05.02.2010

Streitfrage: Ist die Förderung für Solarstrom zu hoch?

Es debattieren Dr. Holger Krawinkel und Hans-Josef Fell

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Hans-Josef Fell

Untragbare Kosten für die Verbraucher

von Dr. Holger Krawinkel

Die gegenwärtigen und zukünftigen Kosten für die Verbraucher steigen in nicht mehr tragbare Dimensionen, wenn die Vergütungen nicht deutlich abgesenkt werden. Wird Solarstrom in den nächsten fünf Jahren weiterhin zu den bisherigen Bedingungen vergütet, müssen für die dann errichteten Solaranlagen in den nächsten zwanzig Jahren von allen Stromverbrauchern über ihre Stromrechnungen bis zu 80 Milliarden Euro bezahlt werden. Der Grund: Mittlerweile übertrifft der Zubau an Solaranlagen die Prognosen um ein Vielfaches von dem, was noch im Sommer 2008 vorausgesagt wurde, als die neuen Förderbedingungen für Solarstrom festgelegt wurden.

Die Ursache für die starke Nachfrage liegt auch im Preisverfall für kristalline Solarmodule. Die Kosten für Solaranlagen unter 100 Kilowatt (kW) sind von Anfang 2006 bis Ende 2009 um etwa 40 Prozent gesunken, die Vergütungen im selben Zeitraum aber nur um 17 Prozent. Für 2010 können weitere Kostensenkungen in Höhe von 20 bis 30 Prozent erreicht werden. Für 2010 gehen viele Experten von einem durchschnittlichen Preisniveau für europäische kristalline Module von 1,60 Euro je Watt aus; für asiatische wird ein Preis von 1,30 bis 1,40 Euro je Watt erwartet. Hinzu kommen die Nicht-Modulkosten für Montage, Wechselrichter, Kabel, sonstiges Zubehör und Netzanschluss, die mit rund 0,8 bis 1,0 Euro je Watt veranschlagt werden.

Bei einer rund sechsprozentigen Rendite würde bei Anlagenpreisen von 2200 bis 2600 Euro eine Vergütung von rund 24 bis 28 Cent je Kilowattstunde (kWh) ausreichen. Die jetzt vom Bundesumweltminister geplante Kürzung um 15 Prozent zum 1. April 2010 würde eine Vergütung von 33 Cent je kWh für Dachanlagen unter 100 kW bedeuten. Da ist immer noch Luft! Im Übrigen kommt zu der sechsprozentigen Rendite hinzu, dass Solarmodule 30 bis 40 Jahre halten, in der Renditekalkulation aber nur 20 Jahre veranschlagt wurden. Nach 20 Jahren gibt es also noch viele Jahre den Strom umsonst dazu.

Werden statt kristallinen Modulen z. B. Dünnschichtmodule verwendet, sinken die Kosten weiter. Das hier führende Unternehmen produziert Module bereits seit Anfang 2009 für unter 0,70 Euro/Watt und weitere Kostensenkungen sind angepeilt. Das Magazin »Wirtschaftswoche« hat im Herbst 2009 aufgezeigt, dass bereits zu diesem Zeitpunkt Qualitätsanlagen erhältlich waren, mit denen man in Deutschland Solarstrom zum »Steckdosenpreis« produzieren konnte.

Die starken Preissenkungen für Solarmodule zeigen, dass aufgrund einer jahrelangen Überförderung die Hersteller die Verkaufspreise künstlich hochhalten konnten und wenig auf Kosteneffizienz achten mussten. Erst als es seit Anfang 2009 ein Überangebot an Modulen gab, sanken die Preise, so dass sie nun nur noch leicht über den Herstellungskosten liegen. So betragen die durchschnittlichen weltweiten Herstellungskosten für kristalline Solarmodule nach Angaben des Beratungsunternehmens Photon Consulting 2010 1,17 Euro/Watt.

