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Form ist Inhalt

Soziale Bewegungen und Protestrepertoires

Neben den Prinzipien der Kollektivität, der Konfliktorientierung und einer gewissen Dauerhaftigkeit sind es die Formen des Protestes, die Bewegungspolitik eindeutig unterscheidbar von Partei- oder Lobbypolitik macht.

Die »kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen«, eine Zusammenfassung von Ergebnissen eines Volkskundeseminars an der Hamburger Universität, trägt dieser Erkenntnis Rechnung. 15 Einzelbeiträge beleuchten das Spannungsfeld zwischen vermeintlich ernsthafter Politik wie der Straßendemonstration und clownesken, vermeintlich unernsten Protestformen, die Politikvorstellungen auf den Kopf und damit weit mehr in Frage stellen als das ausgefeilteste Flugblatt oder der stringent argumentierende Beitrag.

Protestformen sozialer Bewegungen und etablierter politischer Akteure lassen sich heute allerdings immer schwerer unterscheiden. Wenn etwa politische Institutionen der Bundesrepublik zu einer Demonstration gegen Rassismus aufrufen – und damit eigentlich Unfähigkeit oder Unwillen zum adäquaten politischen Handeln zur Schau stellen – oder, wie Roland Kochs Hessen-CDU eine Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft initiieren, übernehmen sie das Protestrepertoire der sozialen Bewegungen.

Demgegenüber betreiben soziale Bewegungen allzu oft das Geschäft der visuellen Medien: Sie liefern die spektakulären Bilder, die etwa eine Bundestagsdebatte nicht bieten kann. Wer hier wen instrumentalisiert – dazu fehlt in vielen Beiträgen eine Problematisierung.

Insbesondere im Beitrag, der sich mit der Rolle der Medien auseinandersetzt, fehlt der Bezug auf Wechselwirkungen zwischen Bewegungen und Medien. Andrej Mischerikow beschränkt sich allzu sehr auf technische Fragen und schwärmt von der »massenhaften Aneignung« von der Drucktechnik über audiovisuelle Medien bis hin zum Internet. Den sozialen Bewegungen wird somit immer auch eine Vorreiterrolle bei der Einführung neuer Technologien eingeräumt. Ob diese immer auch zur Demokratisierung beitragen, sei dahingestellt. Zudem bleibt auch die Veränderung von Bewegungen ausgeblendet, die sich in ihren Aktionsformen zunehmend auf Medienwirksamkeit konzentrieren.

Wie Form und Inhalt von Protest zusammenhängen, verdeutlicht nicht zuletzt der Prozess der »Rekuperation«, der Übernahme ehemals inhaltlich völlig konträr besetzter Protestformen. Sich schwarz zu kleiden, ein »Palituch« zu tragen und das Konterfei von Ché Guevara zu benutzen – das machen heute auch Nazis, um ihren Antisemitismus und ihre globalisierungsfeindliche und nationalistische Einstellung auszudrücken. Philipp Franz, David Höh und Ines Taube sehen ehemals »links« besetzte Zeichen nun mit anderem Inhalt versehen. Diese Sichtweise stößt jedoch an Grenzen. Sind es doch keine zufälligen Symbole, die aufgegriffen werden. Der Antisemitismus palästinensischer Organisationen, der Nationalismus verschiedenster Befreiungsbewegungen oder der Wohlstandschauvinismus westlicher Globalisierungsgegner verdiente etwas mehr Ideologiekritik, anstatt nur auf den symbolischen Gehalt der Protestformen zu achten.

Insofern hat die in diesem Buch aufgeworfene Frage nach Form und Inhalt von Politik keineswegs nur einen rein philosophischen Charakter. Die von Klaus Schönberger und Ove Sutter zusammengetragenen Beiträge bieten einen wichtigen Anstoß zur Debatte.

Klaus Schönberger / Ove Sutter (Hg.): Kommt herunter, reiht euch ein. Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen. Assoziation A, 272 S., 18 €.

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