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Von Anna Maldini, Rom 04.02.2010 / Ausland

Staatlich verweigerte Menschenwürde

Italien: Untersuchungsbericht kritisiert katastrophale Zustände in Lagern für Migranten

Die internationale Organisation »Ärzte ohne Grenzen« hat einen Bericht über die Lage in den italienischen Auffang- und Abschiebelagern für Migranten veröffentlicht. Die Ergebnisse sind verheerend: Oft werden auch die minimalen Standards der Menschenwürde nicht respektiert.
Weltweit bekannt – und berüchtigt: das Auffanglager L
Weltweit bekannt – und berüchtigt: das Auffanglager Lampedusa vor Sizilien

»Selbst wenn man ein Tierheim eröffnen will, muss man eine Genehmigung von Seiten der Gesundheitsbehörde vorlegen. In den italienischen Strukturen, in denen Migranten aufgenommen und identifiziert werden, wo man beschließt, ob sie ein Recht auf Asyl haben oder eventuell ausgewiesen werden müssen, ist das nicht der Fall.« Die Vertreter der Organisation »Ärzte ohne Grenzen« sind entsetzt. Und für ihr vernichtendes Urteil geben sie natürlich auch Beispiele.

So berichteten die Abgesandten der Organisation, dass die »Gäste« in Rom zwei Wochen lang weder fließendes Wasser noch Toilettenpapier und auch keine Decken hatten. In Foggia sind jeweils bis zu zwölf Personen in halb verrosteten Blechkontainern von 25 Quadratmetern untergebracht; es gibt keine Mensa und die Menschen müssen entweder auf den Betten oder auf dem Boden essen. Die medizinische Versorgung beschränkt sich auf ein Minimum und oft werden nur Medikamente zur Symptombekämpfung ausgegeben. Und wenn jemand ernste Probleme hat, kann er sie den Ärzten – wenn es denn welche gibt – auch nicht verständlich machen, da es keine Dolmetscher gibt.

Fast überall in den Lagern werden Menschen mit den unterschiedlichsten Geschichten und Bedürfnissen zusammengepfercht. Opfer von Menschenhandel und Drogenabhängige; Personen, die gefoltert wurden und Ausländer, die viele Jahre in Italien gelebt und hier auch eine Familie haben; geistig Behinderte und Menschen mit chronischen Leiden oder akuten Infektionskrankheiten. Insgesamt 40 Prozent der »Insassen« haben eine Gefängnisstrafe hinter sich und wurden in diese Strukturen gebracht, weil eine Identifikation und eine Abschiebung bisher nicht möglich war.

Die Ergebnisse sind ein hohes Gewaltpotenzial, Selbstverstümmelungen, Schlägereien, Brandstiftungen und sogar Selbstmorde, über die die Öffentlichkeit aber kaum etwas erfährt: Diese Lager – so die »Ärzte ohne Grenzen« – sind extraterritoriale Gebiete, ein Niemandsland mit hohen Mauern, Stacheldraht, vergitterten Fenstern und schwer bewaffnetem Wachpersonal. »Die Missachtung der grundlegenden Rechte ist zur Norm geworden«, heißt es in dem Bericht. Deshalb fordert die Organisation eine schnelle und grundlegende Reform aller Strukturen und die sofortige Schließung der Einrichtungen in Trapani und Lamezia Terme, wo ein menschenwürdiges Leben nicht möglich ist.

Das italienische Innenministerium dagegen hat den Report als »ideologisch gefärbt« und als »schlicht falsch« bezeichnet. »Bei uns herrscht europäischer Standard«, meinte Mario Morcone, ein Sprecher des Ministeriums. »Die Gäste werden mit ihrer ethnischen, religiösen und sprachlichen Herkunft respektiert und die medizinische und soziale Versorgung sind angemessen.«

Dazu passt, dass sich bisher noch keine Institution zu den Anschuldigungen von 300 afrikanischen Landarbeitern geäußert hat, die von der Polizei aus dem süditalienischen Rosarno abtransportiert wurden, nachdem sie ihre Rechte eingefordert hatten. »Man hat uns in Rom abgesetzt und dann gesagt: Und nun verschwindet.« Jetzt leben sie auf der Straße, von einigen Bürgern und vor allem Jugendzentren unterstützt. Sie haben sich zu einem Komitee zusammengeschlossen und eine Pressekonferenz abgehalten: »Wir haben von 6 Uhr morgens bis 8 Uhr abends auf den Feldern hart gearbeitet und das für 25 Euro pro Tag, von denen wir dann auch noch etwas für die Unterkunft abgeben mussten – in stillgelegten Fabrikhallen, ohne Licht, ohne Wasser und ohne hygienische Einrichtungen. Am Tag wurden wir ausgebeutet und nachts wurden wir von den Söhnen unserer Ausbeuter wie die Tiere gejagt«, haben die Vertriebenen erklärt. Und weiter: »Für die Behörden dieses Landes sind wir unsichtbar. Man hat uns abtransportiert und uns selbst überlassen. Hier in Rom haben wir keine Arbeit und keine Unterkunft. In Rosarno mussten wir unsere Habseligkeiten lassen und auch noch einen Teil unseres Hungerlohns.« Jetzt fordern die afrikanischen Landarbeiter, dass ihnen zumindest vorübergehend Asyl gewährt wird. Aber, wie gesagt: Keine Behörde fühlt sich zuständig.

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