Der Erfahrungsbericht des Bundesumweltministeriums zum Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), der zur Novelle des Jahres 2008 vorgelegt wurde, ging davon aus, dass der jährliche Anlagenzubau gegenüber dem Jahr 2006 von 950 Megawatt (MW) auf 400 MW im Jahr 2015 zurückgehe. Der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) hatte am 8. Mai 2008 kurz vor der Einigung zur EEG-Novelle mitgeteilt, dass sich für Solarstrom eine maximale monatliche Haushaltsbelastung von 2,14 Euro ergebe und dabei künftige Zubauzahlen als Basis genommen würden. Als Zubauzahl, aufgrund derer die 2,14 Euro pro Monat und Haushalt berechnet wurden, hatte der Bundesverband Solarwirtschaft die EEG-Mittelfristprognose der Energiewirtschaft vom 22. April 2008 zugrunde gelegt, welche von einem jährlichen Photovoltaik-Zubau von 623 bis 706 MW ausgeht.

Der Zubau 2009 wird in Deutschland bei rund 3000 MW liegen. Für die Verbraucher bedeutet dies hohe finanzielle Belastungen. Die für 2009 kalkulierte EEG-Umlage wird voraussichtlich um etwa 0,2 Cent/kWh erhöht werden müssen. Obwohl für 2010 mit etwa 0,7 Cent/kWh ein Drittel der EEG-Umlage (bei einem Anteil von nur 9 Prozent an der EEG-Strom-Gesamtmenge!) entfällt, ist auch für dieses Jahr mit einer Umlageerhöhung zu rechnen. Dadurch kann die jährliche Belastung für einen Vierpersonenhaushalt auf 100 Euro ansteigen. Bereits eine konservative Rechnung zeigt, dass allein für alle 2009 neu installierte Solarstrom-Anlagen die Verbraucher Mehrkosten in Höhe von rund zehn Milliarden Euro bezahlen müssen. Hätte der Zubau nicht bei rund 3000, sondern wie in der Kostenkalkulation des BSW berücksichtigt, bei 682 MW gelegen, hätten die Kosten für die Verbraucher bei rund 2,3 Milliarden Euro gelegen. Absolut gesehen geht es bei der aktuellen Diskussion nicht um eine Kürzung der Fördermittel, sondern um eine Vervierfachung.

Dennoch ist das weit höhere Wachstum des Zubaus an Solarstromanlagen positiv zu sehen. Je mehr Solarstromanlagen zugebaut werden, desto schneller gelingt der Umstieg auf eine nachhaltige Energieversorgung. Dadurch kann das Ziel erreicht werden, die Stromversorgung in Deutschland bis zum Jahre 2050 vollständig auf erneuerbare Energien umzustellen. Wenn diese Entwicklung von den Verbrauchern akzeptiert werden soll, müssen der Branche alle möglichen Anstrengungen abverlangt werden, um eine schnelle und weitgehende Senkung der Vergütungssätze zu ermöglichen. Nur so können die mit diesem Ziel verbundenen Kostensteigerungen wenigstens zum Teil ausgeglichen werden.

Solarstrom wird durch die staatlich induzierte Förderung künstlich teuer gehalten. Dies behindert den weltweiten Durchbruch. Klimaschutztechnologien können sich weltweit aber nur verbreiten, wenn sie ohne Subventionen auskommen. Auch unter diesem Aspekt sind kurzfristig Korrekturen der Förderbedingungen erforderlich. Die von Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) geplante Absenkung um 15 Prozent in 2010 und um weitere zehn Prozent in 2011 bei sehr starkem Wachstum stellt daher nicht nur einen vertretbaren Kompromiss dar. Sie garantiert einen weiteren Wachstumsschub und die hierfür erforderliche gesellschaftliche Akzeptanz. Und: Für potenzielle Anlagenbetreiber besteht keinerlei Anlass zu Panik und Hektik. Auch nach dem 1. April 2010 lohnt sich die Installation einer neuen Solaranlage!

Dr. Holger Krawinkel, 1956 geboren, ist seit Anfang 2004 Fachbereichsleiter Bauen, Energie, Umwelt bei der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv). Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler war davor Vorstandsmitglied des Öko-Instituts und sowie der Energiestiftung Schleswig-Holstein.

