Der 1. Februar ist der erste Spiegeltag in diesem Jahrzehnt. Spiegeltage sind palindromische Daten, die von links nach rechts oder von rechts nach links gelesen dieselben sind. In diesem Jahrhundert ist es immer der Februar, der sie uns beschert.
Den Februar des Jahres 2010 eröffnet das palindromische Datum 01.02.2010; im Februar 2011 wird es das Datum 11.02.2011 geben und im Februar 2012 das Datum 21.02.2012. Dann ist erst einmal Schluss bis 2020. Erst im dritten Jahrzehnt gibt es wieder 2020, 2021 und 2022 mit den palindromischen Daten 02.02.2020, 12.02.2021 und 22.02.2022.
Drei achtstellige palindromische Daten in diesem Jahrzehnt und 29 im ganzen Jahrhundert! Und alle im Februar! Wäre das nicht ein Grund, den Monat und die Tage als besondere zu begehen? Mit Palindromen. Liebespaare z. B. könnten an einem solchen Tag bevorzugt die EHE schließen. Philosophen unter Tierzüchtern könnten eine LEGEHENNE HEGEL nennen. Der Bundespräsident könnte für alle Kinder, die an einem solchen Tag geboren werden und palindromische Namen tragen, wie ANNA oder OTTO, die Patenschaft übernehmen und ihnen zum Geburtstag ein REITTIER schenken.
Politiker der Koalition und der Opposition könnten auf vollmundige, jedoch leere Reden verzichten, sich der parlamentarischen Symmetrie versichern und eine AGILE
LIGA gründen, die sich anstelle militärischer Allianzen wie der englischsprachigen NATO bzw. der französischsprachigen OTAN in Afghanistan für politische Stabilisierung, wirtschaftlichen Aufschwung und kulturelle Blüte einsetzt. Nationalhymnen würden vielleicht weniger nationalistisch, dafür freundlicher klingen, wenn sie vorwärts wie rückwärts gespielt werden könnten. Kindergärtnerinnen könnten mit den ihnen anvertrauten Sprösslingen palindromische Tänze – einen Schritt vorwärts, zwei zurück, zwei Schritt vorwärts, einen zurück usw. – einüben. Jeder könnte einen solchen Tag auf die ihm eigene Weise zu einem besonderen machen. Mögen diese Anregungen auch nicht in jedem Falle ernst gemeint sein, so lassen sie doch erkennen, dass palindromische Strukturen – ob als Zahlen, Worte, Sätze oder Noten – etwas Besonderes sind, selbst wenn sie mitunter auch als skurrile und gekünstelte Gebilde einherkommen.
Die Natur indes treibt mit Palindromen nicht nur Spielchen. Sie bedient sich palindromischer Strukturen, um Leben zu ermöglichen. Die DNS, die Desoxyribonukleinsäure, die das Vererbungsgeschehen regelt, ist in ihren genetisch aktiven Abschnitten palindromisch strukturiert. Die vier Nukleotide Adenin (A), Thymin (T), Guanin (G) und Cytosin (C), aus denen sich der genetische Code aufbaut, sind in den genetisch aktiven Abschnitten spiegelsymmetrisch angeordnet, z. B. A T T G C C G T T A – T A A C G G C A A T, wobei A immer nur mit T korrespondiert und G mit C.
Der Spiegeltag des Februar 2010 möge uns daran erinnern, dass wir nur durch palindromische Strukturen existieren, und er möge uns Anlass sein, der Palindrome überall, wo sie zu finden sind, dankbar und freundlich zu begegnen.
Von unserem Autor erschienen auf dem Buchmarkt »Ein Esel lese nie. Mathematik der Palindrome« (Rowohlt 2003) und »Palindrome, Perioden und Chaoten« (dtv, 1997).
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
Preis: 120,00 €
Preis: 75,00 €
Werbung:
Werbung: