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Von Uwe Kalbe 27.01.2010 / Inland

Die Kunst, es allen recht zu machen

Vorschlag zur Führung der LINKEN sucht den absoluten Kompromiss

Schneller als gedacht hat die Führung der Linkspartei das Personaltableau fertig, das sie dem Parteitag in Rostock für den neuen Geschäftsführenden Vorstand empfehlen will.

Bis Dienstagnacht vier Uhr tagten die Gremien – erst die Landesvorsitzenden Ost und West getrennt, dann zusammen, dann der Vorstand, dann der Vorstand mit den Landesvorsitzenden. Das Ergebnis ist unerwartet rasch zustande gekommen, aber – nicht unerwartet – kompliziert ausgefallen. Zu den erwählten Vorsitzenden Gesine Lötzsch und Klaus Ernst, die außer den Quotenwünschen Frau/Mann sowie Ost/West auch dem inhaltlichen Spektrum der Partei gerecht werden sollen, ist ein Kompromiss gekommen, der auf der Ebene unterhalb der Bundeschefs die übrigen Ansprüche von Gliederungen der Partei abzubilden versucht.

Zwei Bundesgeschäftsführer sollen künftig gewählt werden können, darunter ebenfalls mindestens eine Frau – vorgeschlagen sind Caren Lay und Werner Dreibus. Vier Stellvertreter verkörpern vor allem unterschiedliche strategische Orientierungen in der Partei – wie bisher soll Halina Wawzyniak, engagiert in der »Realo«-AG »Forum Demokratischer Sozialismus«, Stellvertreterin sein. Katja Kipping vertritt vor allem emanzipatorische Zielsetzungen der außerparlamentarischen Bewegung, wie sie in der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen deutlich werden. Aufgenommen in den Personalvorschlag ist Sahra Wagenknecht, Führungsfigur der Kommunistischen Plattform. Vierter im Stellvertreterbunde ist der saarländische Vizefraktionsvorsitzende Heinz Bierbaum, dessen zu erwartende Mission als Mittelsmann zwischen seinem Fraktionschef Oskar Lafontaine und der Berliner Führung ihm schnell den Ruf eines »Götterboten« eintragen könnte.

Ost-West-Unterschied real

Zur engeren Parteiführung zählt dem Vorschlag zufolge außerdem Ulrich Maurer, der gemeinsam mit Halina Wawzyniak für den weiteren Parteibildungsprozess verantwortlich sein soll. Neuer Schatzmeister soll nach dem Weggang von Karl Holluba, der aus Altersgründen ausscheidet, Raju Sharma werden, Bundestagsabgeordneter aus Schleswig-Holstein.

Von allen Seiten wird beschrieben, wie schwierig die nächtlichen Verhandlungen gewesen seien, das Ergebnis ist von vielen offenbar nur zähneknirschend mitgetragen worden. Wulf Gallert, Fraktionschef in Sachsen-Anhalt, und Steffen Bockhahn, Landesvorsitzender in Mecklenburg-Vorpommern, äußerten am gleichen Tag Skepsis über die vereinbarte Doppelspitze als Instrument. Der niedersächsische Landesvorsitzende Diether Dehm machte aus seiner Empörung über das offenbar als despektierlich empfundene Auftreten von Ost-Landesvorsitzenden in den Verhandlungen keinen Hehl. Gysi selbst räumte ein, dass erst sein persönlicher Einsatz die Bedenkenträger verstummen ließ, die den gern polarisierenden Klaus Ernst als Vorsitzenden für eine ungeeignete Besetzung hielten – aus den östlichen wie aus westlichen Landesverbänden, wie Gysi hervorhob. In der jetzigen Situation sei es notwendig, für die verschiedenen Landesverbände und Gruppierungen »gleichberechtigte, aber unterschiedliche Ansprechpartner zu haben«, begründete Gysi die vorgeschlagenen Regelungen, die jeweils noch die Zustimmung des Parteitages zu einer Satzungsänderung voraussetzen.

Zusätzliche Möglichkeiten der Kommunikation »bewirken nicht automatisch die gegenseitige Perspektivenübernahme«, meint Wulf Gallert gegenüber ND. So lange die Partei in Ost und West so unterschiedliche Wahlergebnisse erziele, gebe es auch ganz objektiv unterschiedliche Rollen der Landesverbände – dies sei nicht durch komplizierte Strukturen des Vorstands zu überwinden. Der Fraktionschef im Schweriner Landtag, Helmut Holter, reagiert ebenfalls verhalten. Es werde sich zeigen, ob der Vorstand die Parteivereinigung voranbringe, »nur das zählt«.

Der Stimme enthielt sich bei der nächtlichen Abstimmung der Landesvorsitzende der hessischen LINKEN, Ulrich Wilken. Ihm wäre es lieber gewesen, sich auf eine Vorstandsstruktur zu einigen und sie der Basis zur Diskussion vorzulegen. Entscheidend sei nun, gemeinsam zu agieren. »Typisch an Kompromissen ist, dass sie allen weh tun.«

Auffällig ist, dass es ein deutliches Übergewicht von Politikern aus dem Westen in dem vorgeschlagenen Geschäftsführenden Vorstand gibt – außer der (Ost)Berlinerin Gesine Lötzsch sind Halina Wawzyniak, Katja Kipping Ostdeutsche, die Ostdeutsche Sahra Wagenknecht ist auf dem Ticket des nordrhein-westfälischen Landesverbandes in den Bundestag gewählt worden, Caren Lay aus Dresden stammt aus Rheinland-Pfalz. Das muss nicht zum Problem werden, wie Helmut Holter meint. Er ist zufrieden, wenn sich die »Spezifik des Ostens in der Vorstandsarbeit zeigt«, auf dieser Erwartung allerdings beharrt er.