Ein Treppenwitz der Geschichte

Von Hans-Josef Fell

Die industrielle Entwicklung der Photovoltaik in Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte. Manche sprechen gar von einem grünen Wirtschaftswunder. 60 000 Arbeitsplätze in der Solarwirtschaft wurden in gut zehn Jahren in Deutschland neu geschaffen – viele davon in neuen Produktionsstätten, die vor allem im Osten Deutschlands einen wichtigen Beitrag leisteten.

Grundstein für diese Entwicklung ist in erster Linie das im Jahr 2000 von Rot-Grün geschaffene Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und die damit verbundene garantierte Einspeisevergütung. Diese war hoch genug, mit Solarstromanlagen wirtschaftlich rentable Investitionen zu ermöglichen. Deutschland schwang sich in die Technologieführerschaft der Welt. Betrug das hiesige Marktvolumen im Jahre 1998 gerade mal 14 Megawatt (MW), so explodierte der Markt auf geschätzte 3200 MW im Jahre 2009. Gleichzeitig fand die durch die Massenfertigung erwartete Kostensenkung statt. Die Solarstromvergütung konnte jedes Jahr um fünf Prozent zurückgefahren werden. 2008 betrug die Degression acht bis zehn Prozent und 2009 sogar zehn bis zwölf Prozent (Hinzu gedacht werden muss die jährliche Inflationsrate).

Die regelmäßige Degression schaffte die Balance, die Vergütung als Stimulanz eines weiteren Marktwachstum zu erhalten und gleichzeitig die Kosten für die Stromkunden weiter zu senken. In etwa fünf Jahren werden auch in Deutschland Kosten erwartet, die unter den Strompreisen liegen, wie sie der Kunde für den Strom aus der Steckdose bezahlen muss. Ab dann wird es eine weitere Marktexplosion geben und die Photovoltaik wird als emissionsfreie Stromerzeugung auch mit noch größeren Volumina kostengünstig einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz leisten können.

Vielfach werden auch die gesellschaftlichen Vorteile des EEG verschwiegen: Den Mehrkosten im EEG von 3,2 Milliarden Euro (wohlgemerkt durch alle Erneuerbare Energien, nicht nur Photovoltaik) stehen vermiedene Bezugskosten fossiler Brennstoffe von über fünf Milliarden Euro und vermiedene externe Kosten gar von über sieben Milliarden Euro gegenüber. Eine volkswirtschaftliche Belastung gibt es daher nicht.

Der Anteil der gesamten Energiekosten am Haushaltsstrompreis liegt aktuell etwa bei fünf Prozent. Der Anteil der EEG Kosten am Industriestrompreis sind nach Angaben des Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) sogar von 12,3 im Jahre 2008 auf 10,4 Prozent im Jahre 2009 gesunken. Preistreiber für die Verbraucher sind in erster Linie der fehlende Wettbewerb in der Stromerzeugung durch wenige Stromkonzerne und steigende Beschaffungskosten für fossile Brennstoffe wie Kohle und Erdgas. Das sind Kosten, die auch in den nächsten Jahrzehnten weiter steigen und den Verbraucher weiter belasten werden.

Zuzüglich zu den Vergütungssenkungen, die bereits zum 1.1.2010 im Mittel um zehn bis zwölf Prozent erfolgten, will Schwarz-Gelb jetzt sehr zeitnah eine weitere Senkung um 15 Prozent für Dachanlagen und bis zu 25 Prozent für Anlagen, die auf Freiflächen gebaut werden, durchdrücken. Hinzu kommt natürlich die am 1.1.2011 vorgesehen nächste reguläre Vergütungssenkung um acht bis zwölf Prozent. Wird dies alles so realisiert, wird ein größerer Teil der deutschen Unternehmen vom Markt verschwinden. Die im Umwelthaushalt 2010 von Umweltminister Röttgen vorgeschlagenen Kürzungen der Solar-Forschungsmittel von 32,5 Millionen Euro auf 25 Millionen Euro sind genau das verkehrte Signal. Statt jetzt die Konkurrenz aus dem Ausland mit einer Technologieoffensive abzuwehren, streicht Röttgen zusätzlich die öffentlichen Mittel zur Innovationsförderung zusammen.

