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Von Klaus Bellin 03.02.2010 / Feuilleton

Schwermut im Herzen

Heinrich Böll hat in Christian Linder einen klugen, respektvollen Biografen gefunden

Sie sprachen über alles Mögliche, übers Schreiben natürlich, über sein Elternhaus, die Nazizeit, den Krieg, über Heimat, seine Romanfiguren, über Anarchie und Gewalt. Heinrich Böll nahm sich Zeit. An drei Tagen im März 1975, immer nachmittags, brach er auf, um in der Wohnung eines jungen Kölner Autors, der nicht einmal halb so alt war wie er, Auskunft über sich, sein Denken, seine Erfahrungen, seine Nöte zu geben. Sie tranken Kaffee, sie rauchten, und Böll erzählte. Er hatte 1972 den Nobelpreis erhalten, er war der womöglich berühmteste Schriftsteller der Bundesrepublik, freilich auch so umstritten, so attackiert und diffamiert wie kein anderer, zuletzt sogar in die Nähe der Terroristen gerückt. In Wahlveranstaltungen der CDU hatten sie ihm schon geraten auszuwandern.

Christian Linder hat noch im selben Jahr Teile der Unterhaltung in einem Büchlein dokumentiert. Es hieß »Drei Tage im März« und war tatsächlich so offen und freundschaftlich, wie der Text auf dem Umschlagrücken offerierte. Wer ist Heinrich Böll, fragte der Band und bezog sich dabei auf den Autor, der in der Unterhaltung über eine Romanfigur geäußert hatte, je öffentlicher eine Person sei, desto weniger wisse man von ihr. Die Frage hat Linder nicht mehr losgelassen, und sie steht, ungeschrieben, nun auch über dem Buch, das seine Versuche, eine Antwort zu finden, krönt. Es ist das erste Mal, dass jemand mit sichtlicher Sympathie für Böll schreibt, sich aber, im Gegensatz zu Heinrich Vormweg (der 2000 seine Biografie »Der andere Deutsche« vorlegte), den kritischen Blick nicht verbietet.

Merkwürdig genug, dass man von einem Mann wie Böll so wenig weiß. Es hat, natürlich, mit ihm selber zu tun. Er hat immer darauf geachtet, schreibt Linder, »dass niemand in sein Versteck hineinblicken konnte«. Die Deutungshoheit über seine Biografie gab er nicht aus der Hand, und als er tot war, sorgte die Familie dafür, dass alles so bleibt, wie es war. Inzwischen hat sich eine dicke Staubschicht über alles gelegt, was einmal zu Heinrich Böll gehörte. Etwas von diesem Staub will Linder jetzt, 25 Jahre nach dem 16. Juli 1985, wegwischen.

Den toten Böll sahen damals nur wenige. Einer von ihnen, Erich Kock, hat seinen Eindruck später beschrieben. Er sah einen »total erschöpften Menschen«, einen, der sich restlos verausgabt hatte, nicht nur als Autor. Er war ja, Sohn einfacher Leute, von unten gekommen und hatte es zum Repräsentanten der Nachkriegsliteratur, gar zum Nobelpreis gebracht, gerühmt, gefeiert, aber auch attackiert und bekämpft, ausgesetzt immensen Ansprüchen, eigenen und fremden, verwickelt in die aufreibenden politischen Auseinandersetzungen der sechziger und siebziger Jahre, ein Moralist, zuständig für alles Leid der Welt, für die Verfolgten und Bedrängten, im Herzen, wie er gestand, »dieser unsäglich große, schwarze Koloss«, die Schmermut.

Er war eine Instanz, die ständig gefordert war und selten zur Ruhe kam. Dabei wäre er am liebsten im Zimmer geblieben und hätte das getan, was er schon ganz früh wollte: schreiben. Er ist sich mit der Zeit, sagt Christian Linder, immer fremder geworden. Der Weltruhm und das Image, das er nun hatte, machten es unmöglich, sich auf die eigenen Bedürfnisse und Ansprüche zu konzentrieren. Für seine Mitwelt war er der »gute Mensch von Köln«. Die Rolle, nur mit großer, kräfteraubender Anstrengung auszufüllen, muss ihn am Ende regelrecht ausgehöhlt haben. »Ich will nicht Deutschlands Heinrich sein«: In diesem Stoßseufzer hat sich seine ganze Misere manifestiert.