Pause von der Strömung

In einem weiteren Beschluss legten die Führungsgremien fest, dass Mitglieder des künftigen Vorstandes sich allen strömungspolitischen Engagements zu enthalten haben. Dies sei keine »Lex Wagenknecht«, betonte Gysi, sondern treffe ebenso auf alle übrigen Mitglieder zu. Auch diese Regelung findet offenbar nicht nur Beifall in der Partei. Der Berliner Fraktionsvorsitzende Udo Wolf sieht für die LINKE vielmehr die Gefahr, im »wechselseitigen Blockadeprozess der Strömungen zu verharren«. Gegenüber dpa machte er hierfür die Eile der personellen Vorentscheidung verantwortlich. Lieber wäre ihm die umgekehrte Reihenfolge gewesen: eine Formulierung der politisch-strategischen Ausrichtung der Partei und danach die Personalentscheidung.

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4 Kommentare zu diesem Artikel

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  • Stubi, 27. Jan 2010 09:57

    Endlich neuer Weg?

    Ich erlaube mir, als fast 82 Jahre alter Parteiloser mit m. E. kommunistischen Grundauffassungen folgendes festzustellen:
    1. Die ersten Aussagen von Gesine Lötzsch lassen auf realistische Politik hoffen.
    2. Zu begrüßen ist auch die Absicht, sarah Wagenknecht als Stellvertretende Vorsitzende wählen zu lassen
    3. Es ist zu wünschen, wenn DIE LINKE endlich zu einem Programm findet, in dem die theoretischen Auffassungen der Väter der deutschen Arbeiterbewegung, Karl Marx und Friedrich Engels, wieder mehr Beachtung finden. Nicht stehen bleiben beim Kampf um die Lösung der ach so wichtigen Tagesfragen. An die Zukunft denken, besonders seitdem deutlich wurde, dass der Kapitalismus historisch am Ende ist. Deshalb erwarte ich von der zu erwartenden Programmdiskussion und der Verabschiedung eines echten marxistischen und in die Zukunft weisenden Programms eine strategische Grundposition der Linken.
    4. Auf der Grundlage eines solchen Programms lassen sich die gegenwärtig noch vorhandenen unterschiedlichen Auffassungen der West- und Ostlinken überwinden. Mein Wunsch: Organisatorische Einheit UND ideologisch einheitliche Auffassungen in strategischen Fragen sollen die dringend notwendige einheitliche Führung des Kampfes um die Verwirklichung der zukünftigen programmatischen Grundlagen gewährleisten.
    Günter Stubenrauch

    • Permalink

  • WinfriedSobottka, 27. Jan 2010 10:37

    Ideologiefreie Politik?

    Zwischen einer Sarah Wagenknecht und einer Halina Wawzyniak liegen so fundamentale inhaltliche Differenzen, dass mindestens eine von beiden einer Hirnwäsche unterzogen werden müsste, um sie auf einen Nenner zu bringen.

    Das weiß Gysi ganz genau, und darum gibt es nun eine Lex-non-modo-Wagenknecht (Lex nicht nur Wagenknecht), die grundlegende inhaltliche Äußerungen der Führungsmitglieder verbietet.

    Verordnet wurde die neue ideologiefreie Führungsstruktur von oben, die Basis darf klatschen oder den Mund halten. Wenigstens äußern Udo Wolf und Ulrich Wilken noch treffende Kritik an den Vorgehensweisen, doch das Ergebnis wird natürlich auch von ihnen geschluckt.

    Die einzige gemeinsame Perspektive ist es, möglichst viele Stimmen bei Wahlen zu ergattern, dabei niemanden wissen zu lassen, was man daraus ggf. machen wird.

    Das kennen die Menschen von allen anderen Parteien, das haben die Menschen satt. Wahre Veränderung setzt klare, plausible und vor allem fundamentale Inhalte voraus, doch genau die werden nicht geboten.

    Es wird immer klarer, warum der auf Inhalte orientierte Bodo Ramelow sich aus der Bundesparteipolitik zurück gezogen hat, seiner Magenschleimhaut kann es wie seinem Engagement in Thüringen nur gut tun. Bemerkenswert übrigens, dass Der Tagesspiegel gestern einen Kommentar von mir schaltete (nach Prüfung), der das Ziel des Bodo Ramelow, vernünftig und gerecht eingestellten Frauen das letzte Wort in der Politik zu überlassen, als höchst revolutionär erklärte und den Bodo Ramelow aufgrund dieser Absicht zum Messias erklärte. Die Süddeutsche Zeitung löschte den selben Kommentar, nachdem ich ihn veröffentlicht hatte, nach einem Protestkommentar von mir, in dem ich darauf hingewiesen hatte, dass der Tagesspiegel ihn veröffentlicht hatte, setzte ich den Kommentar nochmals, er wurde nicht wieder gelöscht.

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  • WinfriedSobottka, 27. Jan 2010 10:38

    Ergänzung

    Die FAX brauchte lange, um eine gekürzte Fassung zu veröffentlichen (weniger Zeichen erlaubt), tat das aber auch.

    Vernunft ist eben nicht das Monopol einer Partei, man findet sie überall, nur nicht in den Spitzen der Bundesparteien.

    Winfried Sobottka, United Anarchists

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  • WinfriedSobottka, 27. Jan 2010 10:39

    Pardon:

    Die FAZ brauchte lange...

    • Permalink

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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