Inzwischen haben andere Länder die Vorteile der industriellen Entwicklung mit Arbeitsplätzen und Investitionen sowie als Beitrag zum Klimaschutz erkannt. Vor allem in China, aber auch in den USA ist neue Konkurrenz entstanden, die mit Macht auf die Weltmärkte drängt. Mit Wettbewerbsvorteilen wie billige Lohnkosten oder direkte Subventionen können diese oftmals der deutschen Konkurrenz die Märkte abjagen. Da Deutschland als exportorientierte Nation an einen freien Welthandel interessiert sein muss, kann diese Konkurrenz nicht, wie oftmals gefordert, durch Einfuhrzölle beschränkt werden. Um die deutsche Technologieführerschaft zu erhalten, brauchen die deutschen Unternehmen weiterhin Luft für Investitionen in Forschung und technologische Weiterentwicklung.

Wer mit den außerordentlichen Preissenkungen des letzten Jahres bei Photovoltaikmodulen argumentiert, verschweigt zwei wichtige Aspekte. Zum einen machen die Solarmodule nur einen Teil der Systemkosten einer Photovoltaikanlage aus. Die übrigen Anlagen- und Installationspreise sind weniger gesunken als die der Solarmodule.

Vor allem dürfen Preise und Kosten nicht verwechselt werden. Letztes Jahr fielen die Preise deshalb so stark, weil sich der Markt von einer übergroßen Nachfrage in ein übergroßes Angebot drehte. Viele Unternehmen, darunter auch technologisch führende schrieben bereits im letzten Jahr Miese, da sie ihre Kosten nicht im gleichen Umfang senken konnten. Wer jetzt den Bogen überspannt, läuft Gefahr, dass eine Reihe von Unternehmen Insolvenz anmelden müssen. Die sich entwickelnden Weltmärkte werden dann andere unter sich aufteilen.

Lachende Dritte sind Hersteller im Ausland, die dann den schnell wachsenden Weltmarkt unter sich ausmachen. Südafrika und Indien haben ein EEG nach deutschem Vorbild beschlossen. China hat ein Konjunkturprogramm für 40 Milliarden US-Dollar für Erneuerbare Energien aufgelegt, und Großbritannien hat in diesen Tagen ein Gesetz in Kraft treten lassen, wonach die Photovoltaik mit 0,47 Euro pro Kilowattstunde vergütet wird.

Es ist ein Treppenwitz der Geschichte: Erst wird in Deutschland über zehn Jahre hinweg mit großen Anstrengungen erfolgreich die Solarwirtschaft aufgebaut und Technologie voran getrieben – und nun, wo auf dem Weltmarkt geerntet werden kann, wird die heimische Solarwirtschaft stranguliert. Eine zusätzliche Vergütungssenkung im einstelligen Prozent-Bereich für Dachanlagen und Freiflächenanlagen über mehrere Stufen über das Jahr verteilt wäre die richtige Antwort, um den industriellen Erfolg über zusätzliche Preissenkungen auszugleichen. Damit wäre das Handwerk weiterhin beschäftigt und die zukunftsfähigsten Teile der deutschen Industrie könnten die zusätzliche Vergütungsabsenkung überstehen.

Übrigens, der Verbraucherschützerverband, Bund der Energieverbraucher, sieht dies ganz ähnlich.

Hans-Josef Fell, Jahrgang 1952, ist energiepolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Außerdem ist er Mitglied im Ausschuss für Umwelt,Naturschutz und Reaktorsicherheit des Bundestags sowie Vizepräsident von EUROSOLAR, einer gemeinnüzigen Vereinigung zur Verbreitung erneuerbarer Energien. Hans-Josef Fell ist von Beruf Lehrer.

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