Zum ersten Mal wird das Leben, wird die Welt dieses Schriftstellers breit und eingehend vorgestellt. Linder, der nicht chronologisch erzählt, sondern seinen Stoff nach Themenkomplexen gliedert, zeigt uns manche unbekannte Seite des Heinrich Böll. Der junge Mann und Autor, den man sich immer sehr bescheiden und still dachte, war gar nicht so friedlich, wie man geglaubt hat. Geboren 1917, war er voller Gottvertrauen, aber auch voller Wut und Hass, und er konnte sich sogar vorstellen, für die Familie wie Michael Kohlhaas zum rasenden Rächer zu werden. Überall, wie er fand, »Stumpfsinn« und nur wenige, die wussten, »was Kreuz, Liebe und Kunst ist«.

Der Soldat Böll im Glauben an den »Endsieg« und mit der Sehnsucht nach einem Fronterlebnis, dann aber, 1944, doch ernüchtert und überzeugt, »dass dieses, der Krieg, nicht unser Leben ist«. Schon als er sechzehn, siebzehn Jahre alt war, stand fest, dass er Schriftsteller werden würde. Er verfasste haufenweise Kurzgeschichten, die niemand haben wollte, aber das warf ihn nicht um, er schrieb, schrieb wie entfesselt und schaffte in zwei Tagen sogar mal fünfzig Novellen. Die Welt, in der er zu Hause war, wurde das zerstörte Köln, die Stadt der Trümmer, des Hungers, der Tristesse, der Onkel-Ehen. Er machte sie zum Schauplatz seiner Erzählungen und Romane.

Die Nachkriegsjahre, liest man bei Linder, waren wohl Bölls glücklichste Zeit. Er saß in seiner winzigen Mansarde auf der Bettkante und schrieb an seinen Büchern: »Der Zug war pünktlich«, »Wo warst du, Adam?«, »Haus ohne Hüter«. Er erzählte, was der Krieg aus den Menschen gemacht hat, erzählte ihr Leiden, ihr karges Glück, ihre Sprachlosigkeit. Noch war er vollkommen frei, von keiner Erwartungslast gedrückt. Das hat sich später rasch geändert, und je berühmter er wurde, umso heftiger blies ihm die (westdeutsche) Kritik ins Gesicht. Man nahm ihn literarisch nicht sonderlich ernst, verurteilte seine politischen Positionen und ritt mit Lust auf seinen erzählerischen Schwächen und Nachlässigkeiten herum. Nur zu verständlich seine Freude, als ihm der Nobelpreis zugesprochen wurde. Es war auch die Stunde, in der er über seine Kritiker triumphierte.

Christian Linder beschreibt, gestützt auf Briefe und das inzwischen fast vollständig erschlossene Werk, wie der Autodidakt ein Liebling des Publikums, gar das Gewissen der Nation wurde, er zeigt uns seine Liebe und seinen Hass, seine Wut und Rechthaberei, die starke Mutterbindung und seine Verwurzelung in der überschaubaren Welt der Familie, seinen Hang zur Anarchie und die Resistenz gegen alle Moden. Er war kein intellektueller Autor, keiner, der sich beim Schreiben kritisch über die Schulter sehen konnte. Das Bleibende, das er schuf, entstand früh. Später, als die Trümmer weggeräumt waren, war auch der Boden, auf dem der Schriftsteller Böll stand, verschwunden. Er floh aus Köln, und noch sein postum erschienener (und fast einhellig verrissener) Roman »Frauen vor Flußlandschaft«, radikal in den gesellschaftskritischen Befunden, machte seinen Lesern bewusst, dass er mit der neuen westdeutschen Gesellschaft nichts mehr zu tun haben wollte.

Es ist seit Langem still um ihn, sehr still. Inzwischen liegt das umfangreiche Werk, von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, in der nahezu kompletten, vielbändigen Kölner Ausgabe vor. Dazu kommt nun diese opulente, kluge, respektvolle und lesbare Biografie. Sie könnte helfen, Heinrich Böll, den man so genau noch gar nicht kennt, endlich wieder ins Gespräch zu holen.

Christian Linder: Das Schwirren des heranfliegenden Pfeils. Heinrich Böll. Eine Biographie. Verlag Matthes & Seitz, 617 S., geb., 29,90 € .

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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