskanzlerin hielt eine Laudatio auf den Pfarrer a.D. und Herrn der Akten a.D., der am Sonntag seinen 70. Geburtstag begeht. Man feierte ihn im Bertelsmannhaus Unter den Linden 1 in Berlin, da wo einst die Kommandantur residierte. Die geladene Gesellschaft wurde von der Regierungschefin freundlich begrüßt – bei ihrem Gang durch den Gang der Sitzreihen gab es nach links wie nach rechts ein freundliches Kopfnicken: »Guten Abend, guten Abend, guten Abend ... – Oh!« Frau Merkel war in der zweiten Reihe angelangt, in der Frau Steinbach saß. Nach kurzem Erschrecken wünschte sie auch der Vertriebenenfrontfrau einen guten Abend.
Die Kanzlerin beschwor Einigkeit und Recht und Freiheit. Mit der »Friedlichen Revolution« vor 20 Jahren hätten die Deutschen die Eintrittkarte in den Kreis der Völker erworben, die lange Freiheitstraditionen vorweisen können. Dies sei den Ostdeutschen zu danken, aber »daran müssen sich die Westdeutschen noch gewöhnen«. Beifall. Angela Merkel – eine Jeanne d'Arc der Ossis?
»Freiheit erhält sich nicht automatisch selbst am Leben.« Die Politik müsse Bedingungen schaffen, dass jeder Einzelne Verantwortung für sein Leben übernehme, sagte die christdemokratische Politikerin und sprach auch von der notwendigen Zumutung, dass jeder Einzelne sein Leben selbst in die Hand nimmt. Sie griff ein Zitat von Václav Havel auf: Auf das Glück der Befreiung folge alsbald der Schock der neuen Freiheit; der in die Freiheit Entlassene sei für sich selbst zuständig, aber viele »Diktaturgeschädigten« seien zu Eigenverantwortung nicht mehr fähig. Es sei schwer, sich an Freiheit zu gewöhnen. Frau Merkel dazu: »Ich aber sage, so schwer war es nun auch nicht.« Dafür erntete sie befreites Lachen.
Natürlich sei eine Demokratie nicht fehlerlos, fuhr die Kanzlerin fort, »wie könnte es anders sein, ist sie doch von Menschen gemacht«. Es sei wichtig, Verklärungen entgegenzutreten. »Die DDR war vom ersten Tag an auf Unrecht gegründet«, wiederholte sie zum x-ten Mal. »Freiheit und Recht müssen immer wieder verteidigt, Einheit muss gelebt werden.« Die Kanzlerin vergaß in ihrer Rede auch nicht, erneut darauf hinzuweisen, dass nun »unser Volk Verantwortung in der Welt tragen darf und – für einige – tragen muss. Wir sind dazu aufgerufen, den Kernsatz des Grundgesetzes, ›Die Würde des Menschen ist unantastbar‹, in die Welt zu tragen.« Das gelte für jeden Handlungsreisenden wie Touristen. Und auch für die Soldaten? Über diese sprach sie an diesem Abend nicht. Sie räumte aber ein, dass die hehre Mission der Handlungsreisenden und Touristen »nicht so leicht realisierbar ist«. Vor allem nicht in den Ländern, wo die Erinnerung nicht verblasste an Zeiten, als es hieß: »Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.«
Kernstück des Abends war eine Podiumsdiskussion über »Die friedliche Revolution 1989/90 in Deutschland und Mittel- und Osteuropa«, moderiert von Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. Sind die Umbrüche vor 20 Jahren Revolution zu nennen oder nicht? Gauck wollte sich zu dieser Frage nicht so recht äußern. Sein Berufskollege Richard Schröder bejahte aber. Eine Revolution müsse nicht durch Gewalt gekennzeichnet sein. »Am 7. November 1917 ist in Petersburg kein Blut geflossen«, wusste der in der DDR geschulte Theologe. Dass es so schnell zur deutschen Einheit kam, sei auch kein Grund, den Revolutionscharakter der Geschehnisse 1989/90 zu negieren. »Ich halte die Leute für Schurken, die nicht von Revolution sprechen.«
Starker Tobak. Zumal im Podium ein ehrenwerter Gast saß, der dies etwas anders sieht. György Dalos (»Der Vorhang geht auf«, C.H. Beck 2009). Der Ungar wandte rücksichtsvoll, aber bestimmt ein: Natürlich könne man von revolutionären Zuständen im Oktober/November '89 sprechen, vor allem die Demonstrationen in Leipzig hätten klassische Züge einer Revolution aufgewiesen. Ähnlich der folgende »permanente Protest« von Tbilissi bis Belgrad. Der ungarische Schriftseller und Historiker erinnerte an die Vorstellung von einem »Dritten Weg«, dem die demokratische Opposition in der DDR anhing und die sich nicht erfüllte. Die Opposition konnte nicht wissen, ob die Sowjetunion eingreifen würde. Man wusste nicht, dass Gorbatschow bereits 1986 auf einer Politbürositzung der KPdSU sinngemäß gesagt hat: »Wir werden uns nicht mehr in die Angelegenheiten der anderen sozialistischen Staaten einmischen, damit wir uns nicht auch noch deren Probleme auf den Hals laden.« Deshalb hatte der sowjetische Staats- und Parteichef seinerzeit nur ein müdes Lächeln für den letzten SED-Generalsekretär Krenz übrig, als dieser mahnte: »Die DDR ist ein Kind der Sowjetunion, und anständige Väter müssen ihre Kinder anerkennen.«
Was nun aber war der Anfang vom Ende? Fragte Moderator Krüger. Die Massenflucht, meinte Schröder und zitierte ostdeutschen Volksmund: Wofür steht die Abkürzung DDR? – Der dumme Rest. »Man sah, es sind nicht die Lahmsten, die weggingen«, so Schröder. Dalos erinnerte an ähnliche Erfahrungen in Ungarn. 200 000 Menschen haben nach der Niederschlagung des Aufstandes 1956 das Land verlassen. Und doch habe es Unterschiede zwischen dem Leben in der »lustigsten Baracke« im sozialistischen Lager und in der DDR gegeben. »In Ungarn durften alle reisen, bis auf die, die nicht reisen durften. In der DDR durfte niemand reisen, bis auf die, die reisen durften.« Und: Während man in Ungarn darauf achtete, nicht zu sehr auf die westlichen Kreditgeber zu schimpfen, die Propaganda gemäßigter war, jonglierte sich die DDR in eine prekär widersprüchliche Lage: »in der Tasche des Klassenfeindes zu sitzen und Propaganda gegen ihn zu machen«.
Kirche im Sozialismus? Wie sei das zu verstehen? 1978, im Jahr, als ein Pole Papst wurde, trafen sich Bischof Albrecht Schönherr und Erich Honecker. Und in jenem Jahr hat Manfred Stolpe seinen Verdienstorden erhalten. Kumpanei? Für Schröder war die Kirche in der DDR stets eine Gegenmacht zur SED. Und Gauck definierte die Formel von der Kirche im Sozialismus eher topografisch. Er gestand indes auch, »unter dem Einfluss westlicher moderner Theologen« kurzzeitig selbst infiziert worden zu sein, vom Marxisten Ernst Bloch. »Das Prinzip Hoffnung ist ja auch schön«, aber Sozialismus ist Ohnmacht. Das habe er in den späten 80er Jahren unter dem Einfluss von Havel erkannt. Der Vorsitzende des Vereins »Gegen Vergessen – Für Demokratie« polemisierte sodann gegen »linke Romantiker«, die meinen, Sozialismus sei der biblischen Botschaft näher als der Kapitalismus.
Was ist gegen Vergessen und Verklären zu tun? Wissen die Jugendlichen heute zu wenig über die »zweite deutsche Diktatur«? Gauck hat gar keine so hohen Ansprüche, wie man vermuten könnte. Er wäre schon sehr zufrieden, wenn die Schüler endlich wüssten, dass Kohl nie Staatsratsvorsitzender und Honecker nie Kanzler war. Gauck ist überzeugt: »Nostalgie wächst sich aus.« Es sei »nicht schlimm«, wenn Ostdeutsche Heinz Florian Oertel schätzen und die Beine von Katarina Witt bewundern. »Man muss sich nicht zu sehr fürchten vor Nostalgie.« Gefährlich werde es, wenn sie missbraucht werde. Und es gebe eine politische Kraft, die das versucht. Wen mag Gauck da im Blick haben?
Egal. Er ist nach eigenem Bekunden stolz, weitgehend ohne Leid und Scham durch sein Leben gegangen sein zu dürfen. Auch andere sollten sich nicht ewig grämen und schämen, munterte der Hirte im Ruhestand auf. Es hatte nun einmal nicht jeder das Glück, Klassensprecherin zu werden, manche wurden eben nur FDJ-Sekretärin. An wen dachte er diesmal? Rätselhaft ging es weiter. Er freue sich, dass Deutschland eine »Regierungsschefin« habe. Ein Freudscher Versprecher oder akkustischer Irrtum? Aus dem Munde eines Ex-Gemeindepfarrers, der sich um alle seine Schäfchen zu sorgen hatte, wäre solche Titulierung nicht überraschend. Ist sie aber gar politisch zu interpretieren? Kommentare zu aktueller Regierungspolitik wurden an diesem Abend nicht abgegeben. Nur Milan Joseph Emanuel Gauck (für die korrekte Schreibweise des Vornamens kann nicht gebürgt werden) gab quäckende Statements ab, als die Kanzlerin sprach. Der stolze Großvater entschuldigte den Enkel, zugleich eine weitere Freude kundtuend: Das erste Kind seiner jüngsten Tochter werde nicht »schwarze Pädagogik in rot« erleiden müssen wie die Kinder in der DDR.
»Schwarze Pädagogik in rot« ist ein Kapitel in Gaucks Biografie überschrieben, die im Herbst vergangenen Jahres unter dem kryptischen Titel »Winter im Sommer – Frühling im Herbst« (Siedler, 344 S., geb., 22,95 €) erschienen ist. An der Abfassung des Vier-Jahreszeiten-Buches hat die Publizistin Helga Hirsch mitgewürgt.
Das Buch gab es gratis für die Gäste, nebst einem oder auch zwei oder drei Gläschen Wein respektive, je nach Geschmack, Bier. Die Kanzlerin sah man nicht mehr beim abschließenden Stehempfang, aber ihren Gatten, dicht umringt und in Gespräche vertieft. Worüber sprach man? Herr Sauer war auf die Journaille sauer. Es hat einer irgendwo, irgendwann geschrieben, er sei zwei Mal am Buffet gesichtet worden. »Dabei war ich nicht ein Mal am Büfett.« Worauf der Gesprächspartner von Herrn Sauer meinte, für diese Zeitungsente sollte man vom Journalisten Entschädigung fordern. Wie? Nachschlag gefällig?
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
Preis: 3,00 €
Preis: 11,95 €
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