Berlins ärmstes Quartier? Bewohner der Hellen Mitte weisen dieses Stigma vehement zurück.
Foto: ND/Camay Sungu
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Als Verlierer fühlt sich kaum ein Bewohner der Hellen Mitte. »Ich lebe gern hier«, sagt Laura H. »Die U-Bahn ist vor der Tür und fährt zuverlässig. Die Wohnungen sind modern.« Die 17-jährige Schulabbrecherin ist schwanger und geht gerade mit ihren Eltern gemeinsam einkaufen. Dass ihr Wohnquartier im aktuellen Monitoring Soziale Stadtentwicklung auf dem 434. und damit letzten Platz aller gemessenen Berliner Wohnquartiere liegt, kann sie nicht nachvollziehen. »Ach wer weiß, was die Bürokraten da wieder für eine Studie gemacht haben.«
Wie ein Armutsquartier sieht das Mitte der 90er Jahre als Stadtteilzentrum für Hellersdorf auf ehemaligem Ackerland entworfene Quartier auch nicht aus. Die Wohnungen sind alle saniert. In der Hellen Mitte haben das Bezirksamt, ein über Hellersdorf hinaus bekanntes Gesundheitsfachzentrum sowie die Alice-Salomon-Hochschule ihren Sitz. Graffiti gibt es nirgendwo. Im Einkaufszentrum herrscht allerdings zwischen schönen Restaurants und Ladenketten viel Leerstand. H &M und Food Locker sind längst ausgezogen. Weitere Auszüge sind zu befürchten, denn die Kaufkraft der Bevölkerung fehlt. Die benachbarten Quartiere Kastanienallee und Hellersdorfer Promenade landeten in der Studie ebenfalls auf unteren Plätzen. Es scheint, dass sich die Armutsbezirke der Stadt verschieben: Weg von der westlichen Innenstadt hin in die östlichen Außenbezirke.
Für Klaus-Jürgen Dahler, Fraktionschef der LINKEN in der BVV ist die Zufriedenheit der Bewohner kein Widerspruch zu den kritischen Sozialwerten. »Die Wohnungen sind in Ordnung«, sagt er. »Laut einer von unserer Fraktion in Auftrag gegebenen Studie sind im Sozialraum rund um die Helle Mitte in den letzten zwei Jahren 27 Prozent der Bewohner neu hinzugezogen.« Die Wohnungen sind Sozialwohnungen, somit die Neumieter meist Familien, die wegen Hartz-IV-Bezug ihre teuren Wohnungen in anderen Stadtteilen räumen mussten.
Die Arbeitslosenrate beträgt in der Hellen Mitte 20 Prozent, die Schuldnerquote 25 Prozent. Gut jeder dritte Bewohner lebt von Hartz IV – viele trotz Arbeit. Hier und in den angrenzenden Quartieren leben besonders viele minderjährige Mütter. Insgesamt haben im Bezirk acht Prozent der Neugeborenen eine Mutter, die noch keine 20 ist. Diese jungen Frauen stammen häufig aus Hartz-IV-Familien, haben häufig keinen Schulabschluss und sind allein erziehend. Der Bezirk hat viele Programme aufgelegt, um die soziale Kompetenz der jungen Mütter zu stärken.
49 Prozent der Bewohner der Hellen Mitte und sogar 63 Prozent der Kinder und Jugendlichen dort haben einen Migrationshintergrund. Sie sind überwiegend russlanddeutsche Spätaussiedler. Eine von ihnen ist Irina Riehl. Die junge Hochschulabsolventin gehört zur zweiten Generation der Zuwanderer aus Russland und arbeitet im Quartiersmanagement.
»Problematisch ist die Situation der mittleren Generation«, sagt sie. Viele der Zuwanderer hätten in den GUS-Staaten einen Hochschulabschluss erworben, der hier nicht anerkannt ist. Lehrerinnen und Ärzte arbeiten als Zimmermädchen, Altenpflegerinnen, auf dem Bau oder sie tragen Zeitungen aus, falls sie überhaupt Arbeit haben. »Das war ihnen vor ihrer Aussiedlung nach Deutschland nicht bewusst«, sagt die junge Frau. »Und das sorgt für Frust. Sie fühlen sich als Bürger zweiter Klasse.« Lösen kann das Quartiersmanagement dieses Kernproblem allerdings nicht. Für die Anerkennung von Bildungsabschlüssen sind Bund und Land zuständig. Die Kinder der Spätaussiedler hätten hingegen oft sogar bessere Schulabschlüsse als ihre alteingesessenen Nachbarskinder, erzählt Irina Riehl.
Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle (LINKE) warnt davor, Hellersdorf zu stigmatisieren. »Wir haben hier gute Schulen, sanierte Wohnungen und eine gute Infrastruktur. Das Quartiersmanagement arbeitet daran, neue Angebote für die Bewohner hineinzunehmen.«
21:00 Uhr, Berlin
Preis: 25,00 €
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