Ein Gutachter schweigt, der andere hat etwa so viele Fragen wie Antworten: Auch ein halbes Jahr nach dem verheerenden Bergrutsch von Nachterstedt, wo am 18. Juli 2009 die Böschung des Concordiasees abrutschte und drei Menschen sowie mehrere Häuser in die Tiefe riss, ist nicht klar, wie es zu dem Unglück kommen konnte. Man habe zwar die Zahl der möglichen Ursachen von 14 auf vier eingegrenzt, sagte gestern Reiner Haseloff, Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt. Der von seinem Haus beauftragte Gutachter Michael Clostermann erklärte aber, endgültig werde die Ursache »nicht vor Ende 2011« ermittelt sein.
Sicher ist bereits, dass für den Böschungsabriss ein ungewöhnlich komplexes Geflecht von Gründen in Frage kommt. »So etwas ist noch nie aufgetreten«, sagt Clostermann und spricht von einem »Unikum«. Ähnlich dürfte man das beim Bergbausanierer LMBV sehen, der sich bislang nicht zu möglichen Gründen für das Unglück geäußert hat. Haseloff kritisiert das. Die Öffentlichkeit, aber auch Behörden, Kommunen und Banken hätten ein Interesse zu wissen, warum die Böschung ins Rutschen geriet und wie das Restloch so gesichert werden kann, dass der See wieder touristisch genutzt werden kann.
An dieser Nutzung, betonte Haseloff, »halten wir fest«. Allerdings dürfte es noch Jahre dauern, bis auf dem Concordiasee wieder Schiffe fahren oder Badegäste am Strand liegen. »Das dauert länger«, sagt der Minister, der für betroffene Unternehmen deshalb einen Hilfsfonds eingerichtet wissen will. Dazu gibt es Gespräche mit dem Bundesministerium für Finanzen – schließlich sei die LMBV eine Gesellschaft des Bundes. Der CDU-Mann erklärte, Bundesminister Wolfgang Schäuble habe eine Beteiligung an Überbrückungshilfen avisiert, deren Höhe auf »weniger als eine Million Euro« beziffert wird – deutlich weniger als das, was für die Sicherung des Terrains noch aufgewendet werden muss.
Bevor diese beginnt, muss klar sein, warum der Hang abgerutscht ist. Mögliche Gründe könnten laut Gutachter Clostermann unterirdische Stollen sein, die zur Entwässerung der 1849 eröffneten Braunkohlegrube angelegt wurden und beim Fluten durch ihre »Kanalwirkung« die Böschung unterspülten. Ähnlich könnte ein unter Druck stehender Grundwasserleiter wirken, der während des aktiven Tagebaus nur unzureichend abgedichtet wurde. Denkbar ist es laut Clostermann auch, dass an bestimmten Stellen der 1890 aufgebauten Böschung das Material nicht genug zusammenhielt.
Gerade bei dieser Frage helfen Archivunterlagen nicht weiter. Clostermann betonte zwar, es gebe für den einst größten Braunkohlentagebau Preußens 1500 Aktenstücke – ungewöhnlich viele für eine einzelne Grube. 400 davon habe er bereits ausgewertet, 500 seien bisher noch verschollen. Was die Eigenschaften des Böschungsmaterials betreffe, seien aber oft Werte von anderen Stellen der Grube in die Berechnungen eingeflossen; nötig seien jetzt Bohrungen an der Unglücksstelle. Dafür müsse die LBMV ein Erkundungskonzept erarbeiten und genehmigen lassen – und zwar »schnellstens«, wie Haseloff unterstrich. Der Minister betonte, der Bergbausanierer habe »Hervorragendes geleistet«, als es um die Entschädigung der Betroffenen ging. Nun müsse aber »beschleunigt« die Ursache ermittelt werden, damit Anlieger und Investoren sicher sein könnten, dass »das Risiko künftig auf null gestellt« ist.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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